Kretschmann fordert Kirchenreform: Alle Ämter für Frauen öffnen

Winfried Kretschmann ist seit rund 15 Jahren Ministerpräsident Baden-Württembergs. In wenigen Wochen scheidet er aus dem Amt. Derzeit laufen gut zwei Wochen nach der Landtagswahl Sondierungen von Grünen und CDU für die Bildung einer neuen Regierungskoalition. Im Interview spricht der bekennende Katholik Kretschmann (77) über die aus seiner Sicht notwendigen Kirchenreformen und den christlichen Glauben. In der Villa Reitzenstein, dem Sitz der Landesregierung, redet der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands auch über Klimaschutz – und seine Pläne für den Ruhestand.
Frage: Herr Ministerpräsident, wissen Sie schon, wann Ihr letzter Tag im Amt sein wird?
Kretschmann: Voraussichtlich am 12. Mai. Aber das hängt von der Dauer der Koalitionsverhandlungen ab.
Frage: Was werden Sie am nächsten Tag machen?
Kretschmann: Ausschlafen.
Frage: Wenn Sie mit Ihrem Wissen von heute dem angehenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann vor 15 Jahren einen Rat geben könnten. Welcher wäre das?
Kretschmann (Überlegt lange): Gelassene Demut. Vieles am Gelingen hängt nicht von einem selber ab, sondern von Dingen, die man gar nicht in der Hand hat – von Zufällen, von Kräften von außen, vom richtigen Zeitpunkt. Man nennt es Fortune oder den Segen Gottes. Es meint dasselbe.
Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Treueid des neuen Bischofs von von Rottenburg-Stuttgart, Klaus Krämer.
Frage: Sie haben in Ihrer Amtszeit immer wieder von ihrem christlichen Glauben an einen "personalen Schöpfergott" gesprochen. Wo hat Ihnen Ihr Glaube in diesen fast 15 Jahren am meisten geholfen?
Kretschmann: Mein Glaube hat mich befreit!
Frage: Wovon?
Kretschmann: Von Angst.
Frage: Wovor hatten Sie Angst?
Kretschmann: Ich hatte ja gerade keine. Eben wegen meines Glaubens!
Frage: Sie haben wiederholt von einem gewaltigen Entchristlichungsschub in der Gesellschaft gesprochen. Ist dieser Trend unumkehrbar?
Kretschmann: Jedenfalls ist Religion heute endgültig zu einer Option geworden. Die kann jeder für sich wählen oder auch nicht wählen. Das gilt für alle entwickelten Industriegesellschaften. Wir haben schon weitestgehend einen Abbruch der Glaubensvermittlung innerhalb der Familien. Dazu kommt der Abbruch von volkskirchlichen, kulturellen Traditionen.
Frage: Was passiert, wenn das alles weg ist?
Kretschmann: Wir sehen jetzt zum Beispiel in den USA: Die großen Kirchen werden kleiner und dafür treten kleinere lautstarke, oft ideologisierte Formen der christlichen Verkündigung auf. Allerdings gilt generell: Wenn Christen zur Minderheit werden, muss uns das nicht schrecken und es ist auch nichts Neues. Es war nur zwischendurch 1.000 Jahre lang nicht mehr so. Christliche Werte lebendig zu halten, können auch Christen in der Minderheit.
Frage: Sie haben gesagt, die Kirchen werden immer dann wertgeschätzt, wenn sie "auf der Höhe der Zeit" sind. Was heißt das mit Bezug auf die Gleichberechtigung? Katholische Frauenverbände und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) fordern, alle durch Weihe übertragenen Ämter auch für Frauen zu öffnen - also Diakonat, Priesteramt, Bischofsamt. Wären Sie dafür?
Kretschmann: Ja, selbstverständlich! Wenn die Kirche die theologische Emanzipation der Frau nicht durchsetzt, muss sie eine Kirche ohne die meisten Frauen sein. Und wenn man sich kirchliches Leben anschaut, das wird in der Praxis weitgehend von Frauen getragen!
Frage: Dass Papst Johannes Paul II. – immerhin ein Heiliger – 1994 erklärt hat, dass die Kirche "nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden"...
