Kranemann: Liturgie lebt von Vielfalt, nicht von Verengung
Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung soll es künftig in Südtirol weitgehend nicht mehr geben. Die Entscheidung machte die Runde. Bischof Ivo Muser (Bozen-Brixen) hatte sie den Gläubigen in einem Hirtenbrief mitgeteilt. Ausnahmen soll es lediglich in Krankenhäusern und Seniorenwohnheimen geben. Mit der Entscheidung sei jedoch keine Abwertung dieser Gottesdienstform verbunden, meinte Muser. Das Gegenteil ist eher der Fall: In Wort-Gottes-Feiern sei Christus gegenwärtig – auch dann, wenn "sein Wort verkündet und gehört wird". Statt des Kommunionempfangs solle die Heilige Schrift stärker in den Mittelpunkt der Wortgottesdienste rücken. Was sagt der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann dazu? Im Interview mit katholisch.de spricht der Liturgie-Experte über die theologischen und liturgiewissenschaftlichen Fragen, die im Hintergrund stehen.
Frage: Herr Professor Kranemann, der Bischof von Bozen-Brixen untersagt Wort-Gottes-Feiern mit Kommunionausteilung weitgehend. Ist das aus liturgiewissenschaftlicher Sicht eine notwendige Klarstellung oder eine unnötige Verschärfung?
Kranemann: Ich kenne die konkrete Situation in Südtirol nicht. Wenn ich mir jedoch Gemeinden in Deutschland anschaue, zeigen Untersuchungen der letzten Jahre, dass der allergrößte Teil der Wort-Gottes-Feiern mit einer Kommunionfeier verbunden ist. Es gibt nur sehr wenige Gemeinden, die darauf verzichten. Nach dem Hirtenbrief aus Bozen-Brixen zu urteilen, haben bereits die Vorgänger des jetzigen Bischofs Wert darauf gelegt, dass reine Wort-Gottes-Feiern ohne Kommunionausteilung gefeiert werden. Es besteht hier offensichtlich eine Praxis, die in vielen anderen Diözesen seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten anders eingeübt ist.
In theologischer Hinsicht wird man sagen müssen: Der Verzicht auf die Kommunionausteilung ist keineswegs eine Abwertung der Wort-Gottes-Feier. Im Gegenteil: Er soll sie stärken. Bischof Muser weist darauf hin, dass das Zweite Vatikanische Konzil pointiert davon spricht, dass Christus sowohl im Wort als auch in Brot und Wein gegenwärtig ist. Ich lese den Hirtenbrief als Klarstellung. Bischof Muser unterstreicht, was theologisch unstrittig ist: die Gegenwart Christi im Wort. Um sie sichtbar zu machen, zur Erfahrung zu bringen und zu feiern, muss das Wort Gottes in feierlicher Form zur Geltung kommen – man muss die Schrift verkünden, hören, auslegen. Die Performance einer solchen Liturgie muss stimmen. Das ist also keine Abwertung der Wort-Gottes-Feier, sondern stärkt geradezu die Liturgie des Wortes und die Konzentration auf die Präsenz Christi im verkündigten Wort.
Frage: Wird denn die Form der Wort-Gottes-Feier kirchlich auch ausreichend ernst genommen – oder bleibt das eher eine theologische Formel?
Kranemann: Ich befürchte, dass das Bekenntnis zur Gegenwart Christi im Wort zunächst eine theologische Aussage bleibt, zwar von Gewicht, aber in der Feier des Wortes Gottes oftmals immer noch zu wenig zur Erfahrung gebracht. Auch das klingt im Hirtenbrief an, wenn Bischof Muser darauf hinweist, dass man für feierliche Formen sorgen möge, indem beispielsweise die Leseordnung mit allen Möglichkeiten genutzt oder für einen angemessenen Umgang mit dem Evangeliar gesorgt wird. Da ließe sich ja vieles mehr denken. Man könnte auch fragen, ob es eine gute Idee war, die Wort-Gottes-Feier bei allen Unterschieden doch recht nahe am Wortgottesdienst der Messfeier zu gestalten. Die Bedeutung der Heiligen Schrift muss in der Liturgie in Szene gesetzt und so erfahrbar werden. Der Bischof fordert deshalb, dass eine Wort-Gottes-Feier eine wirklich feierliche Form braucht. Besonders überzeugend finde ich den Gedanken im Hirtenbrief, dass es ja eine Reihe liturgischer Feiern gibt, die alle ihren Sinn haben, nebeneinanderstehen und ihre Berechtigung besitzen. Es wäre zu überlegen, was davon für die Sonntagsfeier geeignet ist. Diese Feiern sollten deutlich werden lassen, was gefeiert wird, was im Mittelpunkt steht und dass hier Christusgemeinschaft ermöglicht wird.
