Venezolanischer Priester: Hoffnung ist das Letzte, das wir verlieren
Nach dem Militärschlag und der Verhaftung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA stehen die Menschen im Land vor vielen Fragen über ihre Zukunft. Manuel Lagos, Herz-Jesu-Priester, Psychologe und Theologe, ist in Venezuela geboren und hat Familie und Freunde im Land. Im katholisch.de-Interview erzählt er von den Sorgen und Hoffnungen der Menschen – und begründet, welche Bedeutung die Kirche und der Glaube auch in der momentanen Situation haben.
Frage: Herr Lagos, wie ist die derzeitige Situation in Venezuela?
Lagos: Am 3. Januar gab es eine Intervention der Vereinigten Staaten in Venezuela, bei der Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores festgenommen und vor Gericht nach New York gebracht wurden. Tatsächlich begann die USA etwa seit August letzten Jahres, Druck auf Venezuela auszuüben und Militärschiffe in der Karibik zu stationieren. Das löste in Venezuela bereits eine gewisse Besorgnis aus. Derzeit gibt es eine große Unsicherheit im Land, was als nächstes passieren könnte. Bisher gab es aber zum Beispiel noch keine großen Demonstrationen von Unterstützern Maduros, die seine Freilassung fordern. Ich habe Familie und Freunde in Venezuela, mit denen ich gesprochen habe. Sie haben mir gesagt, dass sich die Lage allmählich wieder normalisiert.
Frage: Was bedeutet "normalisiert"?
Lagos: Viele Menschen fangen wieder an, zu arbeiten. Gleichzeitig haben die Leute aus Angst alles Notwendige eingekauft, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein. Am Tag nach der Verhaftung Maduros sind alle zu Hause geblieben. Sie wurden aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen, und zu diesem Zeitpunkt waren die Straßen leer und es fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel. Ab dem 5. und 6. Januar kehrte eine gewisse Entspannung der Lage ein. Natürlich herrscht trotzdem noch Unruhe über das, was kommen könnte.
Manuel Lagos scj, Herz-Jesu-Priester aus Venezuela
Frage: Was halten die Venezolaner von der Verhaftung Maduros durch die USA?
Lagos: Es gibt gemischte Gefühle. Viele Menschen sehen das erstmal positiv, aber sie hinterfragen die Art und Weise, wie die USA vorgegangen sind. Viele Menschen behaupten, dass die Politik Maduros und das System des Sozialismus im 21. Jahrhundert Venezuela an eine Grenze gebracht haben. Sei es in wirtschaftlicher Hinsicht oder in Bezug auf politische Gefangene, den Mangel an Freiheit oder Menschenrechtsverletzungen. Bei den Wahlen im Juli 2024 zeigte sich, dass ein großer Teil der Bevölkerung mit Maduros Politik unzufrieden ist. Doch die Regierung hat das Wahlergebnis gefälscht und sich über die eigene Bevölkerung hinweggesetzt. Die Menschen erwarteten eine Reaktion, aber nicht in dieser Form, nicht als bewaffneten Angriff. Das Problem ist: Nach wie vor können sich die Menschen in den sozialen Netzwerken nicht frei äußern, da die Regierung die Netzwerke kontrolliert. Tatsächlich haben die Menschen Angst davor, Nachrichten und Fotos zu veröffentlichen, da sie Angst vor Repressalien durch die immer noch amtierende Regierung haben. So wurde beispielsweise angekündigt, dass jeder, der die Handlungen der Vereinigten Staaten rechtfertigt oder unterstützt, strafrechtlich verfolgt wird. Das wurde den Menschen offen gesagt und macht ihnen natürlich Angst.
Frage: Welche Hoffnungen und Sorgen haben die Menschen in Venezuela?