Kretschmann: Das ist seine Ansicht, nicht meine, allerdings bin ich nicht der Papst, entscheide es also nicht. Aber gehen wir doch mal zurück zur Bibel: Wer entdeckt den Auferstandenen zuerst und glaubt an ihn? Frauen! Das ist ja nicht gerade die unwichtigste Szene in der Heiligen Schrift. Bei der Ämterfrage wendet die katholische Kirche aus meiner Sicht einfach eine falsche Theologie an.
Frage: Was muss also geschehen?
Kretschmann: Es ist jetzt ein Punkt erreicht: Die Kirche muss zurück zu den Quellen! Da muss die katholische Kirche durch. Sonst verliert sie das, was im Urchristentum begann. Paulus schreibt in seinem Brief an die Galater: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus" (Galater 3,28). Also, dass sie bei Emanzipationsfragen vorne dran war und nicht hinten.
„Ich glaube sogar, dass der Pflichtzölibat unbiblisch ist.“
Frage: Die Austrittszahlen bleiben konstant hoch. Der katholische Stadtdekan Stuttgarts, Christian Hermes, sagte kürzlich: "Die Hütte brennt!" Das Zeitfenster für Reformen schließe sich. Sehen Sie das auch so?
Kretschmann: Für kirchliche Reformen ist es nie zu spät. Das Heil der Kirche liegt aber nicht in Ämterreformen allein. Die sind schon wichtig, aber nicht die Lösung aller Fragen. Sonst müsste die evangelische Kirche ja in einem berauschend guten Zustand sein.
Frage: Sollte die katholische Kirche den Pflichtzölibat abschaffen, also die verpflichtende Ehelosigkeit als Bedingung für den Priesterberuf?
Kretschmann: Ja, ich glaube sogar, dass der Pflichtzölibat unbiblisch ist. Denn Jesus sagt: "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." (Joh 5,3) Dass das Christentum mit seinen Geboten eine Bürde ist, wird zwar nicht bestritten. Aber diese Bürde soll sanft und leicht sein! Dahin muss die Kirche wieder zurück! Die Kirche hat nicht das Recht, den Leuten Lasten aufzubürden, die sie gar nicht tragen können.
Wenn jemand sein Leben in den besonderen Dienst Gottes stellen und Priester werden will, warum muss die Kirche ihm dann noch zwangsmäßig aufbürden, dass er auch ehelos lebt? Das ist ein klarer Verstoß gegen dieses Jesuswort. Das gilt für die Sexualmoral insgesamt. Warum macht die Kirche daraus ein Joch? Jesus hat sich für sexuelle Fragen offenkundig gar nicht besonders interessiert.
Frage: Sie gehen bald in den Ruhestand, was macht man als ehemaliger Ministerpräsident mit bald 78 Jahren?
Kretschmann: Ob ich einen radikalen Schnitt mache und mich aus dem öffentlichen Leben zurückziehe, weiß ich noch nicht. Dass ich noch Vorträge halte und Führungen zu sakraler Kunst in Kirchen mache, kann ich mir schon vorstellen.
Frage: Können Sie sich auch vorstellen, als Elder Statesman wie der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore eine Stimme für mehr Klimaschutz zu werden?
Kretschmann: Nur dann, wenn der Klimawandel bestritten wird. Es gibt ja eine anti-wissenschaftliche Tendenz, die sich seit Corona-Zeiten auf der ganzen Welt ausbreitet. Wenn man Fakten zu bloßen Meinungen macht, dann rutscht nicht nur die Demokratie weg, sondern die ganze friedliche und freie Gesellschaft. Wird Klimaschutz nicht bestritten, dann ist es eine tagespolitische Aufgabe. Dann bin ich nicht mehr gefragt.
Frage: Was macht Ihnen Hoffnung mit Blick auf den Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe?
Kretschmann: Letztlich macht mir Hoffnung, dass das Ganze in erster Linie ein technisches Problem ist. Ob wir wirtschaften, wohnen oder uns fortbewegen, mit CO2-Ausstoß oder ohne: Das ist zuallererst ein technisches Problem! Und da ist die Menschheit höchst erfolgreich: Fortschritt war im Kern immer technologisch. Dass wir das Wirtschaften und unsere Lebensweise vom Naturverbrauch entkoppeln können - davon bin ich fest überzeugt. Und wenn etwas ökonomisch erfolgreich ist, wird es sich durchsetzen. Der Mensch ist ein findiges Wesen mit einem göttlichen Funken: Seiner schöpferischen Kreativität. Deshalb wird er Wege finden, aus der Klimakrise herauszukommen.