Versuch, kirchliche Tradition vor der Moderne abzuschotten

Goertz sieht "Theologie des Leibes" als gescheitert an

Veröffentlicht am 24.03.2025 um 13:24 Uhr – Lesedauer: 5 MINUTEN

Bonn ‐ Die Konzeption menschlicher Sexualität, die Johannes Paul II. entwickelt hat, wird heute noch in der Kirche hochgehalten, um klassische katholische Sexualmoral zu begründen. Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz kann dem Konzept wenig abgewinnen.

  • Teilen:

Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz sieht in der "Theologie des Leibes" von Papst Johannes Paul II. den Versuch, die hergebrachte kirchliche Lehre von Entwicklungen der Moderne abzuschotten. Das dort vertretene Konzept menschlicher Sexualität könne als "der letzte große, am Ende gescheiterte Versuch" interpretiert werden, "die vormodernen Überlieferungen christlicher Sexualmoral in die Gegenwart zu retten", schreibt Goertz in einem Beitrag in der "Herder-Korrespondenz" (April-Ausgabe). Mit der Theologie des Leibes sei man in der Lage, das von der katholischen Lehre fernzuhalten, was sie kulturell in die Bedrängnis bringe: "die Entdeckung der Freiheit und Gleichheit der Geschlechter und die Freisetzung der Sexualität der sich Liebenden vom sozialen Erwartungsdruck (standesgemäß, ehelich, reproduktiv)."

Für Johannes Paul II. seien aber Autonomie und Gleichheit im Kontext der Sexualmoral unpassende Werte. "Ihn interessieren die Eigenheiten männlicher und weiblicher Körper, um daraus den Vorrang der Fortpflanzung abzuleiten. Menschen haben sich ihrer geschlechtsspezifischen Körperlichkeit zu beugen, wenn sie moralisch handeln wollen", so Goertz. "Die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. ist eine exkludierende Theologie des heterosexuellen, zu Ehe und Familie berufenen Leibes. Was in der Sexualität an menschlich Bedeutsamem erlebt werden kann, zählt nur, solange es im katholisch korrekten Rahmen bleibt." Außerhalb des "Korsetts der Tradition" gebe es keine wertvollen Erfahrungen des Leibes.

Gegen diesen Entwurf stellt Goertz eine Konzeption von Liebe und Sexualität, die sich nicht derart einhegen lässt: "In der Form des ganzheitlichen Begehrens einer anderen Person stellt Liebe ein prekäres Prinzip dar – sie lässt sich nicht kalkulieren oder erzwingen, nicht durch bloßen Willen am Leben erhalten, nicht institutionell einfangen. Sie schert sich womöglich nicht um die Geschlechterdifferenz oder die Differenz des Lebenstandes."

Moralische Regulierung gut begründen

Das befreie die Liebe nicht von ethischen Ansprüchen. Die Kriterien dafür hätten sich aber gewandelt. Nicht auf den "Leib und dessen Zweck oder Symbolik" sei Rücksicht zu nehmen, "sondern auf die Personen, die unmittelbar oder mittelbar betroffen sind", so Goertz weiter: "Die einvernehmliche, wechselseitige, verantwortungsvoll praktizierte sexuelle Genussverschaffung gilt als sittlich unproblematisch, solange Würde und Rechte der anderen nicht unter die Räder kommen". Jede weitere moralische Regulierung müsse gut begründet werden.

Die "Theologie des Leibes" zieht sich durch das Werk von Papst Johannes Paul II. (1978–2005). Schon vor seinem Pontifikat arbeitete er in seinem philosophischen Hauptwerk "Person und Tat" wichtige Grundlagen dafür heraus, nachdem er bereits in den 1940er Jahren als Kaplan erste Ansätze entwickelt hatte. Von 1979 bis 1984 entwickelte er in wöchentlichen Katechesen eine Theologie, in der Liebe und die Bedeutung der Sexualität nach Gottes Schöpfungsplan im Mittelpunkt stehen. Der Leib wird dabei in seiner besonderen Bestimmung als Mann und Frau als Gottesoffenbarung betrachtet. (fxn)