Die zwei Päpste und der Synodale Weg
Noch bevor das eigentliche Reformvorhaben der katholischen Kirche in Deutschland mit dem Synodalen Weg begann, meldete sich der Papst mit einem fast erhobenen Zeigefinger. Im Sommer 2019 schrieb Papst Franziskus einen Brief "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland". Darin äußerte er bereits vor dem offiziellen Start des Synodalen Weges im Advent Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland, was als durchaus überraschender und historischer Vorgang gewertet wurde. Zwar begrüßte Franziskus die Reformanliegen grundsätzlich – schließlich habe sein eigener Mentalitätswandel dazu geführt, offen und ohne Angst zu diskutieren –, zugleich warnte er jedoch vor einem nationalen Sonderweg und einer möglichen Schwächung der Einheit der Weltkirche. Dies, obwohl kein Vertreter des Synodalen Weges – weder Laien noch Bischöfe – bis dahin jemals eine Trennung von der Weltkirche erwogen oder gefordert hatte.
Auch Bischof Georg Bätzing wies in seiner Funktion als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) entsprechende Vorwürfe aus Rom wiederholt entschieden zurück. Offenbar hatten hochrangige Vertreter der Römischen Kurie Franziskus die Sorge nahegelegt, das geplante Reformprojekt könne die Einheit mit Rom gefährden, sodass eine Erinnerung oder gar Ermahnung notwendig sei. Konkrete Verbote wurden jedoch nie ausgesprochen. Stattdessen richtete Franziskus seinen Brief direkt an die Katholikinnen und Katholiken in Deutschland und betonte neben der Mahnung insbesondere die Bedeutung von Evangelisierung und geistlicher Erneuerung.
Keine zweite evangelische Kirche
Im Jahr 2021 stieß Franziskus schließlich den synodalen Prozess der Weltkirche an und lud auch die Katholikinnen und Katholiken in Deutschland ein, ihre Erfahrungen und Perspektiven einzubringen. Ob er dabei vom deutschen Projekt inspiriert war, blieb offen. Zugleich stellte der Vatikan 2022 jedoch klar, dass der Synodale Weg in Deutschland nicht befugt sei, Bischöfe und Gläubige zur Annahme neuer Leitungsformen oder neuer Ausrichtungen in Lehre und Moral zu verpflichten. Zudem erteilte Rom der Idee eines bundesweiten, überdiözesanen Leitungsgremiums – des sogenannten Synodalen Rates – eine Absage.
Darüber hinaus erklärte Franziskus gegenüber dem DBK-Vorsitzenden Bischof Bätzing bei einem Treffen 2022, Deutschland habe bereits "eine sehr gute evangelische Kirche" und benötige daher keine zweite. Doch damit nicht genug: Ein Jahr später kritisierte Franziskus in einem Interview die Reformdebatte in Deutschland erneut scharf. Der Synodale Weg sei "keine Synode, kein echter synodaler Weg", sondern lediglich dem Namen nach synodal. Es handele sich um einen Prozess, der nicht vom Volk Gottes als Ganzem getragen werde, sondern von einer Elite organisiert sei – kurz: Das Projekt sei "eher elitär".
Im Sommer 2019 schrieb Papst Franziskus einen Brief "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland". Darin äußerte er bereits vor dem offiziellen Start des Synodalen Weges im Advent Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland.
Die zentrale Forderung des Papstes lautete: weniger Soziologie, mehr Tradition. Darin sah Franziskus das grundlegende Problem des deutschen Reformvorhabens. Zugleich zeigte er sich jedoch versöhnlich: Man müsse geduldig sein, den Dialog suchen und die Beteiligten auf dem "wirklichen synodalen Weg" begleiten. Ziel sei, diesem "eher elitären Weg" zu helfen, damit er nicht scheitere, sondern in die Kirche integriert werde. Doch von den Stoppschildern und Attributen aus Rom, die man ernst nahm, ließ man sich trotzdem nicht aus der Bahn werfen.
Im November 2023 antwortete Franziskus schließlich auf einen Brief von vier Frauen, die ihren Austritt aus dem Synodalen Weg angekündigt hatten. Die Theologieprofessorinnen Katharina Westerhorstmann und Marianne Schlosser, die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und die Journalistin Dorothea Schmidt schrieben wörtlich an Franziskus: "Auch ich teile diese Sorge über die inzwischen zahlreichen konkreten Schritte, mit denen sich große Teile dieser Ortskirche immer weiter vom gemeinsamen Weg der Weltkirche zu entfernen drohen." Anfang 2024 äußerte sich Franziskus dann erneut kritisch, diesmal zur Rezeption seines Briefes von 2019. Bei einer Begegnung mit einer Delegation der Gesellschaft katholischer Publizistinnen und Publizisten Deutschlands erklärte er, er hätte sich gewünscht, dass sein Schreiben stärker wahrgenommen, bedacht und umgesetzt worden wäre. Er betonte dabei erneut zwei Aspekte, die er für grundlegend hielt: die Pflege der geistlichen Dimension – also eine Angleichung an das Evangelium und nicht an die Leitbilder der Welt – sowie die universale Dimension der Kirche.
