Diakon: Digitaler Raum lohnt sich für die Kirche

Nick Pfeiffer verlässt gern seine Komfortzone: Der Gemeindereferent im Dekanat Pocking im Bistum Passau ist seit 2024 auch Diakon. Er betreibt einen Instagram-Account und fährt zu verschiedenen Glaubenskonferenzen. Im Interview beschreibt er, welchen Ansatz er hat, um Menschen von heute mit dem Glauben in Berührung zu bringen.
Frage: Herr Pfeiffer, Sie haben mal über sich geschrieben, dass Sie gern Ihre Komfortzone verlassen. Warum ist das für Sie als Diakon wichtig?
Pfeiffer: Meine Erfahrung zeigt mir: Wenn man sich auf das Bekannte verlässt, besteht die Gefahr, dass es irgendwann keine Innovation mehr gibt und alles einfach bleibt, wie es immer war. Dann fehlen die Flexibilität und die Dynamik, niemand entwickelt sich mehr weiter. Aber das Zweite Vatikanische Konzil hat uns den Auftrag gegeben, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Deshalb müssen wir zwar bei der Botschaft Jesu bleiben, können uns da aber nicht mehr ausschließlich auf Methoden oder Zugänge der Vergangenheit verlassen. Denn die heutige Zeit ist lauter und schnelllebiger als sie es früher war, Informationen sind sehr leicht zugänglich und die Sozialen Medien überschütten einen förmlich. Gerade Jugendliche stehen deshalb vor der Herausforderung der vielen Möglichkeiten. Dieser Herausforderung müssen wir uns auch als Kirche stellen und uns fragen: Wie finden wir einen Zugang zu jungen Menschen und wie sind wir mit ihnen gemeinsam unterwegs?
Frage: Was bedeutet das?
Pfeiffer: Man darf den jungen Menschen nicht einfach nur etwas zeigen, sondern muss sich mit ihrer Lebensrealität wirklich beschäftigen: Was die Freude und Trauer, Hoffnung und Angst der Jünger Christi war, ist heute die Freude und Trauer, Hoffnung und Angst der Menschen von heute. Wie etwa die Flut an Informationen, die Sozialen Medien, Leistungsdruck, ich finde junge Menschen sollten öfter nach ihren Zielen, Freuden aber auch Herausforderungen gefragt werden.
Frage: Wie gehen Sie dann auf die Menschen zu?
Pfeiffer: Ich versuche zu zeigen: Christlicher Glaube ist ein Teil von mir. Kein Schild, dass ich vor mir hertrage, sondern ich will meinen Glauben von innen heraus repräsentieren – nicht als Lehrmeinung, sondern als Grundhaltung. Glaube kann ein Mehrwert sein: Sinn stiften und Orientierung geben. Gott begleitet mich auf meinen Wegen. Dazu zu stehen und das nicht zu verstecken – das sorgt schon für eine besondere Atmosphäre, wenn man Menschen trifft.
„Ich drücke dann meinen Glauben nicht auf, sondern erzähle davon, was mich persönlich daran bewegt und begeistert, bin einfach offen und stelle Fragen.“
Frage: Was für Menschen treffen Sie so?
Pfeiffer: Ich habe natürlich vor allem zu Leuten Kontakt, die im Rahmen der Gemeindearbeit oder im Rahmen der kirchlichen Jugendarbeit zu einem Angebot kommen bzw. Menschen, die im Kontext der kirchlichen Jugendarbeit stehen, also teilnehmende und Leitende aber auch Menschen im Umfeld der Kirchengemeinde. Sie haben also meist eine Grundvorstellung ihres Glaubens. Da geht es dann eher darum, wirklich über den Glauben oder ihre Zugänge zu sprechen. Das kann schon damit beginnen, dass ich beispielsweise nach dem Sonntagsgottesdienst einfach auf Leute zu gehe und sie nach ihren Eindrücken zum Bibeltext des Tages frage. Viele Leute wurden da selten oder noch nie nach ihrer Meinung gefragt. Ich bin auch mal mit einem Atheisten ins Gespräch gekommen und habe gefragt, was er denn alles nicht glaubt. Da kommen spannende Unterhaltungen bei heraus. Ich drücke dann meinen Glauben nicht auf, sondern erzähle davon, was mich persönlich daran bewegt und begeistert, bin einfach offen und stelle Fragen. Wenn jemand anders dadurch mehr Interesse am Thema Religion hat als vorher, habe ich schon viel erreicht.
Frage: Religion ist ein Teil des Intimbereichs, darüber redet nicht jeder gern. Wie bauen Sie da eine gemeinsame Grundlage zu den Menschen auf?
Pfeiffer: In der Gemeinde arbeiten wir nicht im säkularen Feld. Mit den Leuten, die zu uns kommen, haben wir schon mal eine Grundlage. Ich suche dann erstmal nach einem niederschwelligen Rahmen, in dem ich Leute erstmal kennenlernen kann. Ich nutze da informelle Momente, etwa an der Kaffeemaschine, um ins Gespräch zu kommen. Das klingt oft einfacher, als es ist. Denn nicht jeder hat immer Lust, sich zu unterhalten – und ich zwinge niemanden. Da muss man Fingerspitzengefühl haben und erstmal die Situation ausloten. Ich komme da auch immer zuallererst als Mensch und nicht direkt mit der Botschaft. Je nachdem, welche Signale ich dann bekomme, kann es weitergehen. Mir muss auch jeder nur so viel preisgeben, wie er will, mehr erwarte ich nicht.
