Der "Boi vom Seminar" – nun Priester im Bistum Augsburg

Jungpriester: "Ich will kein Doppelleben führen"

Veröffentlicht am 16.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 
Jungpriester: "Ich will kein Doppelleben führen"
Bild: © Josef Kuhn

Augsburg ‐ Josef Wagner will den Zölibat bewusst leben. Als "derboivomseminar" wurde der 27-Jährige vor einigen Jahren bekannt. Jetzt ist er Priester in Augsburg und überzeugt, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Ein Interview.

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Josef Wagner ist 27 Jahre alt und Priester im Bistum Augsburg. Vor einigen Jahren wurde er als Priesteramtskandidat unter dem Namen "derboivomseminar" in Videobeiträgen der Diözese Passau bekannt. In den Videos spricht er unter anderem über seine Berufung, den Zölibat und die Beichte. Vor einem Jahr hat er sich im Augsburger Dom zum Priester weihen lassen und arbeitet heute als Kaplan in Königsbrunn. Im Interview mit katholisch.de spricht der Geistliche über die schönen Seiten seiner Berufung und auch über das, was schwer ist.  

Frage: Herr Wagner, vor einigen Jahren wurden Sie durch Ihre Videos "derboivomseminar" bekannt. Warum machen Sie diese Videos nicht mehr?  

Wagner: Das war damals eine YouTube-Serie der Diözese Passau. Ich war ein Jahr lang in dem überdiözesanen Propädeutikum im Priesterseminar in Passau und dort haben wir diese Videos produziert. Danach bin ich wieder in mein Heimatbistum nach Augsburg zurückgekehrt. Die Videos kamen bei den Leuten gut an. Ich habe gemerkt, dass mir diese mediale Art der Verkündigung liegt und das ich das gut kann. Das hat mich auf meinem Weg bestärkt, Priester zu werden. Als Christ ist es mein Anliegen, über meinen Glauben zu reden. Ich hätte das mit den Videos weitergemacht, auch wenn ich aus dem Priesterseminar ausgetreten wäre. Dennoch war es für meine Berufungsklärung besser, die Sozialen Medien ruhen zu lassen.

Frage: Haben Sie sich das einmal ernsthaft überlegt, aus dem Priesterseminar auszutreten?

Wagner: Ja, ich habe schon einmal überlegt, ob ich so, wie ich bin, überhaupt zu der Kirche passe und geeignet bin für einen kirchlichen Beruf. Vielleicht hat sich Gott geirrt und den Falschen erwischt für diesen Beruf. Das war mein Gedanke. Es waren Fragen zu meiner persönlichen Reife und Eignung als Priester. Früher wollte ich erst Beriebswirtschaftlehre studieren. Aber aus einem eher spontanen Entschluss heraus habe ich mich dann dazu entschieden, das Priesterseminar auszuprobieren. Davor war ich lange Oberministrant und in meiner Kirchengemeinde sehr engagiert. Ich bin dann mit 17 Jahren in die Jugendorganisation "Offenes Seminar" in Augsburg gegangen. Dort habe ich inspirierende Priester kennengelernt und wollte persönlich erfahren, ob dieser Weg etwas für mich sein könnte und ich Priester werden will. Ich hätte nicht in Ruhe BWL studieren können, ohne mich dieser Frage ernsthaft zu stellen. Ja und dann habe ich das Theologiestudium begonnen und war ein Jahr lang in Passau. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich das alles mal so durchziehen werde. Ich wollte mir Zeit lassen und meine Berufung klären. Aber das mit dem Social Media-Format und auch das Sozialpraktikum haben mir so viel Spaß gemacht und mich darin bestätigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es gab dann schon welche, die mich komisch beäugt haben und daran gezweifelt haben, ob ich es schaffen werde. Für mich war mein Weg aber genau passend.   

Frage: In den Videos von damals beschäftigen Sie sich mit dem Zölibat und antworten darauf nicht eindeutig. Haben Sie diese Frage nun für sich geklärt?  

Wagner: Ja, denn wenn ich gemerkt hätte, das geht nicht, und ich den Zölibat nicht halten kann und so nicht leben kann, dann wäre ich nicht Priester geworden. Ich finde, es ist ein Irrglaube, wenn wer meint, er wird Priester und dann verschwinden diese Fragen zu seiner Sexualität. Mir war immer klar: Trotz Weihe bleibe ich derselbe Mensch. Ich muss vorher prüfen, ob ich praktisch so leben kann oder nicht. Dafür hatte ich sieben Jahre Zeit. Ob ich mich eines Tages verlieben könnte, weiß ich ja heute noch nicht. Ich vertraue einfach darauf, dass Gott, wenn ich ihm meine Kraft, meine Talente, mein ganzes Leben gebe, etwas Gutes daraus machen wird und mich in Zeiten, wo es schwierig werden könnte, nicht im Stich lässt.

„Ich wurde als Priester in nichts hineingezwungen. Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Wenn ich etwas leben würde, wozu mich andere gezwungen hätten, könnte ich das nicht leben. Ich spüre, dass ich dazu gerufen bin, Priester zu sein.“

—  Zitat: Josef Wagner, Kaplan in der Diözese Augsburg

Frage: Waren Sie vor Ihrer Priesterweihe schon einmal in einer Beziehung?

Wagner: Ja, bevor ich ins Priesterseminar eingetreten bin, war ich in einer Beziehung mit meiner damaligen Freundin. Das ging aber auseinander. Dass Beziehungen scheitern, erlebe ich immer wieder in meinem Freundeskreis. Für mich war es eine bewusste Entscheidung, den Zölibat zu leben. Bisher hat es gut funktioniert. Ich möchte ehrlich zu mir selbst und zu Gott sein. Ich will kein Doppelleben führen.

