Sozialethikerin sieht Brücken zu rechtem Denken im Traditionalismus

Die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins sieht eine Anfälligkeit bestimmter katholischer Positionen für rechtes Denken. Das sei da gegeben, wo sich Positionen einem ahistorischen und kontextlosen Ordnungsdenken verschreiben, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Beitrag für "Feinschwarz". Solchen Denkansätzen fehle das Bewusstsein für die Notwendigkeit, "normative Gehalte und Ansprüche der vertretenen Ordnung mit der Historizität, Kontextualität und Entwicklungsoffenheit der (sozialen, intellektuellen, wissenschaftlichen, religiösen) 'Welt', die es zu ordnen gilt, zu vermitteln". Das führe leicht zu einer "Verweigerung gegenüber einem selbstkritischen und lernbereiten Umgang mit überlieferten Ordnungsmodellen", so die Theologin weiter. "Solches Denken kann für rechtes – autoritäres, ausgrenzendes und rückwärtsgewandtes – Denken sowohl anfällig als auch attraktiv sein."
Zentral sei eine in der Abwehr der politischen Moderne und den damit verbundenen Emanzipationsprozessen wurzelnde katholische Freiheitskritik. Diese Freiheitskritik versuche "dogmatische und moralische Ordnungs- und Machtansprüche gegenüber der Lebensführung der Gläubigen, aber auch gegenüber gesellschaftlicher und politischer Moral zu behaupten". Religion, die sich so präsentiere, lasse sich leicht auch für autoritäre politische Interessen nutzen und "kann ihrerseits dem Irrtum erliegen, ihre Anliegen würden durch solche politischen Strömungen gut vertreten", betonte die Theologin.
Ablehnung von Konzilsdokumenten als zeitbedingt
Als Beispiel nennt Heimbach-Steins zum einen aktuelle Äußerungen von Kardinal Walter Brandmüller, der in einem Interview die Erklärungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Religions- und Gewissensfreiheit als "zeitbedingt" und "mittlerweile überholt" bezeichnet hatte. Nach Ansicht der Sozialethikerin blendet der Kardinal damit aus, dass diese Erklärungen eng mit den zentralen Aussagen des Konzils zur Offenbarung und der Würde der Person zusammenhängen. Brandmüller ignoriere "Lern- und Übersetzungsleistungen, die sich in der Vermittlung von Lehrpositionen mit den gesellschaftlichen, religiösen und theologischen Herausforderungen der Zeit artikulieren" als Quelle der Lehrentwicklung. Lehrentwicklung liege als solche "außerhalb der Vorstellungswelt einer traditionalistischen, d.h. gerade nicht traditionsbewussten, Denkform".
Auch im päpstlichen Lehramt zeigten sich solche Tendenzen. Insbesondere in den Pontifikaten von Johannes Paul II. (1978–2005) und Benedikt XVI. (2005–2013) sei der menschenrechtliche Charakter der Religions- und Gewissensfreiheit angegriffen worden. Sowohl der unter Papst Johannes Paul II. veröffentliche Katechismus wie die "Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben" (2002) der Glaubenskongregation betonten einseitig Grenzen der Religionsfreiheit und die volle Kontinuität mit dem päpstlichen Lehramt des 19. Jahrhunderts – "man erinnere sich, dass Gregor XVI. die Gewissensfreiheit als 'Wahnsinn und pesthaften Irrtum' verurteilt hatte". Von politischen Verantwortungsträgern werde "zu Lasten des Respekts vor der persönlichen Gewissensverpflichtung" eine "kompromisslose Orientierung an der lehramtlichen Wahrheitsauffassung" gefordert. Papst Benedikt XVI. habe in seiner Enzyklika "Caritas in veritate" (2009) "Religionsfreiheit unter dem Vorzeichen eines christlichen Dominanzanspruchs" gelesen.
Das sei eine Auslegung des Zweiten Vatikanums, die das Konzil nicht als Modernisierung der Kirche verstehe, sondern als Bekenntnis zu einer "christlichen Moderne", "zu der die deutliche Ablehnung von Relativismus, Indifferentismus und Liberalismus konstitutiv gehört". Durch eine derartige Auslegung sieht Heimbach-Steins den "Weg zu wechselseitiger Beanspruchung von Politik und katholischer Kirche zur Stärkung bzw. Durchsetzung eigener Positionen" geebnet. "Entsprechende Tendenzen lassen sich seit geraumer Zeit u.a. in der katholischen Kirche der USA, in der Pro-Life-Bewegung mit ihrer engen Auslegung von Lebensschutz und in der unverhohlenen Unterstützung kirchlicher Verantwortungsträger für Donald Trump beobachten", so die Sozialethikerin. (fxn)