Frage: Wenn es um das Sprechen über den Glauben geht, schauen manche Gläubige auch auf Großereignisse wie die Glaubenskonferenz "Seek" in den USA oder ähnliche Formate in Deutschland. Welche Rolle spielen die?
Pfeiffer: Diese Großereignisse sind Feuerwerke: In einem Moment wahnsinnig begeisternd und euphorisch. Das muss man erstmal auf sich wirken lassen. Erst im Nachhinein erkennt man: Was ist da genau passiert und was hat das mit mir gemacht? Diese Erfahrung habe ich sowohl nach der Seek wie auch nach dem Adoratio Kongress des Bistums Passau in Altötting gemacht: Nicht alles, was da passiert, funktioniert für mich. Ich gebe da nicht meine Identität oder meine bisherigen Erlebnisse ab. Die Seek etwa hat eine ganz spezielle Zielgruppe: Studierende in den USA. Dementsprechend ist auch die Sprache. Das ist alles gut katholisch und da fühle ich mich auch wohl, da sind alle immer direkt im Thema. Das ist hier bei uns in Deutschland natürlich anders. Hier brauchen Dinge länger, die Sprache ist weniger direkt als in den USA. Letztlich geht es aber um die gleiche Sache. Auch bei "Adoratio" kommt man schnell ins Gespräch, einfach weil da natürlich eine Glaubens-Bubble entsteht. Da macht der Wallfahrtsort Altötting natürlich auch viel. Beides sind Momentaufnahmen, die so nicht der Alltag sind. Wenn ich wieder zu Hause bin, ist da das normale Leben.
"Auch bei "Adoratio" kommt man schnell ins Gespräch, einfach weil da natürlich eine Glaubens-Bubble entsteht", sagt Pfeiffer.
Frage: Da sind nur Leute, die sowieso schon fest im Glauben stehen. Macht das solche Veranstaltungen nicht zur Komfortzone schlechthin?
Pfeiffer: Dafür ist die Breite an Stimmen dafür zu groß. Auch für mich passt da nicht alles, ich muss ausprobieren, welche Formate zu mir passen. Ich bin auch in vielen Themen nicht zu 100 Prozent drin. Am Ende geht es auch einfach um das Erlebnis. Bei den Gottesdiensten werden alle Lieder eingeblendet und es gibt extra eine Moderation, die jeden mitnimmt. Dieser Geist des Hilfegebens macht schon viel aus, auch unter den Teilnehmern: Jeder fragt immer erstmal, ob er seinem Gegenüber helfen kann. Es geht um diese Kultur des Willkommenseins.
Frage: Was kann denn die Kirche tun, um auf die Bevölkerungsmehrheit zuzugehen, die mit Kirche keine oder kaum noch Berührungspunkte hat?
Pfeiffer: Wir müssen da niederschwellige und informative Begegnungsräume schaffen. Ich erprobe da im digitalen Bereich gerade viel. Diese digitale Mission ist ein pastoraler Raum, der sich zu erschließen lohnt. Da gibt es zwar schon viele Angebote, aber nicht alle sind immer gut gemacht und die Fülle ist so groß, dass man sich kaum orientieren kann. Da möchte ich einen niederschwelligen Einstieg in die katholische Welt ermöglichen. Zum einen mit meinem eigenen Kanal bei dem ich meine Perspektive als katholische Diakon und Familienvater zeige und zum anderen mit den Kanälen des Bischöflichen Jugendamts bei denen es um die Vielfalt der Katholischen Jugendarbeit geht und um zugängliche Glaubensimpulse. Ich will den Leuten vor allem die Botschaft Jesu Christi nahebringen. Idealerweise so, dass es möglichst zugänglich ist und sich im Alltag wiederfinden lässt. Da so viele jungen Menschen auf diesen Plattformen sind, lohnt es sich, auch dort zu sein.
Frage: Wie sind Ihre Erfahrungen da bislang?
Pfeiffer: Wegen der Algorithmen muss man immer ausprobieren, was gerade funktioniert. Ich mache das ja auch nur mit einem kleinen Stundenkontingent in der Woche. Ich will meine Sachen gut und mit Liebe machen – und nur über Themen sprechen, wo ich mich auch auskenne. Wenn das den richtigen Leuten ausgespielt wird, gibt es auch eine Resonanz. Das sorgt dann wieder für Austausch. Da sind meine Erfahrungen so gut, dass ich das weitermachen möchte.
Frage: Im Internet sind vor allem die erfolgreich, die auf komplizierte Fragen einfache Antworten geben, auch in Sachen Glaube. Fühlen Sie sich da unter Druck gesetzt?
Pfeiffer: Sicher haben da mache mehr Ressourcen und sind professioneller. Aber nur weil andere das so machen, müssen wir das nicht auch so machen. Unter Druck gesetzt fühle ich mich da nicht. Wir haben eine Botschaft und die wollen wir verkünden – lieber in der Qualität als in der Quantität. Auf tiefgehende Fragen darf man keine profanen Antworten geben das soll und muss schon durchdacht sein. Social Media kann Impulse setzen. Ein Post kann und soll durchaus auch zum Nachdenken anregen. Mein Ziel ist es aber, die Leute über den digitalen Raum in den realen führen. Wer den Glauben finden will, muss meines Erachtens mit einer Gemeinde als Mensch in Kontakt kommen. Nur allein im Internet funktioniert das nicht. Ich kann nicht auf alle Fragen oder Kommentare immer eine Antwort geben. Ab diesem Punkt leite ich die Leute an echte Menschen vor Ort weiter.