BDKJ-Chef: Basis wartet nicht mehr auf Bischöfe und Rom
Seit rund acht Monaten ist Volker Andres hauptamtlicher Vorsitzender des Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Als Spitze des Dachverbands der katholischen Jugendverbände ist er Teil der Synodalversammlung. Im katholisch.de-Interview berichtet er, wie er als Neuling den letzten Teil des Synodalen Weges wahrgenommen hat und wie in seinem Verband auf den Reformprozess reagiert wird.
Frage: Herr Andres, der Auftakt Ihrer ersten Synodalversammlung war eine gemeinsame Kundgebung verschiedener Reformgruppen vor dem Tagungsort der Synodalversammlung. Mit welcher Stimmung sind Sie dabei in Ihre erste Versammlung hereingegangen?
Andres: Ich bin mit gemischten Gefühlen hier angekommen. Einerseits habe ich in den letzten Jahren verfolgt, welche großartigen Beschlüsse hier gefasst wurden. Andrerseits waren auch das Kompromissbeschlüsse, die uns als BDKJ nicht ausreichen. Bei der gemeinsamen Evaluation war ich enttäuscht zu sehen, dass viele Beschlüsse nur oberflächlich oder sogar gar nicht umgesetzt wurden.
Frage: Was ist Ihr Fazit als Verbandsvorsitzender für den Synodalen Weg?
Andres: Der Synodale Weg ist gestartet, um sich mit den strukturellen Ursachen des sexuellen Missbrauchs zu beschäftigen – und das ist der Maßstab, an dem wir diesen Weg messen können. Wir haben uns den Ursachen nicht ausreichend gewidmet. Das Grundproblem, die Macht der Kleriker, der Umgang mit Homosexualität, die Gleichstellung von Frauen – in all diesen Punkten ist ehrlicherweise zu wenig passiert.
Frage: Gab es während des Synodalen Weges für Sie persönlich einen Moment, in dem Sie Hoffnung hatten, dass sich in diesen Punkten etwas verändert?
Andres: Ehrliche Antwort? Nein. Bei dem Beschluss zur Geschlechtergerechtigkeit habe ich schon gedacht, wenn der umgesetzt wird, wäre das super. Aber ich bin lang genug Mitglied der Kirche, und das auch noch aus dem Erzbistum Köln, dass ich eine gewisse Grundskepsis habe. Erst wenn den Worten auch Handlungen folgen, werde ich hoffnungsvoll.
Frage: Was hat Sie trotzdem motiviert, das Amt des BDKJ-Bundesvorsitzenden anzunehmen und sich beim Synodalen Weg zu engagieren?
Andres: Für mich stehen eben nicht nur Bischöfe und andere Kleriker für die Kirche, sondern vor allem die Menschen an der Basis. Da erlebe ich ganz viel Bewegung und Engagement. Auch in dieser Synodalversammlung gibt es genug Menschen, die versuchen, die Kirche besser zu machen. Genau dabei erlebe ich eine Heimat in dieser Kirche und das motiviert mich. Auch wenn die Kirche nicht perfekt ist, gibt es gute Orte in dieser Institution.
Volker Andres ist zum ersten Mal bei der Synodalversammlung dabei.
Frage: Sie haben die Basis angesprochen. Was glauben Sie, wie viele der Mitglieder des BDKJ wissen ernsthaft, was der Synodale Weg ist?
Andres: Wahrscheinlich weniger als noch vor drei Jahren. In den ersten Jahren des Synodalen Weges haben beispielsweise Jugendverbandler*innen die Versammlungen als Public-Viewing-Event zusammen verfolgt. Viele haben diesen Weg mit großer Hoffnung verbunden. In den letzten drei Jahren ist der Synodale Weg aber für viele unters Radar gerutscht. Hinzu kommt aber auch, dass viele Erwartungen enttäuscht und nur blumige Beschlüsse gefasst wurden. Am Ende hängt es eben doch an der Macht einzelner Kleriker, was von den Beschlüssen umgesetzt wird.
Frage: Eine der Handlungsempfehlungen des Monitorings war, die Kommunikation über den Synodalen Weg auszubauen. Das kann auch die Aufgabe des BDKJ sein. Ist es dann nicht ein Scheitern der BDKJ-Spitze, wenn es heute so wenig Interesse am Synodalen Weg gibt?
