Zwischen Messe, Frömmigkeiten und Andachten

Wie Katholiken Gottesdienst feiern – Formen und Traditionen

Veröffentlicht am 10.05.2026 um 12:00 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Bonn ‐ Bei Gottesdienst denkt man in der katholischen Kirche gleich an die Heilige Messe. Sie ist zwar zentral – doch es gibt auch eine Vielzahl anderer Formen im katholischen Gottesdienstleben.

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In vielen Regionen der katholischen Kirche wird ein Problem sichtbar: Es gibt immer weniger Priester. Für viele Gemeinden bedeutet das, dass die sonntägliche Messe nicht mehr regelmäßig gefeiert werden kann. Stattdessen finden zunehmend Wort-Gottes-Feiern statt. Dabei versammeln sich Gläubige zwar zum gemeinsamen Gebet und hören Bibeltexte, eine Eucharistiefeier – also die eigentliche Messe – findet jedoch nicht statt, weil dafür ein geweihter Priester notwendig ist. Manchmal gibt es zusätzlich eine Kommunionausteilung innerhalb der Wort-Gottes-Feier, doch nicht überall ist das der Fall. Zuletzt sorgte eine Entscheidung des Südtiroler Bischofs Ivo Muser für Diskussionen: Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionausteilung soll es künftig in seinem Bistum nicht mehr geben. 

Doch die Entwicklung zeigt auch, wie vielfältig das katholische Gottesdienstleben eigentlich ist. Grundsätzlich spielt der Gottesdienst im Kirchenleben eine zentrale Rolle – der Begriff bezeichnet jedoch nicht nur die Messe. Neben der offiziellen Liturgie der Kirche gibt es weitere gottesdienstliche Formen sowie zahlreiche Ausdrucksweisen der Volksfrömmigkeit. Zusammen strukturieren sie das religiöse Leben vieler Katholiken im Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus. 

Mittelpunkt des katholischen Gottesdienstes 

Im Mittelpunkt steht dabei weiterhin die Eucharistiefeier, besser bekannt als Heilige Messe. Sie ist die wichtigste liturgische Handlung der Kirche. In ihr erinnern sich die Gläubigen an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Die Messe gliedert sich grundsätzlich in zwei Teile: den Wortgottesdienst und die eucharistische Liturgie. Im Wortgottesdienst werden biblische Texte gelesen, das Evangelium verkündet und eine Predigt gehalten. In der eucharistischen Liturgie folgen das Hochgebet, die Wandlung von Brot und Wein sowie die Kommunion. Messen werden an Sonn- und Werktagen gefeiert und können unterschiedlich gestaltet sein. Es gibt schlichte Werktagsmessen ebenso wie festliche Hochämter mit Gesang. Auch Requien, also Messen für Verstorbene, gehören dazu. 

"Quelle und Höhepunkt ist die Liturgie insgesamt, das sagt das Konzil klar – nicht nur die Eucharistiefeier", sagte der Erfurter Liturgieexperte Benedikt Kranemann jüngst gegenüber katholisch.de. "Es gibt verschiedene liturgische Feiern, die alle ihre Bedeutung besitzen. Gleichzeitig ist unbestritten, dass die Eucharistie – allein schon durch das gemeinsame Mahlhalten und die intensive Verbindung mit dem Abschiedsmahl Jesu Christi – besonderes Gewicht besitzt." Da einer Eucharistie jedoch nur ein ordinierter Priester vorstehen kann, ist das in vielen Regionen mit Priestermangel ein Problem. Kranemann betonte in diesem Zusammenhang, dass Wort-Gottes-Feiern eine legitime Form von Liturgie seien und nicht als "Notlösung" verstanden werden sollten. "Jede Form von Gottesdienst hat ihren eigenen Wert und ihren Ort", sagte er. 

Feier des Wortes Gottes stärken

Ohne Änderungen beim Zugang zum Priesteramt werde es jedoch zwangsläufig dazu kommen, dass Eucharistiefeiern in großen Flächenbistümern der Diaspora seltener stattfinden. Dann stelle sich die Frage, wo Gemeinden ihre geistliche und liturgische Mitte finden. Hier habe – so Kranemann – schon heute die Wort-Gottes-Feier eine wichtige Bedeutung. 

Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) wollte auch die Feier des Wortes Gottes stärken. "Zu fördern sind eigene Wortgottesdienste an den Vorabenden der höheren Feste, an Wochentagen im Advent oder in der Quadragesima sowie an den Sonn- und Feiertagen", heißt es im Konzilstext "Sacrosanctum concilium". Eine Wort-Gottes-Feier beginnt in der Regel mit einem Eingangslied und dem Einzug der liturgischen Dienste in den Gottesdienstraum. Nach dem liturgischen Gruß und einer kurzen Einführung folgen das Kyrie und das Eröffnungsgebet. Anschließend beginnt der Wortgottesdienst: Eine erste Lesung aus der Bibel wird vorgetragen, darauf folgt ein Psalm und meist eine zweite Lesung. Mit dem Halleluja-Ruf wird das Evangelium feierlich angekündigt und verkündet. Danach folgt eine Auslegung oder Predigt, die die biblischen Texte für das Leben der Gemeinde erschließt. Im Anschluss bekennt die Gemeinde gemeinsam ihren Glauben, es folgen Fürbitten und das Vaterunser. Häufig gibt es zudem ein Friedenszeichen, eine Kollekte und einen Lobpreis oder ein Danklied. Am Ende der Feier spricht die Leitung eine Segensbitte, bevor die Gemeinde mit einer Entlassung und oft einem Schlusslied aus dem Gottesdienst geht.