1:0 für Deutschland oder für den Vatikan?
In der Folge verlagerte sich die Kritik zunehmend auf die Ebene der Römischen Kurie – anders als noch 2019, als Franziskus die Kurie nicht einbeziehen wollte und den Brief an die Kirche in Deutschland selbst verfasste. Wenige Tage vor der Frühjahrsvollversammlung der DBK im Februar 2024 forderten hochrangige Kurienkardinäle letztlich von ihren Mitbrüdern in Deutschland, die Abstimmung über das Statut des Synodalen Ausschusses zu vertagen. Die DBK kam dieser Bitte nach. Im März folgte ein ausführliches Gespräch im Vatikan, dessen gemeinsame Erklärung von "Differenzen und Übereinstimmungen" sprach, die in einer "positiven und konstruktiven Atmosphäre" diskutiert worden seien. Die deutschen Bischöfe verpflichteten sich schließlich, keine neuen Leitungsstrukturen gegen den Willen Roms zu schaffen. Ein Teilerfolg – 1:0 für Deutschland oder für den Vatikan?
Danach etablierte sich ein regelmäßiger Austausch über die weitere Arbeit des Synodalen Weges und des Synodalen Ausschusses. Ziel war es, konkrete Formen von Synodalität in der Kirche in Deutschland zu entwickeln, die mit der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils, dem Kirchenrecht und den Ergebnissen der Weltsynode vereinbar sind. Beobachter werteten dies als "grünes Licht" für die Fortsetzung der Arbeit des Synodalen Ausschusses.
Unter Papst Leo XIV. kam es bislang zu keiner grundlegenden Kursänderung oder deutlichen Kritik am Synodalen Weg.
Der Dialog setzte sich fort, ebenso die Zusammenarbeit mit Rom und die eigentliche Arbeit im Synodalen Ausschuss. Der Vatikan äußerte dabei den Wunsch, dass der Ausschuss eng mit den zuständigen Dikasterien zusammenarbeiten und Entwürfe durch Rom approbiert werden müssten. Auch sollte der Synodale Rat nicht mehr unter diesem Namen existieren. Den entsprechenden Forderungen kamen die deutschen Bischöfe schließlich nach. Bei der letzten Sitzung des Synodalen Ausschusses im November 2025 beschloss dieser einstimmig die Einrichtung einer Synodalkonferenz als neues synodales Gremium der Kirche in Deutschland.
Unter Papst Leo XIV. kam es bislang zu keiner grundlegenden Kursänderung oder deutlichen Kritik. Während eines Fluges von Rom nach Ankara äußerte er sich auf Nachfrage zurückhaltend: Ob er der neuen Synodalkonferenz sein "Okay" geben werde, ließ er mit den Worten offen: "Wir werden sehen." Auf dem Rückflug von Beirut nach Rom betonte er hingegen die Notwendigkeit eines weiteren innerdeutschen Dialogs. Viele Katholikinnen und Katholiken sähen in bestimmten Aspekten des Reformprojekts nicht "ihre eigene Hoffnung für die Kirche oder ihren eigenen Weg, Kirche zu leben". Deshalb brauche es mehr Zuhören, sodass keine Stimme ausgeschlossen werde.
Hoffnung und Zuversicht
Zugleich unterstrich Leo, dass es in der Kirche grundsätzlich Raum für Inkulturation gebe. Dass Synodalität an verschiedenen Orten unterschiedlich gelebt werde, bedeute nicht zwangsläufig Brüche oder Risse. Mit Blick auf die von seinem Vorgänger einberufene Weltsynode stellte er jedoch auch Unterschiede fest zwischen dem deutschen Weg und dem synodalen Prozess der Weltkirche. Er verwies zudem auf den bestehenden Dialog der deutschen Bischöfe mit der Römischen Kurie, an dem er selbst noch als Kardinal beteiligt gewesen war. Ziel dieses Prozesses sei es sicherzustellen, dass der Synodale Weg in Deutschland nicht vom gemeinsamen Weg der Weltkirche abweiche. Dennoch zeigte sich Leo zuversichtlich: Er erwarte Anpassungen auf beiden Seiten, sei aber "sehr hoffnungsvoll, dass sich alles zum Guten wenden wird".
Wie es mit der Synodalkonferenz weitergeht? Zunächst müssen die Bischöfe auf ihrer Vollversammlung im Februar in Würzburg der Satzung der Synodalkonferenz zustimmen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat die Satzung bereits bestätigt. Ein päpstliches "Okay" dazu steht bislang noch aus – und bleibt vorerst offen, vermutlich bis nach der Frühjahrsvollversammlung in Würzburg.
