Wer sind die Ideengeber des Papstes?
Das einst von Papst Franziskus geschaffene Gremium namens K9, in dem wenige Kardinäle mehrmals im Jahr den Papst berieten, scheint sanft entschlafen. Papst Leo XIV. hat es noch kein einziges Mal einberufen, seit er am 8. Mai 2025 gewählt wurde. Und so spekulieren Vatikanbeobachter seit geraumer Zeit, wer ihn wohl vor schwierigen Entscheidungen berät. Sicher ist: Das maximal zweimal im Jahr zusammenkommende Konsistorium der Kardinäle aus aller Welt ist so groß und aufwendig in der Organisation, dass es nur zu Beratungen über ganz grundsätzliche Fragen und Richtungsentscheidungen taugt.
Mit wem also berät sich der Papst aus dem Augustinerorden, wenn raschere Entscheidungen zu konkreten Fragen anstehen? Der Vatikankorrespondent der spanischen Zeitung ABC, Javier Martínez-Brocal, hat die Namen von Menschen im Vatikan zusammengestellt, die offenbar das besondere Vertrauen des Papstes genießen und die er häufiger trifft als andere.
Verschwiegen und unparteiisch
Der Spanier Martínez-Brocal galt im Franziskus-Pontifikat als einer der bestinformierten Vatikanbeobachter. Laut seinen Recherchen vertraut der Papst aus Chicago vor allem Leuten, die neben fachlicher Expertise zwei Eigenschaften haben: Sie sind verschwiegen und unparteiisch im Meinungskampf der kirchlichen Lager. Zudem achte Leo XIV. sehr genau darauf, dass nicht erneut der Eindruck einer Parallelstruktur zur vatikanischen Kurie entsteht. Dies war unter Franziskus streckenweise der Fall.
Aus diesem Grund, so der Bericht, sei der Papst auch wieder zu einer engen Abstimmung und klaren Aufgabenteilung mit seinem Staatssekretariat übergegangen. Während es unter Franziskus vorkam, dass der Papst spontan und manchmal auch unüberlegt politische Statements von sich gab, die dann Staatssekretär Pietro Parolin auf diplomatischen Wegen mühsam wieder einfangen musste, spricht nun fast ausschließlich Parolin zu solchen Themen.
Zu politischen Themen äußert sich unter Leo XIV. fast ausschließlich Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin.
Selbst die anfängliche Parallel-Kommunikation des Papstes nach seinen wöchentlichen Ausflügen in Castel Gandolfo hat, wie andere Vatikanbeobachter bemerken, seit Monaten nicht mehr stattgefunden. Stattdessen spricht stets Parolin – selbst wenn es sich um eine so grundsätzliche Frage wie die Teilnahme des Heiligen Stuhls an Trumps Friedensinitiative für Gaza handelt.
Wenn es aber um personelle oder strukturelle Entscheidungen im Vatikan oder in der Weltkirche geht, bespricht sich der Papst offenbar mit einigen speziellen Vertrauten. Wie der CEO eines Unternehmens bitte er sie, "ihm Informationen zusammenzustellen und Lösungsvorschläge zu machen", so Martínez-Brocal unter Berufung auf einen anonymen Vertrauten im Vatikan.
Mehrere Spanier und Ordensleute
Dabei lasse Leo nie einen Zweifel daran, dass am Ende er entscheide und dass er sich in Abhängigkeit von niemandem begebe. Solche Beratungen können dann mitunter überraschend schnell und klar zur vollständigen Rücknahme einzelner Beschlüsse seines Vorgängers Franziskus führen. So geschehen beim Zurückdrehen der Strukturreform des Bistums Rom oder bei der Abwicklung des "Päpstlichen Komitees für den Weltkindertag".
Unter den wichtigsten Vertrauten des Papstes nennt der Autor den spanischen Kardinal Ángel Fernández Artime (65). Bereits Papst Franziskus hatte den Salesianer als Ergänzung zur italienischen Ordensfrau Simona Brambilla zum "Pro-Präfekten" des Ordens-Dikasteriums ernannt. Leo gab ihm weitere Funktionen. Er ist jetzt auch Mitglied des Berufungsgerichts im Vatikanstaat, beim ersten Konsistorium im Januar leitete er die erste Runde. Dann berief ihn der Papst in die kleine und verschwiegene Kardinalskommission, die über die Vatikanbank IOR wacht. Und in Assisi bei der international beachteten Eröffnung der Reliquienausstellung des heiligen Franziskus predigte kein anderer als Artime.
Schwester Simona Brambilla ist Präfektin des Ordensdikasteriums. Kardinal Ángel Fernández Artime ist ihr als Pro-Präfekt zur Seite gestellt.
Einen weiteren Salesianer, zu dem der Papst besonderes Vertrauen habe, erwähnt der Bericht: Der italienische Erzbischof Giordano Piccinotti (51), Präsident der mächtigen vatikanischen Güterverwaltung Apsa. Ihn hat Leo XIV. so häufig getroffen wie sonst kaum jemanden im Vatikan. Wie der Papst ist Piccinotti zudem häufig in Castel Gandolfo, wo das Öko-Vorzeige-Projekt "Laudato sì" der Apsa untersteht. Der Papst erwähnte Piccinotti unlängst bei einem Pfarreibesuch in Rom, wo er sich mit den dort tätigen Seelsorgern unterhielt.
