Die (unselige) Macht der Gewohnheit
"Wie läuft's so mit dem Fasten?" Tja, äh, keine Ahnung? Läuft so. Mein Fastenziel wirkt auf mich in den letzten Tage irgendwie unzureichend. Verzichte ich wirklich?
Ich trinke abends in der Bar mal ein alkoholfreies Bier und statt einer Serie begleitet ein Hörspiel die wöchentliche Putzaktion. Ich habe Ersatz gefunden und mich an das Fasten gewöhnt. Besser kann's ja gar nicht laufen, oder? Oder?
Auf der einen Seite zeigt mir das: Wirklich wichtig war mir nichts, auf das ich verzichtet habe. Auf der anderen Seite ist das irgendwie keine große Erkenntnis. Mir war schließlich bewusst, dass es sich beim Dauerkonzert aus Serien, Podcasts und Kurzvideos nicht um eine positive Ergänzung meines Lebens handelt. Mein Fastenvorsatz beruhte schließlich darauf, sie als das zu sehen, was sie sind: Ablenkung.
Ich weiß, dass ich keine Social-Media-Apps öffnen will und habe sie soweit wie möglich sogar vom Handy gelöscht. Aber niemand hat etwas davon gesagt, dass ich nicht öfter mal in meine Nachrichten und Mails schauen kann! Ich weiß, dass ich keinen Streamingdienst öffnen will, aber ich habe nie etwas von Videospielen gesagt!
Also Schluss mit allem, Handy aus dem Fenster, Bücher spenden und nur noch eine weiße Wand anstarren? Das wäre mit Sicherheit ein Experiment, das sich lohnen würde. Aber darum geht es bei meinem Fasten nicht. Ich wollte mich selbst sensibler, stiller und suchender für meine Beziehung zu mir selbst und zu Gott machen.
Dabei habe ich sie nur einfach unterschätzt.
Die unselige Macht der Gewohnheit. Ich habe gedacht, durch ein bloßes Verzichten auf einen Teil meiner Ablenkungen, würde die schlechte Gewohnheit verschwinden und wie von Zauberhand würde ich die Spiritualität eines langjährigen Eremiten erlangen.
Ich habe es mir zu einfach gemacht.
Gewisse Dinge haben sich geändert. Ist mein Freund da, wird viel mehr miteinander gequasselt und gespielt. Doch andere Dinge haben sich überhaupt nicht geändert. Bin ich überfordert von etwas, versuche ich mich immer noch abzulenken – nur ganz einfach anders als zuvor!
Wie kann ich die Gewohnheit besiegen?
Die kurze Antwort ist: gar nicht. Ein Leben ohne sie wäre auch wirklich sehr anstrengend. Automatismen helfen uns, den Alltag zu bewältigen und unserem Gehirn Energie für die wichtigen Fragen zu überlassen.
Die lange Antwort: Ohne darüber nachzudenken haben mein Freund und ich die abendlichen Gewohnheiten ersetzt. Und genau das hätte ich von Anfang an in mein Fastenziel mit einbeziehen sollen.
Wenn ich mich überfordert und gestresst fühle, habe ich vor der Fastenzeit gerne eine App geöffnet und mich mit ein paar Videos abgelenkt. Und während die App nicht mehr da ist, greife ich immer noch wie auf Autopilot zum Handy.
Die kommende Woche wird es also meine Aufgabe sein, diese Automatismen zu beobachten und mir neue Gewohnheiten zu überlegen. Und wenn ich an die Situation mit dem Handy denke, wird das gar nicht so einfach, fürchte ich. Aber ich will es mir auch nicht mehr einfach machen.
Vielleicht ein merkwürdiger Moment, um diese Kolumne enden zu lassen, aber das hier ist kein Lebensratgeber, sondern ein ehrlicher Einblick in meinen aktuellen Prozess. Und ich bin froh, dass ich sie erkannt habe, als Auslöserin aber auch mögliche Lösung meines Fastenziels: die Macht der Gewohnheit.
#fastenfeiern – 40 Tage ohne Ablenkung
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