Führung im Krisenmodus: Zwischen Donald Trump und Papst Leo XIV.
Das neue Jahr ist erst wenige Wochen alt. Und doch ist mit dem 20. Januar der Zeitpunkt gekommen, um auf die vergangenen Monate zurückzublicken – nicht als abgeschlossene Bilanz, sondern als erste Verdichtung. Für katholische Gläubige weltweit ist dieser Zeitraum von besonderer Bedeutung. Denn in kurzer Zeit sind zwei Amerikaner an die Spitze von Systemen getreten, deren Wirkung weit über Politik und Kirche hinausreicht: Donald Trump im Weißen Haus und Leo XIV. in Rom. Beide stehen für unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Wie wird geführt, wenn bestehende Ordnungen in schwierige Fahrwasser geraten?
Diese zeitliche Asymmetrie ist aufschlussreich. Trump agiert ohne Anlauf, ohne tastende Phase, ohne Rücksicht auf institutionelle Schonräume. Leo dagegen befindet sich noch im Prozess des Setzens und Strukturierens. Dennoch reagieren beide auf eine vergleichbare Ausgangslage: Sie führen Systeme, die unter erheblichem Druck stehen und deren Tragfähigkeit nicht mehr selbstverständlich ist. Entscheidend ist daher nicht, wer schneller oder lauter agiert, sondern wie Führung aussieht, wenn Systeme nicht mehr von selbst tragen.
Tiefgreifende Herausforderungen
Der amerikanische Traum steht seit Jahren unter wachsender Skepsis. Als integrative Erzählung versprach er Aufstieg, Teilhabe und Zugehörigkeit trotz Unterschiedlichkeit. Er war nie konfliktfrei, aber lange genug verbindend. Heute ist dieser Traum überdehnt. Soziale Ungleichheit, kulturelle Identitätskämpfe, politischer Vertrauensverlust und die religiöse Aufladung politischer Loyalitäten haben seine Tragfähigkeit geschwächt. Der Traum ist nicht verschwunden – doch seine einstige Brillanz zeigt Risse.
Auch die katholische Kirche steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Missbrauchsskandale, Autoritätsverlust, kulturelle Fragmentierung und innerkirchliche Polarisierung haben das Vertrauen in eine Ordnung erschüttert, die Sinn und moralische Verbindlichkeit vermitteln will. Besonders in den USA zeigt sich diese Spannung deutlich: zwischen institutioneller Stabilität und ideologischer Verhärtung, zwischen sakramentaler Einheit und politischer Polarisierung. In beiden Fällen geht es nicht um Detailreformen, sondern um die Frage, wie viel innere Spannung ein System aushält, ohne an sich selbst zu zerbrechen.
"Entscheidend ist daher nicht, wer schneller oder lauter agiert, sondern wie Führung aussieht, wenn Systeme nicht mehr von selbst tragen", schreibt Andreas G. Weiß in seinem Gastbeitrag. Er ist Religionswissenschaftler und Theologe.
Auf diese vergleichbare Lage antworten Trump und Leo mit gegensätzlichen Strategien: Trump setzt auf Disruption, Leo auf Entschleunigung. Beides erzeugt Reibung und Aufmerksamkeit – aber in unterschiedlicher Qualität. In den Monaten bis zum 20. Jänner 2026 wurde deutlich, dass Trumps zweite Amtszeit anders verläuft als die erste. Er war vorbereitet. Die Besetzung zentraler Posten folgt nahezu ausschließlich einer Loyalitätslogik. "Alteingesessene" Republikaner spielen kaum noch eine Rolle – weder im Regierungsteam noch in den Parteigremien. Institutionelle Breite wurde durch persönliche Verlässlichkeit ersetzt.
Politischer "Erlöser"
Hinzu kommt ein entscheidender Faktor: Trump hat politisch nichts mehr zu verlieren. Dass er keine Wahl mehr gewinnen muss, wirkt nicht befreiend, sondern enthemmend. Was bleibt, ist das, was immer seine eigentliche Stärke war: Schlagzeilen zu produzieren – koste es, was es wolle. Rücksicht weicht einem Kalkül des maximalen Erfolges, unabhängig davon, was davor war und was danach kommt.
Diese Logik zeigt sich exemplarisch im Umgang mit dem Thema Frieden. Trump reklamiert ihn für sich, denkt ihn zugleich aber als etwas, das notfalls gewaltsam durchgesetzt werden darf. Frieden erscheint nicht als Ergebnis mühsamer Aushandlung, sondern als Zustand, den der Stärkere erzwingt. Ähnlich widersprüchlich ist sein Versprechen, "America great again" zu machen: Größe wird nicht aus Kooperation oder institutioneller Verlässlichkeit gewonnen, sondern aus Dominanz. Kolonialistische Denkmuster – Besitzansprüche, Einflusszonen, das Recht des Stärkeren – werden rhetorisch reaktiviert. Diese Widersprüchlichkeit prägt auch Trumps Außenpolitik. Er kritisiert Russlands Krieg gegen die Ukraine scharf und bedient sich zugleich in anderen Kontexten ähnlicher Logiken gewaltsamer Durchsetzung politischer Ziele, etwa im Umgang mit Venezuela. Prinzipien gelten situativ, nicht universal.