Frage: Würden Sie als Priester lieber heiraten wollen und den Pflichtzölibat abschaffen?

Wagner: Nein, auf keinen Fall. Ich habe kein Problem damit. Letztens hat mir eine Freundin gesagt, die geheiratet hat: "Es ist schon erstaunlich, wie diese Frage rund um das Zölibat nicht langweilig wird", denn sie wird ja auch nicht ständig nach ihrer Ehe gefragt. Sie hat sich ebenso bewusst für eine Lebensform entschieden. Ich wurde als Priester in nichts hineingezwungen. Ich wusste, worauf ich mich einlasse und habe das freiwillig versprochen. Wenn ich etwas leben würde, wozu mich andere gezwungen hätten, könnte ich das nicht leben. Ich spüre, dass ich dazu gerufen bin, Priester zu sein. Vor einem Gottesdienst zum Beispiel warten wir Priester der Gemeinde auf die Gottesdienstbesucher und begrüßen sie einzeln. Nach dem Gottesdienst verabschieden wir sie wieder an der Kirchentüre. Für mich gehört das dazu. Dabei ergeben sich immer gute Gespräche. Die Leute spüren, denke ich, dass ich es ehrlich mit ihnen meine. 

Frage: Es kann bestimmt Druck machen, wenn Sie als Priester immer für andere da sein wollen, oder?

Wagner: Ja, das ist bestimmt so. Ich kenne einen jungen Priester, der bereits ein Jahr nach seiner Weihe sein Amt wieder hingelegt hat. Ich weiß nicht, was genau dahintersteckte, aber es wurde ihm alles zu viel. Das gibt es aber genauso bei Eheleuten, die sich nach ein paar Jahren wieder scheiden lassen. Bei meiner Primiz waren zweitausend Menschen dabei, die sich mitgefreut haben, die mir gratuliert haben. Es war ein schönes Fest, aber ich war ziemlich aufgeregt. Ich nahm das als Geschenk und Bestätigung für meinen Weg. Es ist eine Stütze, dass mich so viele Menschen begleiten. Ich habe schon Druck verspürt, aber vor meiner Weihe, weil ich mich da entscheiden musste, ob ich nun Priester werde oder nicht. Dieser Druck ist nun weg, weil ich mich entschieden habe und als Seelsorger angekommen bin. Das spüre ich immer wieder im Alltag. Gerade bin ich auf dem Weg zu einem Priester, der eine Operation hinter sich hat. Ich bringe ihm die Krankenkommunion. Erst kürzlich war ich bei einer sterbenden Frau auf der Intensivstation im Krankenhaus. Sie war genauso alt wie ich. Das hat mich emotional sehr mitgenommen. 

Bild: ©Josef Kuhn

Josef Wagner feierte seine Primiz im Juli 2025 in der Kirchengemeinde Kühbach im Landkreis Aichach-Friedberg. Auch eine Gruppe vom "Offenen Seminar" im Bistum Augsburg war dabei.

Frage: Was gibt Ihnen in solch schweren Momenten Kraft?

Wagner: Mein Primizspruch lautet: "Gott ist mit uns" und steht im Matthäus-Evangelium. Das ist genau das, was ich den Menschen mitgeben möchte. Ich glaube daran, dass Gott bei uns bleibt und mit uns durch alle Situationen hindurch geht. Ich möchte den Menschen sagen, dass es sich lohnt, zu leben. Das Leben ist ein Geschenk. Auf meiner Primiz war ein Priester, ein guter Freund, der Dekan in Augsburg war. Ein paar Wochen später ist er mit seinem Fahrrad tödlich verunglückt. Er war ein wichtiger Begleiter und Freund für mich. Natürlich war ich danach sehr traurig. Aber zu meiner Priesterweihe hatte er mir eine Karte geschenkt und darauf geschrieben: "Möge sich dein Primizspruch, der Beistand Gottes auch in traurigen Stunden bewahrheiten." Als er gestorben ist, habe ich mir die Karte angesehen und gedacht: "Schau Werner, jetzt hat sich der Spruch schon bewahrheitet."

Frage: Sehen Sie die Gefahr, dass Sie sich als Priester in einer Vorrangstellung anderen Gemeindemitgliedern gegenüber wahrnehmen?

Wagner: Klerikalismus ist abstoßend. Es schockiert mich, wenn mich andere in Schubladen einsortieren. Ich bin da etwas vorsichtiger. Ich glaube, wenn wir als Kirche nicht über diese leidige Verurteilung und Einteilung in konservativ und liberal hinwegkommen, können wir mit der Botschaft gleich einpacken. Ich habe so ein Grundvertrauen in die Menschen. Ich mache jetzt schon Fehler genug. Darum bin ich dankbar, dass uns das Bußsakrament geschenkt ist. Ohne regelmäßige Beichte wäre die Gefahr des Abhebens sicher größer. Das Gebet ist für mich ein wichtiger Anker. Gott will mich so haben, wie ich bin. Ich habe die Kraft, immer wieder umzukehren, meine Fehler anzuschauen, es besser zu machen. Glaube geht nicht allein, Glaube braucht Gemeinschaft. Das gibt mir die Kraft, Priester zu sein. Ich habe laut Ja gesagt zu meinem Weg des Priesters und ich freue mich jeden Tag auf meine Kirchengemeinde in Königsbrunn, für die ich Kaplan sein darf. 

Von Madeleine Spendier