Standpunkt

Der Nubbel und die Frage nach Schuld und Erlösung

Veröffentlicht am 18.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Dominik Blum – Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Fastelovend ist vorbei, der Nubbel verbrannt. Er büßte für die Karnevals-Sünden. Problematisch ist, wenn in Gesellschaft und Politik Sündenböcke herhalten müssen, schreibt Dominik Blum – und blickt voraus auf Ostern.

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Bis zum Fastelovend wurde vor allem im Rheinland kräftig Karneval gefeiert. Bevor die Fastenzeit beginnt, wollen die Menschen nochmal richtig fiere (feiern), bütze (küssen), singe un laache (lachen). Und möglichst viel Bier trinken. Dabei schlagen einige leider über die Stränge und landen stark alkoholisiert mit unbekannten Menschen im fremden Bett. Ein alter Herr aus dem Oldenburger Münsterland hat mir glaubhaft versichert, dass die frommen Südoldenburger deshalb früher Sühneandachten für die sündigen Rheinländer gebetet haben.

Das ist aber gar nicht nötig. Denn die haben einen eigenen Schuldigen für ihre karnevalistischen Ausschweifungen: den Nubbel. Der ist verantwortlich für alles, was im Fastelovend an Sünden begangen wird. Als bunte Strohpuppe sitzt der Nubbel in vielen Kölner Kneipen. Von dort wird er in der Nacht zum Aschermittwoch im Trauerzug zu seiner Verbrennung gebracht. Zuerst werden in einer Liturgie alle Sünden bekannt, die der Nubbel begangen hat. Dann wird der Sündenbock verurteilt und verbrannt. Und mit ihm alles, was in den letzten Tagen passiert ist. "Ich maach all der Driss, dä ich net will – Danke Nubbel, denn do bes et Schuld!", singt die Kölner Comedienne Carolin Kebekus. Und am Aschermittwoch ist alles vorbei.

Das mit dem Sündenbock kommt mir schauerlich bekannt vor: Die Migranten sind schuld, dass in den USA eine Rezession droht. Die Bischöfe oder die Frauen sind verantwortlich dafür, dass es mit der Kirche in Deutschland bergab geht. Dass die Teilzeit-Lifestyler zu wenig arbeiten und sich auf Kosten des maroden Gesundheitssystems die Zähne machen lassen, verhindert die Sozialstaatsreform bei uns. Oder, ganz alt und ganz besonders widerlich: Eigentlich sind doch die Juden an allem schuld. Politisch und gesellschaftlich kann sich niemand so einfach aus der Affäre ziehen und den Nubbel verantwortlich machen. Das sollte sich herumgesprochen haben.

Und geistlich? "Christus selbst hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz. Dadurch sind wir für die Sünde tot und können für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden." (1 Petr 2,24). Können wir uns – statt auf den Nubbel – also auf Jesus Christus verlassen, der auf sich nimmt, was wir verbockt haben? Darüber muss ich mal in Ruhe nachdenken in den kommenden 40 Tagen. Wenn das so wäre, hätten wir wirklich Grund zu feiern, an Ostern.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Pfarrbeauftragter in der Katholischen Pfarreiengemeinschaft Artland im Bistum Osnabrück.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.