Andres: Das würde ich nicht sagen. Unser Kernauftrag ist nicht, Informationen weiterzugeben, sondern junge Menschen in ihrer Art des Glaubens zu bestärken und uns dafür einzusetzen, dass ihre Interessen hier gehört werden. An der Basis wird nicht mehr darauf gewartet, dass Bischöfe oder Rom Zustimmung zeigen. In unseren Ortsgruppen und in den Jugendverbänden setzen wir uns für Geschlechtergerechtigkeit und queere Liebe ein – völlig egal, was andere sagen.
Frage: Bei vielen Themen, für die der BDKJ beim Synodalen Weg angetreten ist – wie die Rolle der Frau in der Kirche und Gleichstellung queerer Paare – gab es kaum Veränderungen. Wie vermitteln Sie das an die Basis?
Andres: Ich versuche das nicht mehr zu erklären, weil ich den Stillstand auch einfach nicht erklären kann. Ich kenne die theologischen Argumente, aber mit gesundem Menschenverstand kann ich das keinem mehr näherbringen. Ich sage, lebt einfach den Glauben in eurer Spiritualität. Glaube ist vielfältig. Die Spiritualität, die ihr wählt, ist die Richtige.
Frage: Spaltet man sich dann nicht ab?
Andres: Nein, wir spalten uns nicht ab. Wir alle unterstützen den Kernglauben der katholischen Kirche. Kardinal Woelki sagte diese Woche, wir könnten nicht darüber abstimmen, ob Jesus von den Toten auferstanden ist. Das ist ja aber auch nichts, worüber wir diskutieren wollen. Wir reden über menschengemachte Strukturen, nicht über gottgegebene Strukturen, die für uns nicht mehr passen.
„An der Basis wird nicht mehr darauf gewartet, dass Bischöfe oder Rom Zustimmung zeigen.“
Frage: Das Mittel für Veränderungen in Deutschland wird zukünftig die Synodalkonferenz sein. Was erwarten Sie von diesem Gremium?
Andres: Meine Erwartung ist, dass wir den Synodalen Weg weiter gehen werden. In der Präambel steht, wo wir herkommen, eben von der MHG-Studie, von den Missbrauchsursachen. Da muss sich weiter etwas bewegen. Wir müssen uns weiter dafür einsetzen, dass die vorhandenen Beschlüsse wirklich umgesetzt werden. Darüber hinaus müssen wir schauen, welche weiteren Reformen die Kirche benötigt. Leider geht es nur in kleinen Trippelschritten voran. Manchmal muss man aber auch die feiern, auch wenn ich mir mehr erhoffe.
Frage: Wofür sich der BDKJ zuletzt stark gemacht hat, ist eine Quotierung von jungen Menschen in der Synodalkonferenz. Warum ist Ihnen dieser Punkt so wichtig?
Andres: In der Synodalversammlung gab es eine Quotierung für junge Menschen. 15 Personen unter 30 waren vertreten. Wir haben gesehen, wie diese jungen Menschen für die Kirche gekämpft haben. Viele weitere waren davon inspiriert. Auch das Abschlussdokument der Weltsynode betont die Bedeutung junger Menschen für die Synodalität.
Frage: Was wäre eine Quotierung, mit der Sie zufrieden wären?
Andres: 30 Prozent aller Katholiken sind unter 30 Jahre, dementsprechend müssen auch 30 Prozent der Synodalkonferenz unter 30 sein. Von den 23 offenen Plätzen müssten demnach acht Plätze mit jungen Menschen besetzt werden. Ich bin froh, dass sich die Synodalversammlung für eine Quote ausgesprochen hat. Sie ist zwar kleiner als erhofft, aber immerhin werden mindesten 5 junge Menschen Teil der Synodalkonferenz sein. Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sollte darauf achten, junge Menschen ausreichend zu repräsentieren.
Frage: Was braucht es, dass Sie diese Synodalversammlung mit einem guten Gefühl verlassen können?
Andres: Am Freitag habe ich erlebt, dass ein ehrlicher Rückblick möglich war. Es wurde deutlich, dass viele unzufrieden mit den Ergebnissen sind. Für mich ist das schon ein Erfolg. Zudem braucht es in der Wahlordnung der Synodalkonferenz die Quotierung für junge Menschen.
