42 Minuten ohne Ablenkung – unmöglich?

"Aber ist das nicht auch wieder Ablenkung?" Na toll. Stolz habe ich davon berichtet, dass ich die Zugfahrt zum Lesen genutzt habe. Keine Musik gehört, nichts am Handy rumgedrückt, nur ich und Cicero, der sich über Markus Antonius lustig macht. Aber der Einwand stimmt natürlich.
Also sitze ich wenige Stunden später auf der Rückfahrt in der Regionalbahn und höre mit, wie die Frau hinter mir laut eine amerikanische Serie auf dem Handy schaut. Ich schaue aus dem Fenster und sehe statt malerischer Landschaften in der Dunkelheit nur mein eigenes Gesicht, reflektiert auf das Zugfenster. Noch 34min Fahrt. Puh…
Was ist das für ein Gefühl?
Wollte ich nicht diese Fastenzeit auf Ablenkung verzichten, um näher zu Gott zu finden? Sollte ich jetzt nicht eigentlich den Rosenkranz herauszaubern oder mich in ein tiefgreifendes Gebet verlieren? Vielleicht.
Aber ehrlich gesagt krieg ich schlechte Laune. Hat die Frau hinter mir noch nie etwas von Kopfhörern gehört? Woher will jemand wissen, wann ich genug auf Ablenkung verzichtet habe? Und woher soll ich das wissen?
Aus reiner Sturheit starre ich aus dem Fenster und versuche mein sich widerspiegelndes Gesicht zu ignorieren. Es war doch ein schöner Abend. Denk einfach an was Schönes. Nein! Nicht ablenken. Genieß den Moment. Aber wie? Wie haben die Menschen vor hundert Jahren nur Zugfahrten ausgehalten? Moment. Bleib im Moment.
Ich hänge sicherlich einige Zeit in diesem Gedankenkarussell fest, bis mir klar wird: Ich langweile mich. Das unverständliche Gequatsche des – ich vermute – Sherriffs der Serie, die Dunkelheit, mein müdes Gesicht im Fenster des Zuges. Das ist alles so unstimulierend, so uninteressant, so nervtötend langweilig.
Die Langeweile aushalten
Ist es nicht furchtbar traurig, dass ich dieses Gefühl kaum noch erkenne? Ich schaue auf die Anzeigetafel: Noch 31min Fahrt. 10 Minuten fast unerträgliche Langeweile. Dabei habe ich früher doch ganze Schultage abgesessen! Was habe ich da gemacht? Sicher nicht den Moment genossen.
Ich denke zurück und mir fallen all die verrückten, phantasievollen Geschichten ein, die ich mir damals ausgedacht habe. Ich erinnere mich an die Schlachten, die ich in Geschichte mitgekämpft und die Kontinente, die ich in Erdkunde bereist habe. Die Erfindungen, die ich in Physik gemacht und die Predigten, die ich in Religion gehalten… – Moment! Ist das nicht mein Moment?
Ich lebe doch jetzt gerade in einer Welt, in der ich diese Zeilen schreiben kann und jemand auf katholisch.de mitliest. Irgendwie ist aus der Langeweile dieser Stunden etwas geworden, dass heute meine Realität ist. Langeweile gilt schließlich auch als Ursprung der Kreativität. Ich frage mich, ob mir etwas Kreatives für meine Kolumne einfällt, wenn ich die halbe Stunde Zugfahrt ohne Ablenkung schaffe.
Wie viel Zeit bleibt mir noch? 3min Fahrt. Ganz in Gedanken habe ich die halbe Stunde da gesessen und in die Dunkelheit gestarrt. Oder auf mein Gesicht, dass sich in der Fensterscheibe des Zuges widerspiegelt?
Heute im Büro muss ich beim Aufschreiben ein bisschen über mich lachen. Ich war so furchtbar unzufrieden mit meinem "Ergebnis". 42min Zugfahrt reichen wohl kaum aus, großartige Erkenntnisse über mein Leben zu gewinnen. Habe ich auf dieser Zugfahrt ein Stück näher zu mir und Gott gefunden? Oder habe ich mich wieder abgelenkt? Ich bin mir unsicher. Die Fastenzeit dauert zum Glück länger als 42 Minuten und gibt mir Zeit, weiter darüber nachzudenken.
Die ersten Tage Fastenzeit
Wie sieht meine Fastenzeit ohne Ablenkung im Alltag aus? Ich nehme Sie auf Instagram mit:
#fastenfeiern – 40 Tage ohne Ablenkung
Schreiben Sie mir Ihre Gedanken über Instagram, YouTube, Facebook oder an socialmedia@katholisch.de!