Eine Frau, Wortgottesdienstleiterin, in liturgischem Gewand steht vor dem geöffneten Tabernakel
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Ohne Änderungen beim Zugang zum Priesteramt werde es jedoch zwangsläufig dazu kommen, dass Eucharistiefeiern in großen Flächenbistümern der Diaspora seltener stattfinden.

Unterdessen geht die heutige Form der Messe maßgeblich auf das Zweite Vatikanische Konzil zurück. In dieser Zeit wurde die Liturgie umfassend reformiert. Ziel war es, die Gemeinde stärker einzubeziehen. Deshalb wurden unter anderem die Landessprachen im Gottesdienst eingeführt, während zuvor fast ausschließlich Latein verwendet wurde. Trotzdem existiert auch heute noch die ältere Form der Messe nach dem Messbuch von 1962. Diese wird häufig als tridentinische Messe oder vorkonziliare Liturgie bezeichnet. In den vergangenen Jahren ist sie innerhalb der Kirche immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen gewesen. Papst Franziskus schränkte ihre Feier mit seinem Erlass "Traditionis custodes" ("Wächter der Tradition") im Jahr 2021 deutlich ein und betonte die Bedeutung der erneuerten Liturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. 

Sakramente als Teil des Gottesdienstlebens 

Zum liturgischen Leben der Kirche gehört außerdem das Stundengebet. Diese sogenannte Tagzeitenliturgie strukturiert den Tagesablauf durch feste Gebetszeiten. Besonders wichtig sind die Laudes am Morgen, die Vesper am Abend und die Komplet als Nachtgebet. Vor allem in Klöstern und Ordensgemeinschaften wird das Stundengebet regelmäßig gemeinschaftlich gebetet. Mancherorts sagt man dazu auch "Brevier", abgeleitet vom lateinischen Namen "Breviarium Romanum", wie das Stundenbuch bis 1970 hieß. Bis heute sagt man auch, jemand muss noch "sein Brevier beten" und meint damit eigentlich die Feier der Tagzeitenliturgie. 

In den Orden und monastischen Gemeinschaften wurde die Tagzeitenliturgie sehr intensiv gepflegt und mit weiteren Gebetszeiten angereichert. Dies führte im Laufe der Jahrhunderte dazu, dass sich Gemeinden immer schwerer taten, die Tagzeitenliturgie mitzufeiern. Es fehlte an entsprechenden Texten für Gemeindemitglieder, sodass das Stundengebet mehr und mehr zum Gebet des Klerus wurde. Bis in die Zeit der Liturgischen Bewegung im 20. Jahrhundert wurde das Breviergebet hauptsächlich von Klerikern und klösterlichen Gemeinschaften verrichtet. Erst im Umfeld des Zweiten Vatikanums wurde das Stundengebet auch den Gläubigen in den Gemeinden ans Herz gelegt.  

Volksfrömmigkeit und Andachten 

Darüber hinaus gibt es auch andere gottesdienstliche Feiern. Dazu zählen die bereits erwähnten Wort-Gottes-Feiern, Begräbnisfeiern, Segensfeiern oder Prozessionen – etwa an Fronleichnam. Eine weitere wichtige Rolle spielt in der katholischen Tradition außerdem die sogenannte Volksfrömmigkeit. Dazu gehören Andachtsformen, die nicht Teil der offiziellen Liturgie sind, aber das religiöse Leben vieler Gläubiger seit Jahrhunderten prägen. Besonders bekannt ist beispielsweise der Rosenkranz. Dabei wiederholen die Betenden eine festgelegte Folge von Gebeten und betrachten gleichzeitig zentrale Ereignisse aus dem Leben Jesu und Marias.

Ein Priester legt beim Gottesdienst die Palla auf den Kelch.
Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Im Mittelpunkt steht dabei weiterhin die Eucharistiefeier, besser bekannt als Heilige Messe. Sie ist die wichtigste liturgische Handlung der Kirche. In ihr erinnern sich die Gläubigen an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern.

Auch der Kreuzweg gehört zu den verbreiteten Andachtsformen, besonders während der Fastenzeit. Er erinnert an den Leidensweg Jesu von seiner Verurteilung bis zur Kreuzigung und Grablegung. In vielen Kirchen sind die 14 Stationen dieses Weges als Bilder oder Reliefs dargestellt. Gläubige gehen die einzelnen Stationen ab, lesen kurze Texte und beten gemeinsam. 

Weitere liturgische Ausdrucksformen sind etwa Maiandachten zu Ehren Marias, eucharistische Anbetungen, mehrtägige Gebetsreihen – sogenannte Novenen – oder Wallfahrten zu religiösen Orten wie etwa Altötting und Kevelaer in Deutschland, Mariazell in Österreich oder international – Fatima (Portugal), Lourdes (Frankreich), Guadalupe (Mexiko) oder auch Aparecida (Brasilien). Auch Prozessionen oder besondere Andachten zu Heiligen gehören dazu. All das zeigt: Das katholische Gottesdienstleben ist deutlich vielfältiger, als es auf den ersten Blick scheint. Neben der Messe existiert eine breite Palette religiöser Feiern und Gebetsformen, die das Glaubensleben der Kirche bereichern und bis heute prägen. 

Von Mario Trifunovic