Autorin schreibt Fantasy-Roman über ihren verstorbenen Sohn

Gereon verstirbt kurz vor seinem 17. Geburtstag an einem Hirntumor. Um die Trauer auszuhalten, stellt sich seine Mutter vor, dass er im Himmel einen neuen Auftrag erhält – als Engel. Im Interview erzählt die Autorin Gunild Lohmann, welche christlichen Elemente sie in ihr Buch hat einfließen lassen und was ihr Sohn wohl davon halten würde.
Frage: Ihr Debütroman heißt "Ego sum Gereon", das ist lateinisch für "Ich bin Gereon". Wovon handelt das Buch?
Lohmann: Ich male mir in dem Buch aus, was meinem verstorbenen Sohn Gereon im Himmel widerfährt. Ich habe mir für ihn einen Himmel ausgedacht, in dem er zum Helden werden kann. Er wird in einer Engel-Akademie ausgebildet zum Kämpfer der himmlischen Heerscharen. Dabei lernt er verschiedene Dinge, wie zum Beispiel die Kommunikation mit Tieren und Glocken oder Empathie, um die Gefühle der Menschen zu verstehen. Er findet dort neue Freunde und muss auch gegen Vertreter der Gegenseite kämpfen, zum Beispiel gegen die personifizierten Todsünden. Es endet dann in einem Showdown auf der Erde, wo die ganzen Engelschüler hingeschickt werden, um da mal ein bisschen für Ordnung zu sorgen in unserer von Krisen geschüttelten Zeit.
Frage: Das klingt nach einer sehr spannenden Geschichte und die Hauptfigur ist ja Ihr Sohn Gereon. Er ist kurz vor seinem 17. Geburtstag an einem Hirntumor verstorben. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über Ihren Sohn zu schreiben?
Lohmann: Bücher schreiben wollte ich, seitdem ich überhaupt schreiben konnte, aber das Leben kam dazwischen: Ein Job im Journalismus, um Geld zu verdienen, vier Kinder, dann Gereons Krankheit. Als er gestorben war, hat mich die Vorstellung, dass Gott jetzt einen neuen Auftrag für ihn hat, ungeheuer getröstet. Dann habe ich angefangen, mir auszumalen, wie dieser Auftrag aussehen könnte und bald war die Idee des Engel-Azubis geboren. Es hat dann aber noch vier Jahre gedauert, bis dieses Buch fertig war. Vier Jahre voller Zweifel, vier Jahre Kampf mit meinem erschöpften Selbst, aber es waren auch vier Jahre Trauerarbeit.
Frage: Hat Ihnen das Schreiben auch dabei geholfen, den Tod Ihres Sohnes zu verarbeiten?
Lohmann: Ja, diese künstlerische Auseinandersetzung mit Gereons Schicksal hat mir definitiv geholfen, eine heilsame Distanz aufzubauen – nicht zu meinem Sohn, aber zu dem Schrecklichen, was ihm und unserer ganzen Familie widerfahren ist. Viele Eltern, die ein Kind verloren haben, machen die Erfahrung, dass Freunde und Bekannte schnell aufhören, danach zu fragen. Denn sie denken, das sei jetzt passé und man müsse nach vorne blicken. Aber wir Eltern wollen weiter über unser verstorbenes Kind sprechen. Dieses Buch war für mich eine Möglichkeit, meinem Sohn ein Denkmal zu setzen. Er war einfach ein wunderbarer Junge, der es verdient hat, dass man sich an ihn erinnert.
Gereon Sistig starb mit 16 Jahren.
Frage: In dem Buch gibt es zahlreiche Anspielungen auf den christlichen Glauben. Der Schulleiter heißt beispielsweise Mike und ist der Erzengel Michael. War der Glaube auch eine Kraftquelle in der Zeit der Krankheit und nach dem Tod von Gereon?