Lagos: In Venezuela haben wir gelernt, dass das Leben weitergehen muss. Viele Menschen gehen zur Arbeit und engagieren sich weiterhin für das, was sie tun. Sie sind sehr resilient. Die größte Sorge der Menschen besteht derzeit darin, eine friedliche Lösung für diesen Konflikt zu finden und dass dieser Konflikt ohne Einsatz von Gewalt und Krieg beendet wird. Eine weitere Sorge ist die Frage, ob es wirklich einen Übergang vom derzeitigen politischen Modell zu einem anderen geben wird. In Venezuela gilt seit 26 Jahren der durch Chávez geprägte Sozialismus, der durch Karl Marx, aber auch Chávez' eigenen Autoritarismus beeinflusst ist. Viele Menschen wollen eine Stabilisierung der Wirtschaft und einen Zugang zu einem besseren und würdevolleren Leben, was sie derzeit nicht haben. Gleichzeitig hoffen viele Venezolaner auf die Freilassung politisch Inhaftierter. Und natürlich sind da die sieben bis acht Millionen geflüchteten Venezolaner, die jetzt die Hoffnung haben, in ihre Heimat und zu ihren Familien zurückkehren zu können. Als Geistlicher versuche ich, den Menschen Hoffnung zu geben, den Dialog zu fördern und eine friedliche Lösung auch beim Aufbau unseres Landes anzustreben.
„Die Venezolaner haben ein sehr starkes Vertrauen in Gott, das ihnen hilft, sich von schwierigen Situationen zu erholen“
Frage: Beeinflusst die Situation die Arbeit der Priester in Venezuela?
Lagos: Ja, das hat sicherlich Einfluss. Viele Priester aus Venezuela mussten das Land verlassen, um in anderen Ländern zu arbeiten und ihre Familien in Venezuela unterstützen zu können. Viele religiöse Gemeinschaften mussten das Land auch aufgrund fehlender Ressourcen verlassen, weil die wirtschaftliche Situation von Tag zu Tag schwieriger wurde. Viele Ordensleute aus anderen Teilen der Welt können aufgrund der Schwierigkeiten bei der Erteilung von Visa nicht einreisen. Dies betrifft vor allem jene Ordensgemeinschaften, die sich vor allem um die Bedürftigsten kümmern. Diese Menschen im Land arbeiten viel und verdienen sehr wenig, sie sind erschöpft von der Arbeit und der schlechten Wirtschaftslage. Außerdem gab und gibt es Spannungen zwischen der Regierung und der Kirche. Aber die Kirche hat immer versucht, Wege des Dialogs zu suchen, Hoffnung zu geben und den Menschen beizustehen.
Frage: Hilft den Menschen ihr Glaube in dieser unsicheren Zeit?
Lagos: Ja, auf jeden Fall. Die Venezolaner haben ein sehr starkes Vertrauen in Gott, das ihnen hilft, sich von schwierigen Situationen zu erholen. Zum Beispiel sagen viele Menschen derzeit, und das ist ein sehr venezolanischer Ausdruck: "Gott weiß es". Es ist, als würden sie alles in Gottes Hände legen, das hat den Menschen sehr geholfen. In dieser schwierigen Situation, in denen viel Misstrauen gegenüber Politikern und auch Mitmenschen herrscht, klammern sich viele an das Vertrauen in Gott. Studien zeigen, dass die Kirche im Vergleich zu anderen Institutionen in Venezuela einen sehr hohen Grad an Glaubwürdigkeit genießt. Die Menschen vertrauen der Kirche als Institution. Auch die Heiligsprechung von José Gregorio Hernández und Carmen Rendiles im Oktober 2025 gab der Kirche in Venezuela einen Glaubensschub.
Frage: Haben Sie Hoffnungen, dass sich die Situation in Venezuela jetzt verbessert?
Lagos: In Venezuela sagen wir, dass die Hoffnung das Letzte ist, was man verliert. Ich glaube, es wird nicht einfach sein, eine schnelle Lösung zu finden. Aber ich habe die Hoffnung, dass wir ein Land wiederaufbauen können, das viele schöne Dinge und viele gute Menschen hat, die eine bessere Lebensqualität bekommen können. Wir müssen anfangen, nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Kopf zu denken. Und um ein Land wiederaufzubauen, muss ein Prozess stattfinden, an dem wir alle beteiligt sind. Der Schaden, der in Venezuela angerichtet wurde, ist auch psychologischer Natur, denn die Menschen wurden in ihrem Vertrauen zutiefst verletzt. Deshalb glaube ich, dass es einige Zeit dauern wird, bis die politischen und rechtlichen Institutionen des Staates wieder Glaubwürdigkeit erlangen können. Ich glaube, dass dies ziemlich lange dauern wird. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass dies auf friedliche Weise geschieht und dass wir es auf demokratische Weise schaffen können.