Bei der Gelegenheit gab er preis, dass er als junger Mann auf der Suche nach einer Ordensgemeinschaft sich zunächst die Salesianer Don Boscos angeschaut habe. Am Ende habe er sich dann aber für die Augustiner entschieden und sei dort ins Noviziat eingetreten.
Verbindungen aus früheren Jahren
Unter den Männern "seines" Ordens nennt der Bericht zwei weitere Berater des Papstes. Der vermutlich Wichtigste ist der spanische Bischof Luis Marín de San Martín (64). Er war in der römischen Ordensleitung der Augustiner von 2008 bis 2021 Generalassistent – darunter von 2008 bis 2013 fünf Jahre gemeinsam mit dem späteren Papst – damals noch in dessen Rolle als Augustiner-Generalprior.
Marín ist seit 2021 zweiter Mann im Sekretariat der Weltbischofssynode. Auch hier kreuzten sich wieder seine Wege mit Prevost, der 2023 als Präfekt des Bischofsdikasteriums von Peru nach Rom zurückkehrte. Dass die Übernahme des Franziskus-Projekts der Weltsynode durch den neuen Papst so reibungslos verlief, mag auch an dieser personellen Verbindung liegen.
Bilden gemeinsam das Generalsekretariat der Bischofssynode: Schwester Nathalie Becquart (l.), Untersekretärin, Kardinal Mario Grech (m.), Generalsekretär, und Bischof Luis Marin de San Martin (r.), Untersekretär der Bischofssynode.
Ein anderer wichtiger Augustiner ist der spanische Pater Alejandro Moral (70). Er wurde 2013 zu Prevosts Nachfolger in der Ordensleitung in Rom gewählt. Nach zwei Amtszeiten wechselte er im Herbst 2025 nach Kuba, so dass der Papst in dem krisengeschüttelten Land neben dem Nuntius noch einen weiteren wichtigen Ansprechpartner hat.
Ein besonderer Kontaktmann des Papstes im Glaubensdikasterium ist dem Bericht zufolge ein weiterer Spanier: der Katalane Jorge (Jordi) Bertomeu. Der Geistliche arbeitet dort in der für Missbrauchsfälle zuständigen Abteilung und war unter anderem mit schwerwiegenden Fällen in Chile und Peru befasst - von woher wiederum der heutige Papst ihn kennt.
Zwei Frauen gehören dazu
Auch zwei Frauen zählt der spanische Vatikanexperte in seinem Bericht unter die engeren Papst-Helfer: Die beiden Ordensfrauen Simona Brambilla (60), Präfektin des Ordensdikasteriums, und Raffaella Petrini (57), Regierungschefin des Vatikanstaats. Brambilla wurde von Leo unlängst zum Mitglied des Bischofsdikasteriums berufen – jener Behörde, die er selbst einst geleitet hat und die in den meisten Ländern für die Vorauswahl der Bischofskandidaten zuständig ist. Und Petrini, die in den USA ihren Abschluss in Betriebswirtschaft gemacht hat, scheint ebenfalls einen direkten Draht zum Papst zu haben.
Unter den Kurienkardinälen nennt Martínez-Brocal vor allem drei, die nach seiner Überzeugung zum engeren Kreis um Leo gehören: den Filipino Luis Tagle (68), den Portugiesen José Tolentino de Mendonça (60), und den Nachfolger im Amt des Bischofs-Präfekten, Filippo Iannone (68). Der Kirchenjurist aus Neapel ist der einzige Kurienpräfekt, den Leo in den ersten zehn Monaten seines Pontifikats ernannt hat. Die beiden sehen sich jede Woche.
Der Kurienkardinal Luis Antonio Gokim Tagle zählt wohl auch zum engeren Kreis Leos.
Schließlich nennt der Text noch Kardinal Michael Czerny (79). Ihm schreibt er eine wichtige Rolle als Ideengeber bei der mit Spannung erwarteten ersten Enzyklika von Leo XIV. zu. Das Lehrschreiben könnte dann so etwas wie das Vermächtnis des Kanadiers werden, der im Juli das 80. Lebensjahr erreicht und damit wohl aus seinen vatikanischen Ämtern ausscheidet.
Auch zu Czernys wahrscheinlichem Nachfolger, Kardinal Fabio Baggio (61), unterhält der Papst laut Martínez-Brocal einen kurzen Draht. Als Generaldirektor des Ökoprojekts "Laudato sì" ist Baggio ebenfalls oft in Castel Gandolfo. Die Vermutung liegt nahe, dass der Papst seinen allwöchentlichen freien Tag in den päpstlichen Grünanlagen nicht nur zur Erholung, sondern auch zum ungestörten Gedankenaustausch mit seinen Beratern nutzt.
