Christian Lange hat Überblickswerk zur Christologie geschrieben

Historiker: Christusbilder der Alten Kirche zeigen Vielfalt für heute

Veröffentlicht am 05.04.2026 um 12:00 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Erlangen ‐ Wer Jesus war und wie er zu Gottvater steht, war jahrhundertelang umstritten. Das zeigt die Vielfalt des Christentums, sagt Kirchenhistoriker Christian Lange im katholisch.de-Interview. Auch ein Impuls für heute.

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Das Konzil von Chalcedon vertrat 451 die Zwei-Naturen-Lehre und stellte sich gegen den Monophysitismus, nach der Jesus Christus nur eine göttliche Natur hat. Das dritte Konzil von Konstantinopel 680/681 dann gegen den Monotheletismus, nachdem Jesus Christus zwar göttliche und menschliche Natur hat, aber nur einen göttlichen Willen. Wer sich nicht mit der Geschichte der Alten Kirche befasst, kommt an vielen dieser Begriffe vorbei. Sie sind ein Zeichen dafür, dass jahrhundertelang ausdiskutiert wurde, wer Jesus eigentlich war. Christian Lange ist Privatdozent für Kirchengeschichte und Patrologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und hat ein Grundlagenwerk zur Christologie in der Alten Kirche geschrieben. Im Interview spricht er über Glaube und Kirchenpolitik – und was die alten Streitigkeiten auch der Gegenwart noch zu sagen haben.

Frage: Herr Lange, die Christologie, also die Lehre über das Wesen Jesu, hat in der Alten Kirche viele Konzilien beschäftigt. Warum war das Christusbild so umstritten?

Lange: Es gab eine große Vielfalt an Blickwinkeln darauf, wer Jesus eigentlich war. Aus diesen vielen Ansätzen kristallisierte sich dann relativ schnell eine Meinung heraus, die wir heute als "großkirchlich" bezeichnen: Dass Jesus sowohl Gott als auch Mensch war und diese beiden Naturen ungeteilt und unvermischt in sich vereint hat. Dadurch wurden andere Konzepte an den Rand gedrängt und später für häretisch erklärt. Im Raum des Römischen Reiches entstand so eine einheitliche Spiritualität mit Christus im Zentrum, die auch zu den Konzeptionen weltlicher Macht gepasst hat. In anderen Ländern ist Ähnliches zu beobachten, wenn die Herrscher zur Ausbreitung des Christentums beigetragen haben, also etwa in Armenien oder Äthiopien. Ganz anders ist die Situation in Persien gewesen, wo Christen immer eine Minderheit waren. Da haben die Diskussionen andere Akzentuierungen des Christusbildes vorgenommen.

Frage: Über welche Christusbilder wurde im Römischen Reich, also dem prägenden Raum für die Kirche, diskutiert?

Lange: Ganz grundsätzlich ging es um die Frage: Kann Gott Mensch werden? Im Gegensatz zu Judentum oder Islam wird diese Frage im Christentum bejaht, mit Verweis auf das Johannesevangelium: "Und der Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einziggeborenen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit." (Joh 1,14) Die Diskussion war nun: Wie kann diese theologische Erkenntnis plausibel formuliert werden? Schon recht früh kam in der griechischsprachigen Welt des Nahen Ostens die Frage auf, ob der inkarnierte Logos, also Jesus, eine Schöpfung Gottes oder ein Teil der einen Gottheit selbst sei. Im vierten Jahrhundert wurde diese Frage im Römischen Reich durch Arius aufgeworfen. Er und seine Anhänger lasen aus "Der HERR hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit" (Spr 8,22), dass Jesus ein Geschöpf sein musste, das nicht vollständig mit Gott identisch sein könne. Darauf reagierte das Konzil von Nizäa 325 und stellte fest: Es darf innerhalb des einen Gottes keine Differenzierung geben zwischen Geschöpf und Schöpfer – und das mit Rückgriff auf Johannes und den "Logos", durch den alles geschaffen worden ist (Joh 1,3). Daraus entwickelte sich dann die Frage: Wenn Jesus vollständiger Gott ist, wie kann er dann vollständiger Mensch sein? Diese Debatte zog sich vom vierten bis in das siebte Jahrhundert. Das Konzil von Konstantinopel (680/681) beendete diese Diskussion dann mit der Aussage: Jesus ist vollständiger Mensch und vollständiger Gott mit der Einschränkung der Sünde, weil Gott nicht gegen sich selbst handeln kann. Er besitzt infolge dieser zwei Naturen auch zwei Willensregungen. Dabei ordnet sich der menschliche Wille aber freiwillig dem göttlichen Willen unter (Joh 6,38). insofern wird im Handeln Jesu immer der Wille Gottes spürbar.

