Ruini zu Franziskus: Kein Wunder, dass Nichtgläubige ihn mehr lieben
Johannes Paul II. (1978–2005) ist der Lieblingspapst von Kardinal Camillo Ruini. Mit Papst Franziskus (2013–2025) hatte er dagegen seine Schwierigkeiten, sagte der Kardinal in einem Interview mit der italienischen Zeitung "Corriere della Serra" am Donnerstag. “Die Veränderung war zu groß und zu plötzlich. Ich war weniger enttäuscht als vielmehr überrascht”, erläuterte Ruini seine Bewertung. Es sei aber noch zu früh, das Pontifikat abschließend zu bewerten: “Ich halte die Bilanz für komplex, mit sehr positiven Aspekten und anderen, die weit weniger positiv sind.”
Als positive Eigenschaft von Franziskus nannte der Kardinal, der am Donnerstag 95 Jahre alt wurde, dessen großen Mut. Eine negative Seite sei seine zu geringe Rücksicht auf die Tradition gewesen. “Nicht zufällig wurde er vielleicht von Nichtgläubigen mehr geliebt als von Gläubigen”, so der emeritierte Kardinalvikar der Diözese Rom.
Zu Papst Johannes Paul II. hatte Ruini dagegen nur Gutes zu sagen. Der Heilige sei außergewöhnlich intelligent gewesen: “Man muss bedenken, dass er zwei Bücher gleichzeitig las: das schwierigere selbst, während ihm das einfachere vorgelesen wurde.” Zugleich sei er ein sehr gütiger Mensch gewesen, den Ruini in einer Reihe mit der heiligen Mutter Teresa nennt. Unter den großen Päpsten des 20. Jahrhunderts – der Kardinal zählt Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. auf – sei Johannes Paul II. der größte, “weil er ein wahrer Weltführer war”. Benedikt XVI. (2005–2013) dagegen sei vor allem ein großartiger Theologe gewesen. “Das Regieren war seine Schwäche”, sagte Ruini über den ersten Papst der Neuzeit, der zurückgetreten war. Den Rücktritt habe er für eine falsche Entscheidung gehalten: “Er hat mich völlig überrascht und sehr betrübt.” Den amtierenden Papst Leo XIV. konnte Ruini bereits in den ersten Tagen des Pontifikats in einer Audienz treffen: “Mein Eindruck ist sehr gut. Ich bin glücklich, diesen Papst zu haben.”
Kardinal Camillo Ruini und Silvio Berlusconi im Jahr 2005 – Antikommunismus schlägt Haltungsnoten zum Lebensstil.
Guter Eindruck von Berlusconi und Meloni
Mit Blick auf die Politik schätzt Ruini den früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi (1936– 2023) ebenso wie die amtierende Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Meloni beurteile er politisch wie persönlich “ausgesprochen positiv”. Bei Berlusconi sei ihm zwar sofort klargewesen, dass sein Lebensstil “problematische Aspekte” hat. “Aber sein politisches Handeln erschien mir entscheidend, um den Kommunismus zu stoppen, das Zweiparteiensystem in Italien einzuführen und der Welle des Laizismus zu widerstehen, die schon damals für die Kirche unverhandelbare Werte bedrohte”, so Ruini. Zu Lebensstil des verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten erklärte der Kardinal lakonisch: “Ich erinnere mich, dass wir Katholiken von John Kennedy begeistert waren; und dann stellte sich heraus, dass auch er nicht untadelig war.” Von US-Präsident Donald Trump hat Ruini dagegen keine gute Meinung: “Trump hat die amerikanische und weltweite Politik durcheinandergebracht und ist einen sehr fragwürdigen Weg eingeschlagen. Außerdem mag ich seine Skrupellosigkeit nicht.”
Ruini war von 1991 bis 2008 Generalvikar der Diözese Rom und von 1991 bis 2007 Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz. Beim Konklave nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. galt er als aussichtsreicher Kandidat. Damals wurde Kardinal Joseph Ratzinger gewählt. Über das einzige Konklave, in dem Ruini wahlberechtigt war, äußerte sich Ruini nur sehr zurückhaltend: “Ich sage nur, dass es meiner Meinung nach keine echten Alternativen gab.” (fxn)
