Bericht von Weltsynoden-Studiengruppe

Theologin zu Frauen-Dokument: Gute Absichten müssen konkret werden

Veröffentlicht am 19.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Matthias Altmann – Lesedauer: 

Mainz ‐ Bringt der Studiengruppen-Bericht zur Teilhabe von Frauen in der Kirche neue Dynamik? Theologin Regina Heyder sieht wichtige Impulse und einen Abschied von Geschlechterstereotypen. Doch was folgt daraus? Ein Interview.

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Der Vatikan veröffentlichte vergangene Woche den Abschlussbericht der Studiengruppe mit dem Titel "Die Teilhabe von Frauen am Leben und an der Leitung der Kirche". Die Studie wurde von Papst Franziskus während der Weltsynode (2023/24) in Auftrag gegeben. Der Text benennt strukturelle Ursachen für die Entfremdung von Frauen von der Kirche und bezeichnet die "Frauenfrage" als ein dringliches "Zeichen der Zeit". Im katholisch.de-Interview erklärt die Kirchenhistorikerin Regina Heyder, dass das Dokument einige neue Akzente setze, beispielweise beim Thema Leitung von Frauen in der Kirche. Doch manche zentrale Fragen – nicht nur die des Diakonats – werden aus ihrer Sicht zu wenig konsequent behandelt.

Frage: Frau Heyder, erste Reaktionen aus Deutschland auf den Bericht der Studiengruppe zur Teilhabe von Frauen in der Kirche sind gemischt. Wo stehen Sie persönlich in dieser Debatte – eher im Team Hoffnung oder im Team Ernüchterung?

Heyder: Wenn ich mich festlegen müsste, wäre ich eher im Team Bewegung. Man kann nämlich durchaus sehen, dass sich einiges verschoben hat. Der Bericht zeigt, dass die vielen Stimmen, die Frauen bei der Weltsynode eingebracht haben, offensichtlich Spuren hinterlassen haben. Einige Narrative haben sich verändert.

Frage: Welche zum Beispiel?

Heyder: Papst Franziskus hat immer das Prinzip "Loben statt weihen" angewendet und häufig betont, Frauen hielten die Kirche zusammen. Das stimmt natürlich. Aber jetzt wird gleichzeitig klar benannt, dass es Frauen gibt, die die Kirche verlassen, weil sie dort keine Wirksamkeit mehr erleben. Die Situation von Frauen in der Kirche wird realistischer eingeschätzt.

Frage: Der Bericht spricht dabei ausdrücklich vom "Unbehagen" vieler Frauen und davon, dass manche die Kirche nicht mehr als Heimat empfinden. Für vatikanische Verhältnisse klingt das nach einem bemerkenswert offenen Befund. Wie schätzen Sie das ein?

Heyder: Das sehe ich auch so. Bisher wurde häufig argumentiert, Frauen würden außerhalb der Kirche diskriminiert, innerhalb der Kirche aber nicht. Diese Selbstkritik, die jetzt durchscheint, gab es so deutlich bisher nicht. Wenn im jetzigen Text steht, dass die "Frauenfrage" in der Kirche selbst ein Zeichen der Zeit ist, zeigt dies, wie dringlich das Thema inzwischen wahrgenommen wird.

Frage: Beim Thema Diakonat der Frau scheint sich jedoch nichts bewegt zu haben. Manche Reaktionen auf den Bericht zielen gerade darauf ab – auch die des KDFB, bei der Sie zu Wort kommen. Der Text spricht es zwar an, bringt aber nichts Neues, sondern zitiert gewissermaßen den Abschlussbericht der entsprechenden Kommission vom vergangenen Dezember. Darin hieß es, momentan sei die Zeit dafür noch nicht reif.