Frage: Wie wurden diese vielen Diskussionen ausgetragen?

Lange: Da gab es einerseits verschiedene "Schulen" oder Denktraditionen an verschiedenen Orten, die sich an verschiedenen Kirchenvätern orientierten, etwa in Alexandria und Antiochia. Diese beiden "Schulen" standen im direkten Konflikt miteinander. Sie tauschten untereinander Schriften und Gegenschriften aus. Der eigentliche Ort der Auseinandersetzungen waren aber die Konzilien und Synoden. Dabei nahm der römische Kaiser eine besondere Stellung ein: Er berief diese Synoden ein und übernahm manche ihrer Beschlüsse in seine Rechtsprechung. Deshalb war es ganz entscheidend, wer sich bei einem Konzil oder einer Synode durchsetzte, weshalb manche Kirchenmänner wie Kyrill von Alexandria 431 auch bewusst Verfahrenstricks einsetzten, um ihrer Seite zum Sieg zu verhelfen – in diesem Fall gegen Nestorius von Konstantinopel. Deshalb muss man diese Konzilien und ihre Entscheidungen durchaus kritisch kontextualisieren – gerade mit Blick auf das ökumenische Gespräch mit den Kirchen des Ostens.

Bild: ©Privat, Montage: katholisch.de

Christian Lange ist Privatdozent für Kirchengeschichte und Patrologie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Frage: Was bedeuteten diese Entscheidungen für die Christinnen und Christen im Alltag?

Lange: Je nachdem, welcher Strömung man angehörte, stand man mit anderen Gemeinschaften in Eucharistiegemeinschaft oder nicht. Das ist ja bis heute noch ein unterscheidendes Merkmal zwischen christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Zudem wurden die unterlegenen Gemeinden nicht anerkannt und verfolgt und mussten sich im Untergrund treffen. Das hatte Auswirkungen auf Kirchenbau, Kunst und Kultur. Zudem wurden von den Konzilsentscheidungen abweichende Theologien durch die Situation im Untergrund nicht mehr weiterentwickelt und versandeten irgendwann, weshalb sich letztendlich wenige christologische Grundlinien durchgesetzt hatten. Das Christusbild bestimmte das Leben in der Spätantike, deshalb entwickelt der Koran dann auch ein eigenes.

Frage: Die Konzilien wurden früher durch den römischen Kaiser oder die römische Kaiserin einberufen. Inwiefern war die Christologie also auch eine Machtfrage?

Lange: Natürlich lehrt die systematische Theologie, dass bei Konzilien der Geist Gottes wirkt. Dennoch ist der Einfluss der Herrschenden von zentraler Bedeutung. Zum Beispiel in Äthiopien: Dort wurde der erste Bischof auf Geheiß der Herrscher von Alexandria aus eingesetzt. Damit war klar, dass die Kirche Äthiopiens auf der Linie Ägyptens war. So war es auch im römischen Reich. Dort hatten die Kaiser einen ganz entscheidenden Einfluss, auch wenn sie sich nicht immer durchsetzen konnte. Da gewannen Theologen, wie der bereits erwähnte Kyrill, gegen die kaiserlichen Legaten die Oberhand; oder eine Synode im Lateran im Jahr 649 wurde in griechischer Sprache abgehalten, weil die kaiserliche Autorität über die Stadt Rom zu dem Zeitpunkt sehr eingeschränkt war. Hier gibt es also auch immer einen kirchenpolitischen Kontext.

Frage: Mit all diesen sehr zeitgebundenen Rahmenbedingungen im Hinterkopf, welche Erkenntnisse sind aus diesen Auseinandersetzungen für die Gegenwart relevant?

Lange: Insbesondere im binnenchristlichen ökumenischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist diese Frage wieder sehr relevant. Durch diesen Dialog sind wir heute so weit, dass zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen des Ostens die Frage der Christologie als trennendes Element ausgeräumt ist. Da sind es heute eher Fragen der Ekklesiologie oder Moral und Ethik, die im Raum stehen.

Fresko zum ersten ökumenischen Konzil von Nizäa
Bild: ©picture alliance / imageBROKER | hwo

Das Konzil von Nizäa trat 325 zusammen.