Der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann: "Die Bedeutung der Heiligen Schrift muss in der Liturgie in Szene gesetzt und so erfahrbar werden."
Frage: Dennoch erleben viele Gläubige solche Liturgien ohne Kommunion als "Gottesdienste zweiter Klasse". Woher kommt diese Wahrnehmung und trägt die Kirche selbst dazu bei?
Kranemann: Die liturgische Praxis hat dazu sicherlich beigetragen. Die Theologie des Wortes Gottes ist seit dem Konzil – und dafür gibt es zahlreiche Anzeichen – zu wenig vermittelt worden. Stattdessen hat man sich auf die Eucharistie fixiert. Die Eucharistie hat ohne Zweifel eine ganz besondere Bedeutung innerhalb der katholischen Kirche und für katholische Christinnen und Christen. Aber diese starke Fixierung hat dazu geführt, dass andere Liturgien und auch Wort-Gottes-Feiern zu lange in den Hintergrund getreten sind. Vielerorts ist deshalb Liturgie vor allem dann von Relevanz und wird akzeptiert, wenn Eucharistie gefeiert oder eben die Kommunion ausgeteilt wird.
Frage: Warum ist das problematisch?
Kranemann: Weil es eine Verengung des liturgischen Lebens bedeutet, die man über Jahrhunderte so nicht gekannt hat. Es ist aber auch ein Problem, weil die Kommunion, sieht man einmal von der Kranken- und Sterbekommunion ab, ein Teil der Eucharistiefeier ist und hier ihre Bedeutung hat. Häufige Kommunionfeiern stehen dazu quer und stehen in der Gefahr, das Verständnis der Eucharistiefeier zu beschädigen. Gerade wenn eine Gemeinde mit der Kommunion aus dem Tabernakel „versorgt“ wird, wie Bischof Muser zugespitzt schreibt, wird die Spannung zur Eucharistiefeier deutlich. Noch einmal: Das ist keine Abwertung der Eucharistie. Aber katholische Liturgie ist vielfältig, darauf sollte und muss man sich heute neu besinnen. Solche Kommunionfeiern werden allerdings auch dadurch gefördert, dass nicht mehr genügend ordinierte Vorsteher, also Priester, für die Leitung der Eucharistiefeier zur Verfügung stehen.
Frage: Dennoch möchte man die Sehnsucht nach der sonntäglichen Eucharistie wachhalten. Kann das ein dauerhaftes pastorales Konzept sein?
Kranemann: Diese Sehnsucht muss irgendwann gestillt werden, das heißt: Es muss irgendwann Eucharistie gefeiert werden können. Es wird von einzelnen Orten in Südamerika berichtet, wo es sehr große katholische Pfarreien gibt, in denen nur sehr selten mit einem Priester die Eucharistie gefeiert werden kann. Dort komme es vor, dass Gemeinden den Altar abgebaut hätten mit der Begründung: Wir feiern ohnehin keine Eucharistie mehr.
Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung soll es künftig in Südtirol weitgehend nicht mehr geben. Die Entscheidung machte die Runde. Bischof Ivo Muser (Bozen-Brixen) hatte sie den Gläubigen in einem Hirtenbrief mitgeteilt.
