Ablehnung wesentlicher Punkte des Zweiten Vatikanums

Theologe Essen: Piusbrüder stehen gegen freiheitliche Demokratie

Veröffentlicht am 11.02.2026 um 11:41 Uhr – Lesedauer: 

Berlin ‐ Der Berliner Theologen Georg Essen sieht die Piusbruderschaft im Kontext eines weltweiten Erstarkens von Demokratiefeinden. Am Umgang mit ihr zeige sich, wo die Kirche im Kampf um die freiheitliche Gesellschaft stehe.

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Am Umgang mit der Piusbruderschaft misst sich für den Berliner Theologen Georg Essen der Umgang der Kirche mit der freiheitlichen Gesellschaft. Die Gemeinschaft lehne nicht nur die nach dem Zweiten Vatikanum reformierte Liturgie ab, sondern auch die Öffnung der Kirche in Richtung Demokratie, säkularer Staat und Religionsfreiheit, betonte der Professor für Systematische Theologie in einem Interview mit dem "Domradio" (Mittwoch). Die Piusbruderschaft verharre in einem strikt reaktionären Antimodernismus und vertrete eine Position des Integralismus. "Es wird schroff die Demokratie und mit ihr das Verfassungsprinzip der Volkssouveränität abgelehnt und darüber hinaus ganz grundsätzlich auch die Religions- und Weltanschauungsneutralität des säkularen Staates", so Essen weiter.

Dadurch sei die Piusbruderschaft für bestimmte Milieus attraktiv: "Sie versprechen in Zeiten von Ungewissheit und Umbrüchen Heimat, Schutz und Geborgenheit in ihrer Gemeinschaft. Sie bieten eine Gruppenzugehörigkeit mit klaren Regeln an, versehen mit dem sehr übersichtlichen Weltbild, das alle zu Feinden Gottes erklärt, die nicht zu ihnen gehören." Man müsse zur Kenntnis nehmen, "dass in Ländern wie beispielsweise den USA, Ungarn oder Polen reaktionäre katholische Milieus autoritär-populistische Regierungen oder Parteien unterstützen, die offen nationalistisch, teils auch rassistisch sind und mit Vehemenz die Demokratie attackieren." Diese Entwicklung müsse die Kirche verstehen lernen, ohne dafür politisch und theologisch Verständnis haben zu müssen. Es gelte, einen "politisch-ideologiekritischen Blick" zu schärfen: "An der römisch-katholischen Haltung zur Piusbruderschaft entscheidet sich auch, auf welcher Seite unsere Kirche steht in dem Kampf um die Zukunft der liberalen Demokratie."

Davide Pagliarani
Bild: ©FSSPX (Archivbild)

Der Italiener Davide Pagliarani ist Generaloberer der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. und kein Freund von Menschenwürde und Religionsfreiheit.

Der Generalobere der Piusbruderschaft, Pater Davide Davide Pagliarani, erläuterte 2022 die Position seiner Gemeinschaft zum Zweiten Vatikanum: "Was das Konzil ausgemacht hat, was das Rückgrat des Konzils ist, das eigentliche Konzil, das ist das Konzil der neuen Messe, das ist das Konzil der Ökumene, das ist das Konzil der Menschenwürde, das ist das Konzil der Religionsfreiheit." Dieses tatsächliche Konzil müsse verworfen werden, so Pagliarini weiter.

Schismatischer Zustand selbstverschuldet

Der Generalobere hatte Anfang Februar angekündigt, dass seine Gemeinschaft im Sommer neue Bischofe weihen werde, zur Not auch ohne Erlaubnis des Papstes. Ziel sei es, die Handlungsfähigkeit der Gemeinschaft zu erhalten, die auf Bischöfe zur Weihespendung und als Firmspender angewiesen ist. Die Weihe von Bischöfen ohne päpstlichen Auftrag ist eine kanonische Straftat, die mit der Tatstrafe der Exkommunikation belegt ist. Die verbliebenen zwei von ursprünglich vier Bischöfen der Piusbruderschaft wurden 1988 ohne päpstliches Mandat durch den Gründer der Gemeinschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, geweiht. Ihre Exkommunikation wurde gnadenhalber 2009 durch Papst Benedikt XVI. (2005–2013) aufgehoben.

Die Piusbrüder argumentieren, dass sich die Kirche in einer Notlage befinde, die ihr Handeln rechtfertige. Essen wies diese Auffassung zurück: Die Notlage der Piusbruderschaft sei selbstverschuldet. "Sie ist ja nur entstanden, weil sich die Priesterbruderschaft weigert, zentrale Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils anzuerkennen. Und sie weigert sich, sich dem kirchlichen Lehramt zu unterwerfen", erläuterte der Theologe. Der "schismatische Zustand", in dem sich die Gemeinschaft befinde, sei selbst herbeigeführt: "Da ist die Berufung auf eine 'Not', die das Seelenheil ihrer Anhänger vorgeblich bedrängen soll, schon ein starkes Stück."

Als "schismatisch" bezeichnet Essen das Agieren der Priesterbruderschaft aufgrund ihres "hartnäckig auf Dauer gestellten Ungehorsams dem Papst gegenüber". Der Theologe erläuterte weiter: "Sie verletzt schuldhaft die Einheit der Kirche, und ihre Bischöfe üben ihr Amt nicht als Teil des Bischofskollegiums mit und unter dem Papst aus. Auch verwirrt sie ihre gläubigen Anhänger, weil sie ihnen eine ‘Kirchlichkeit’ vorgaukelt, die sie nicht darstellen kann." Die Piusbruderschaft weist den Vorwurf des Schismas zurück. Gemäß dem anlässlich der illegalen Bischofsweihen Lefebvres durch Papst Johannes Paul II. (1978–2005) veröffentlichten Schreiben "Ecclesia Dei" (1988) "stellt dieser Ungehorsam, der eine wirkliche Ablehnung des Römischen Primats in sich schließt, einen schismatischen Akt dar". Die Aufhebung der Exkommunikation ist in diesem Fall dem Heiligen Stuhl vorbehalten. (fxn)