Lohmann: Definitiv. Ich bin in der katholischen Kirche aufgewachsen und glücklich mit meinem Glauben. Ich kann mich nur an positive Erfahrungen erinnern – das waren die 70er und 80er Jahre, damals war die Kirche im Aufbruch. Sie war offen, entspannt und nicht so panisch bedacht auf korrekte Formen wie heute. Ich konnte auch 1980 nach meiner Erstkommunion direkt Ministrantin werden. Aber mein Glaube wurde natürlich durch Gereons Krankheit sehr auf die Probe gestellt. Mein Mann – er ist Regionalkantor in Euskirchen – und ich haben so viel gebetet! Ich habe nächtelang an Gereons Bett gekniet und alle Heiligen und Schutzpatrone der Familie angefleht. Ich bin mit dem Fahrrad von zu Hause in Euskirchen-Palmersheim nach Köln gepilgert, um in der Kirche St. Gereon eine Kerze aufzustellen. Sechs Jahre lang haben wir mit der Krankheit gerungen, zwischendurch war Gereon in Remission, dann kam die nächste Hiobsbotschaft. Ich habe gefragt: Gott, warum mutest du uns das zu? Oder vielleicht gibt es dich ja gar nicht? Eine Zeit lang war ich sehr, sehr wütend. Inzwischen hat sich das wieder gewandelt. Ich weiß, dass unsere Familie nur eine unter vielen ist, die so etwas durchmachen muss. Meine Beziehung zu Gott ist vielleicht nicht mehr ganz so unbelastet wie vor Gereons Krankheit, aber sie ist durchaus da. Gott ist in meinem Leben, der Glaube ist in meinem Leben und ich muss immer daran arbeiten.
Frage: Gereon war auch als Ministrant in der Kirche engagiert. Wie ist er denn mit seiner Krankheit und dem bevorstehenden Tod umgegangen?
Lohmann: Gereon war ein tiefgläubiger Junge, der aber nie viel über seine Gefühle gesprochen hat. Er hat das immer mit sich selbst ausgemacht. Er war gerne Messdiener und hat gerne im Kinderchor gesungen. Als ihm klar wurde, dass er es vielleicht nicht schafft, hat er schon von seinem "Luxus-Appartement" im Himmel gesprochen, angelehnt an das Bibelzitat "Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen". Er hat sich das ganz genau vorgestellt, was da auf ihn wartet und er hat daran geglaubt.
Es war ihm auch sehr wichtig, dass er vor seinem Tod noch gefirmt wurde. Wegen seiner Krankheit konnte er das Sakrament nicht im normalen Rahmen in der Gemeinde empfangen. Bischof Kohlgraf ist ein Freund der Familie und er hat ihn dann im privaten Kreis im Mainzer Dom gefirmt. Gereon hat die ganze Messe und die Predigt so aufmerksam verfolgt, das hatte wirklich eine Bedeutung für ihn.
„In erster Linie wollte ich zugleich zu Tränen rühren und zum Lachen bringen. Lachen und Weinen liegen sehr nah beieinander.“
Frage: Neben den religiösen Elementen reißen Sie im Buch noch einige andere Themenfelder an. Für welche Leserschaft ist das Buch denn interessant?
Lohmann: Ich hoffe, dass das Buch für alle Altersgruppen interessant ist. Zunächst einmal werden alle, die Fantasy lieben und die sich so wie Gereon für Percy Jackson, Star Wars oder Harry Potter interessieren, in dem Buch ganz viel finden. Aber es gibt auch Anspielungen auf Literatur, Musik und Popkultur. Auch ältere Menschen, die mit Fantasy nichts zu tun haben, werden in dem Buch viel finden, was sie berührt, zum Beispiel in den theologischen Passagen, aber den biografischen, die ja in die Fantasie-Handlung immer wieder eingeschoben sind. Ich wollte mit dem Buch unterhalten. Ich wollte vielleicht auch ein bisschen intellektuell anregen und bilden. Aber in erster Linie wollte ich zugleich zu Tränen rühren und zum Lachen bringen. Lachen und Weinen liegen sehr nah beieinander.
Frage: Sie haben es gerade schon angedeutet, in die fiktionale Geschichte hineingewoben sind immer wieder biografische Elemente aus Gereons Leben. Was meinen Sie, würde Gereon über das Buch sagen?
Lohmann: Ich habe wirklich versucht, das Buch so zu schreiben, dass es ihm gefallen würde. Ich glaube, mit den epischen Passagen, in denen er zum Beispiel zusammen mit den Tieren in die Schlacht gegen das Böse zieht, wäre er total glücklich. Von den biografischen Passagen würde er vielleicht tatsächlich einige weglassen, weil er eben jemand war, der nicht so gerne über sich und seine Gefühle gesprochen hat. Die Gefühle und Gedanken, die er bei diesen Ereignissen hatte, konnte ich mir als seine Mutter natürlich nur annähernd vorstellen. Da würde er dann vielleicht sagen: Hey Mama, also hör mal, das ist ja völlig uncool, wie du mich da beschrieben hast. Damit muss ich leben.