Frage: Wie kann das sein, dass derart zentrale Spannungen allein dadurch ausgeräumt werden, dass man miteinander spricht?

Lange: Wir unterschätzen die katholische Weite Roms. Es gibt seit Jahrhunderten den Filioque-Streit zwischen der West- und der Ostkirche, also eine dogmatische Auseinandersetzung, die sich in einer Formulierung des Glaubensbekenntnisses widerspiegelt. Als Papst Leo XIV. im November 2025 in Nizäa war, hat er die griechische Version des Glaubensbekenntnisses gebetet und nicht die lateinische. Ebenso zitieren manche Vatikandokumente wie selbstverständlich die griechische Fassung. Rom hat zudem mit der Liturgie von Addai und Mari eine Form der Eucharistiefeier anerkannt, die keine Einsetzungsworte kennt, die sonst in der römischen Systematik als wesentlich angesehen werden. Der Ansatz Roms lässt sich insofern vielleicht am besten so beschreiben: Der Fokus liegt auf der Kircheneinheit im Sinne einer Einheit in der Vielheit. Da geht Rom zum Teil sehr weit, blickt hinter festgefahrene Formeln und versucht, im Dialog mit anderen Kirchen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, was wir vielleicht theologisch breiter lehren und bekanntmachen sollten Solche Fragen sind also bis heute aktuell.

Frage: Aber welche Bedeutung hat denn eine Frage wie diese christologischen Feinheiten in einer Welt, die wie in Europa oder Nordamerika immer säkularer wird?

Lange: Über diese Auseinandersetzungen der Vergangenheit zu wissen, erweitert den Horizont dahingehend, dass die Kirche schon immer pluraler und vielstimmiger war, als wir oftmals meinen. Viele Menschen haben das Bild im Kopf, dass das Christentum in seiner Entwicklung sehr schnell uniform war – das stimmt aber nicht. Die Kirchen entwickelten sich von "unten nach oben", in unterschiedlichen Sprachen und Kulturkreisen. Das herauszuarbeiten, ist heute eine wichtige Aufgabe der Kirchengeschichte. Diese Anerkennung einer frühchristlichen Polyphonie gibt uns die Werkzeuge an die Hand, die Verschiedenheiten im Christentum heute anzuerkennen und unterschiedliche Pole zu versöhnen – und trotzdem einen gemeinsamen Glauben zu bekennen und eventuell beispielsweise Eucharistiegemeinschaft zu halten. Gerade in einer säkularen, multireligiösen Gesellschaft wird die Frage nach Jesus wieder aktuell, besonders in Auseinandersetzung mit der Christologie etwa des Islam. Zudem sind viele junge Menschen auf der Suche nach Spiritualität – und stoßen da auf Jesus, den sie anders entdecken als Generationen vor ihnen. Vor dieser Folie sollten wir aktuelle Theologie treiben und dafür auch die neuen Medien nutzen.

Frage: Welche Zugänge kann da eine Christologie geben, die nicht mehr wie in der Vergangenheit bewusst eng geführt wird?

Lange: Wir können zum Beispiel aus den östlichen Traditionen lernen, die Jesus weniger systematisch-philosophisch zu durchdringen versuchen als vielmehr von ihm erzählen. In ihnen ist der Zugang bildlicher, emotionaler, bibelzentrierter. Vielleicht sollten wir uns heute auf gewisse Grundaussagen konzentrieren, die uns ja auch Zuversicht spenden können: Denn dass Jesus die Menschen wieder mit Gott versöhnen will, dass Gott seine Schöpfung nicht allein lässt, das ist doch eine wirklich frohe Botschaft für die verunsicherten Menschen unserer Zeit. Dadurch weist dieser Gott in die Zukunft, hin zum ewigen Leben. Das gilt für Menschen aller monotheistischen Religionen, ebenso wie für Atheisten. Diese Botschaft bleibt von höchster Relevanz. Deshalb müssen wir unsere Glaubensinhalte heute wieder verständlich machen, richtig gewichten und selbst nachvollziehen. Texte wie das Glaubensbekenntnis verbinden viele Menschen – diese Verbindung müssen wir theologisch wiederentdecken – zum Beispiel in dem Buch.

Von Christoph Paul Hartmann

Buchtipp

Christian Lange: "Und der Logos ist Fleisch geworden. Kleine Geschichte der christologischen Lehrentwicklung in der Alten Kirche", Herder.