Frage: Das ist ein Problem …
Kranemann: Wenn über lange Zeit gar keine Eucharistie gefeiert wird, ist das natürlich ein Mangel. Es wird für die liturgische Praxis zum Problem. Es verändert die Spiritualität. Aber es hat auch Konsequenzen für die Kirche insgesamt, gerade auch, wenn man sich der Ursachen bewusst wird. Und damit sind wir wieder beim Grundproblem, das in der Theologie wie der Kirche seit Jahrzehnten diskutiert wird, ohne dass es kirchlicherseits wirklich Veränderung gibt: die Frage der Ordination, des Zugangs zum Priesteramt, der verheirateten Priester, der Frauenordination. Dass diese Fragen nicht angegangen werden, wirkt sich unmittelbar auf das liturgische Leben und das Glaubensleben der Menschen aus.
Frage: Wie begegnet man der Frage der Ordination? Sind Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung legitime Antworten darauf – oder liturgische Notlösungen?
Kranemann: Wortgottesdienste sind eine legitime Form von Liturgie. Sie haben theologische Bedeutung – mit Blick auf die Präsenz Christi im Wort, auf Altes und Neues Testament, auf eine biblisch geprägte Spiritualität. Sie sind auch keine Notlösung. Eine Liturgiefeier kann keine Notlösung sein. Jede Form von Gottesdienst hat ihren eigenen Wert und ihren Ort. Das ändert aber nichts daran, dass die Frage nach der Eucharistiefeier und damit nach ordinierten Vorstehern nicht gelöst ist. Wenn die Leitung der Eucharistie weiterhin an eine bestimmte Form des Priesteramts – den zölibatär lebenden Mann – gebunden bleibt, wird man die beschriebenen Probleme nicht lösen können. In Mittel- und Westeuropa, aber auch in anderen Teilen der Weltkirche werden viele Gemeinden dann immer seltener Eucharistie feiern können.
Frage: Wie sieht es in Deutschland aus?
Kranemann: In Deutschland sehen wir das bereits in Prognosen für manche Bistümer: Die Zahl der Priester wird deutlich zurückgehen. Ohne Änderungen im Zugang zum Priesteramt werden zwangsläufig Eucharistiefeiern in großen Flächenbistümern der Diaspora seltener begangen werden können. Dann stellt sich schon die Frage, wo Gemeinden ihre geistliche und liturgische Mitte finden. Hier wird und hat ja heute schon die Wort-Gottes-Feier ihre Bedeutung. Doch wenn – wie Bischof Muser mit guten Gründen sagt – eine Sehnsucht nach der Eucharistie wachgehalten werden soll, dann muss es auch immer wieder Möglichkeiten geben, Eucharistie gemeinsam zu feiern und zu erleben. Damit stellt sich die Frage des Zugangs zum Priesteramt und zur Leitung der Eucharistie – und sie muss geklärt werden.
„Wenn die Leitung der Eucharistie weiterhin an eine bestimmte Form des Priesteramts – den zölibatär lebenden Mann – gebunden bleibt, wird man die beschriebenen Probleme nicht lösen können.“
Frage: Was wäre denn die Alternative? Immerhin sagt das Konzil, dass die Eucharistie Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens ist.
Kranemann: Quelle und Höhepunkt ist die Liturgie insgesamt, das sagt das Konzil klar, nicht nur die Eucharistiefeier. Noch einmal: Es gibt verschiedene liturgische Feiern, die alle ihre Bedeutung besitzen. Gleichzeitig ist unbestritten, dass die Eucharistie – allein schon durch das gemeinsame Mahlhalten und die intensive Verbindung mit dem Abschiedsmahl Jesu Christi – besonderes Gewicht besitzt. Deshalb muss die Frage geklärt werden, wer Eucharistie leiten kann. Hier helfen nicht irgendwelche Notlösungen weiter, hier müssen theologisch wie pastoral tragfähige Reformen angegangen werden.
Frage: Also hängt das meiste an der Frage der Ordination?
Kranemann: Durchaus. Vieles in der Kirche hängt an der Frage des Zugangs zum Priesteramt. Es gibt weltweit viele Gemeinden, die in Wortgottesdiensten, durch das Bibelteilen, in der Lectio divina den Glauben und die Gemeinschaft leben. Das wird auch bei uns immer mehr Realität werden. Aber eine katholische Kirche ohne die Eucharistie – jetzt einmal sehr pessimistisch formuliert – möchte man sich nicht vorstellen. Doch dann muss man seitens der Kirchenleitung mutig die Voraussetzungen schaffen.