Heyder: Tatsächlich trägt das jetzige Dokument nicht viel zur Diakonatsfrage bei. Wenn es heißt, die Zeit sei noch nicht reif, bedeutet das: Es gibt keinen abschließenden theologischen Konsens. Doch in einigen Weltregionen wäre die Zeit dafür längst reif. Es ist schade, dass die Diakonats-Kommission schon lange vor der Synode eingesetzt wurde und leider nicht den Rückenwind mitgenommen hat, der bei den synodalen Beratungen wehte.

Blick in die Audienzhalle bei den Beratungen der Weltsynode
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Symbolbild)

"Der Bericht zeigt, dass die vielen Stimmen, die Frauen bei der Weltsynode eingebracht haben, offensichtlich Spuren hinterlassen haben", sagt Regina Heyder.

Frage: Ist das ein Rückschlag in der Debatte um das Diakonat der Frau?

Heyder: Ich persönlich sehe das Thema Weiheämter für Frauen als Frage der Gerechtigkeit an. Ich halte auch die Gegenargumente für theologisch nicht überzeugend. So geht es vielen anderen Frauen in der Kirche auch. Insofern wird die Debatte nach diesem Papier sicher nicht leiser werden. Man sollte aber die Frage nach dem Weiheamt und das Thema Leadership nicht gegeneinander ausspielen. Zumindest öffnet der jetzige Studiengruppen-Bericht ganz entschieden die Perspektiven von Frauen und Laien insgesamt in der Leitung der Kirche.

Frage: Was ist für Sie der zentrale Punkt in diesem Zusammenhang?

Heyder: Interessant ist zunächst, dass der Bericht auf Entwicklungen in der römischen Kurie verweist. Dort sind mehrere Frauen inzwischen in Leitungspositionen tätig. Das wird als Vorbild für die Diözesen betrachtet. Und der Text erklärt ausdrücklich, dass diese Leitungsgewalt eine delegierte Vollmacht sein kann – also nicht aus der sakramentalen Weihe stammen muss, sondern durch Beauftragung übertragen wird, etwa durch den Papst oder einen Ortsbischof. Das zeigt, dass Leitung in der Kirche nicht ausschließlich an Weihe gebunden sein muss. Und diese Leitungspositionen, die im Dokument beschrieben werden, sind ohne echte Entscheidungsbefugnis kaum denkbar. Da entscheidet dann am Schluss nicht ein Amtsträger, allein weil er geweiht ist. Das ist ein echter Paradigmenwechsel und für manche eine große Herausforderung.

Frage: In vielen Diözesen, auch in Deutschland, gibt es solche Ämter bereits.

Heyder: Ja, der Bericht nennt Beispiele aus einigen Ländern, wenn auch nicht aus Deutschland. Solche Modelle werden in einer großen Bandbreite beschrieben und ausdrücklich als legitim dargestellt. Es wird gesagt, dass die Ortskirchen unterschiedliche Wege gehen, auch die Gemeinden vor Ort. Das Kriterium sind also die Erfordernisse in den jeweiligen Ortskirchen. Damit ist ein Freiheitsraum eröffnet, der auch die Entwicklung neuer Dienstämter einschließen kann, insbesondere auf der Ebene der Bischofskonferenzen.

Frage: Verschiebt sich auch in der Frage der Geschlechterrollen in der Kirche etwas? Diese spielt ja immer mit rein, wenn es darum geht, zu argumentieren, warum beispielsweise eine sakramentale Weihe von Frauen nicht möglich sei.

Heyder: Genau daran merkt man, dass etwas in Bewegung ist: Der Text verabschiedet sich von traditionellen Geschlechterstereotypen. Lange war in der kirchlichen Argumentation das Paradigma der Komplementarität dominant – also die Vorstellung, dass Männer und Frauen sich ergänzen, weil sie grundsätzlich verschieden sind. Frauen wurden dabei häufig bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, wie Zärtlichkeit, Fürsorge oder Mütterlichkeit. Vor allem Kolleginnen aus dem globalen Süden haben dieses Komplementaritäts-Paradigma immer wieder kritisiert, weil es Frauen die Last der Ergänzung auferlegt und Männer privilegiert. Das neue Dokument löst diesen strengen Dualismus weitgehend auf. Es zeigt etwa anhand biblischer Beispiele, dass solche Eigenschaften nicht an ein bestimmtes Geschlecht gebunden sind.

