Vorwurf der Dialogverweigerung in Rom

Kretschmann würdigt Beitrag der Kirchen – und kritisiert Vatikan

Veröffentlicht am 18.03.2026 um 09:25 Uhr – Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Die Kirchen werden auch in zunehmend säkularen Gesellschaften dringend gebraucht. Davon ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann überzeugt. Deutliche Kritik übt er jedoch am Vatikan.

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Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erwartet sich auch in einer zunehmend säkularen Gesellschaft wichtige Impulse von den christlichen Kirchen. "Gerade in den aktuellen Umbruchzeiten brauchen wir die Begleitung durch die Kirchen, mit einem klaren Kompass an Grundwerten und Grundüberzeugungen, mit einem Kompass, der Lebensklugheit mit konstruktiver Kritik verbindet", sagte Kretschmann am Dienstag bei einem Vortrag in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Christen würden gebraucht als Anwälte für Gleichheit, für Demokratie, für Toleranz und für Frieden. Nötig sei eine Haltung, die Respekt nicht nur anderen predigt, sondern auch selbst lebt, forderte der Grünen-Politiker.

Wofür das Christentum steht

Kretschmann beschrieb den christlichen Glauben als Aufforderung, Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft zu übernehmen. "Der Glaube erzählt uns von Nächsten- und Feindesliebe, also von Empathie und Respekt. Er erzählt von Umkehr und Vergebung, also von Neuanfang und Toleranz. All das verleiht unserem Zusammenleben eine grundsätzliche Dimension von Kultur, Humanität und von Transzendenz."

Kretschmann rief die Kirchen dazu auf, Räume für echten Austausch und Dialog zu eröffnen. Klimawandel, geopolitische Krisen und digitale Revolution führten zu massiven Verunsicherungen und Zukunftsängsten. "Diese Umbrüche stellen alles infrage und gehen ans Eingemachte", sagte Kretschmann. Umso wichtiger sei es, deutlich zu machen, dass es hier keine einfachen Lösungen geben kann, "auch wenn uns die Populisten das vormachen wollen".

Kretschmann würdigte das Engagement von Kirchen und Christen, besonders wenn sie Menschen in existenziellen Nöten zur Seite stehen. "Menschen, übrigens nicht nur religiöse, sondern auch religiös-unmusikalische, verspüren eine große Dankbarkeit, wenn sie das offene Ohr, das tröstende Wort, die schützende Hand von Seelsorgern und Seelsorgerinnen erleben".

Scharfe Kritik am Vatikan

Im Blick auf aktuelle innerkatholische Kirchenreformen rief Kretschmann zu mehr Mut und einem Dialog auf Augenhöhe auf. Er wolle sich hier aber nicht als Ministerpräsident, sondern "als einfacher Christenmensch" äußern: So warf er dem Vatikan Dialogverweigerung vor. Zugespitzt könne man sagen, dass der Vatikan Hierarchie mit Monarchie verwechsle. "So kann man in der heutigen Zeit nicht mehr miteinander umgehen. Und auf diese Art erzeugt Rom keine Resonanz in der eigenen Kirche." Anstelle von Ansagen und Dekreten, brauche es echten Austausch, forderte Kretschmann. (KNA)