Trump inszeniert sich als starker Mann, scheut jedoch klare Selbstverpflichtungen. Verbindliche Zusagen, dauerhafte Regeln und transparente Grenzen der eigenen Macht werden vermieden. Stärke zeigt sich nicht in Verlässlichkeit, sondern in Unberechenbarkeit. Checks and Balances treten in den Hintergrund; Institutionen wandeln sich von tragenden Ordnungen zu Werkzeugen politischen Agierens. Damit gewinnt Trumps Politik eine religionspolitische Dimension. Er sieht sich im Recht dessen, der durch den Volksentscheid legitimiert ist – und damit über den Dingen steht. Viele seiner Anhänger lesen ihn als politischen "Erlöser": als den, der sagen und tun darf, was andere nicht mehr wagen. Diese Erlöserlogik ist gefährlich, weil sie politische Verantwortung sakralisiert und Kritik delegitimiert.
Leos Kontinuität zum Vorgänger
Leo XIV. wählt einen anderen Weg. Auch er führt ein System unter veränderten Voraussetzungen, doch statt die Herausforderung zu eskalieren, versucht er, sie zu verteilen. Seine Führung ist von Gesten der Stabilität geprägt. Er setzt eine inhaltliche Kontinuität zu Papst Franziskus fort, ohne dessen Stil zu kopieren. In zentralen Fragen markiert er klare Positionen: Frieden als unverzichtbaren Horizont, Lebensschutz in seiner ethischen Breite, die Ablehnung der Todesstrafe und soziale Gerechtigkeit als Maßstab politischen Handelns.
Donald Trump am Abend seiner erneuten Wahl zum US-Präsidenten am 6.November 2024.
Zugleich bremst Leo jene Strategien, die den Erfolg eines Pontifikats an der Zahl sichtbarer Reformen messen oder Glaubwürdigkeit nur im Bruch mit der Vergangenheit suchen. Entschleunigung wird zur Führungsstrategie – nicht um Stillstand zu erzeugen, sondern um dem System Zeit zur Selbstkorrektur zu geben. Raum zu schaffen heißt, Konflikte im System zu halten, nicht sie zu leugnen. Entscheidungen wie die Zulassung der tridentinischen Messe im Petersdom sind dafür exemplarisch. Leo gibt nicht einfach nach, macht aber auch keinen Kulturkampf daraus. Indem er Raum gibt, entzieht er dem permanenten Oppositionsmodus seine Schärfe und macht zugleich klar, dass es unter ihm keine Schritte "zurück" gibt. Kontinuität bedeutet Verlässlichkeit, nicht Regression. Das System wird gestützt, nicht romantisiert – und nicht verletzt.
Für die katholischen Gläubigen in den USA ist dieses Nebeneinander besonders herausfordernd. Nach Daten des Pew Research Center identifizieren sich rund 19 bis 20 Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung als katholisch – etwa 52 bis 53 Millionen Menschen. Katholikinnen und Katholiken bilden damit die größte einzelne konfessionelle Gruppe im religiösen Spektrum der USA. Fast 47 Prozent aller Erwachsenen haben zudem eine persönliche oder familiäre Verbindung zur katholischen Kirche. Der kulturelle und institutionelle Einfluss reicht damit weit über formale Mitgliedschaft hinaus.
Kaum auflösbare Spannung
Zugleich ist der US-Katholizismus hochgradig heterogen. Rund ein Drittel ist hispanischer Herkunft, viele sind Einwanderer der ersten oder zweiten Generation. Katholiken stellen einen erheblichen Teil der Wahlberechtigten und sind in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent. Weltweit wiederum ist der US-Katholizismus Teil einer Kirche mit knapp 1,4 Milliarden Gläubigen. Nationale Entscheidungen sind damit stets in einen globalen Horizont eingebettet.
Für viele US-Katholikinnen und Katholiken entsteht daraus eine kaum auflösbare Spannung. Nicht wenige haben Trump auch deshalb unterstützt, weil sie in ihm ein Gegengewicht zu Papst Franziskus sahen – als Abwehr dessen, was sie als überzogene Reformbereitschaft oder Nähe zur fortschrittsgläubigen westlichen Moderne empfanden. Diese Logik trägt nun nicht mehr. Mit Leo XIV. steht ein Papst an der Spitze der Kirche, dem man weder naive Fortschrittsgläubigkeit noch prinzipielle Reformrhetorik zuschreiben kann, der aber in entscheidenden Fragen klar gegen Trumps Politik Position bezieht: in der Friedensethik, in der Betonung universaler Menschenwürde, in der Ablehnung von Gewalt, in der sozialen Verantwortung des Staates.
Wer Trump einst als Bollwerk gegen eine enthemmte Moderne und Beliebigkeit verstand, steht nun vor der Frage, ob diese Loyalität noch mit den eigenen katholischen Maßstäben vereinbar ist. Das frühere Deutungsmuster – Washington als politische Bastion gegen ein vermeintlich unberechenbares Rom – trägt nicht mehr. Leo XIV. ist Amerikaner. Er stützt das kirchliche System ohne Kulturkampf. Und zugleich ist es nun Trump, der in zentralen Punkten klassischen katholischen Grundüberzeugungen widerspricht. Der Rollentausch ist irritierend – und lässt sich nicht länger ignorieren.