Bild: ©Bernhard Raspels (Archivbild)

Regina Heyder arbeitet am Theologisch-Pastoralen Institut für berufsbegleitende Bildung der Diözesen Fulda, Limburg, Mainz und Trier. Außerdem ist sie Vorsitzende der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB). Ihr Schwerpunkt liegt unter anderem in der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung und im Gebiet Katholikinnen und Frauenbewegungen.

Frage: Was ist stattdessen leitend?

Heyder: An die Stelle der Komplementarität tritt wie schon im Schlussdokument der Synode das Konzept der Reziprozität. Damit ist gemeint: Beziehungen in der Kirche sollen durch Gegenseitigkeit geprägt sein – durch Geben und Annehmen auf beiden Seiten. Das gilt dann auch für hierarchische Beziehungen oder für die Beziehungen zwischen Ortskirchen.

Frage Das Papier enthält auch eine Passage über das sogenannte marianische und petrinische Prinzip. Wie ist diese Debatte im Dokument eingeordnet?

Heyder: Diese theologische Idee wurde ursprünglich von Hans Urs von Balthasar entwickelt. Er spricht zunächst nicht von Prinzipien, sondern von zwei Elementen in der Kirche. Das ist sprachlich etwas milder als die Rede vom marianischen und petrinischen Prinzip. Der Text zeichnet dann nach, wie diese Idee vom Lehramt rezipiert wurde. Zunächst wird daran erinnert, dass das sogenannte marianische Prinzip – also die Haltung des Empfangens und des Hörens auf das Wort Gottes – grundsätzlich alle in der Kirche verpflichtet. Dieses ist grundlegend und umfängt das petrinische Prinzip, das man mit Verwaltung, Amt etc. in Verbindung bringt. Zwischen den Zeilen deutet der Bericht an, dass marianisches und petrinisches Prinzip nicht dualistisch verstanden und gegen die Weihe von Frauen in Anschlag gebracht werden können. Das ist durchaus eine implizite Kritik an Positionen von Papst Franziskus. Mit der Berufung von Frauen in kuriale Leitungsämter ist eine rigide Anwendung dieser Prinzipien ohnehin faktisch obsolet geworden.

Frage: Wo sehen Sie in dem Dokument Punkte, die man besser hätten klären sollen?

Heyder: Der literarischen Gattung nach ist das Dokument ein Bericht, der Analysen, theologische Reflexionen und verschiedene Empfehlungen enthält. Ein Bericht kann jedoch als solcher keine Verbindlichkeit herstellen; er ist auf den "good will" der Verantwortlichen angewiesen. Genau dafür hätte ich mir deutliche Empfehlungen erhofft: Wie gelangen wir auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens zu Transparenz, Rechenschaftspflicht und Evaluierung in der Frage der Partizipation von Frauen? Um ein Beispiel zu machen: Maßnahmen gegen Diskriminierung und für Geschlechtergerechtigkeit könnten ohne weiteres ein verpflichtendes Thema bei den Ad-limina-Besuchen der Bischöfe beim Papst werden.

Frage. Es heißt, das Dokument soll ein Ausgangspunkt für weitere Diskussionen sein. Was ist jetzt besonders wichtig?

Heyder: Der Text beschreibt sehr gut die Gefahr des Klerikalismus und des Chauvinismus als weltweites Phänomen. Zu diesen Formulierungen wäre es ohne die Synode niemals gekommen. Das zeigt, dass Machtstrukturen in der Kirche kritisch reflektiert werden können. Jetzt müssen die guten Absichten konkret werden, denn die Frage, wie in der Kirche selbst gegen Diskriminierung jeglicher Art und für Geschlechtergerechtigkeit gehandelt wird, ist die Zukunftsfrage der Kirche schlechthin.

Von Matthias Altmann