Theologinnen: Die in der Kirche arbeiten wollen, sind hochmotiviert
Julia Scharla (Foto oben, links) und Magdalena Henken-Viereck (Foto oben, rechts) begleiten in der Diözese Rottenburg-Stuttgart Studierende, die später in einer Kirchengemeinde als Pastoralreferenten oder Gemeindereferenten arbeiten wollen. Im Interview mit katholisch.de berichten die beiden kirchlichen Mitarbeiterinnen, welche Fähigkeiten es in der Gemeindearbeit braucht und was die Herausforderungen dabei sind. Sie sprechen auch darüber, was sie selbst dazu bewogen hat, einen kirchlichen Beruf zu wählen. Dabei gab es auch traurige Anlässe.
Frage: Frau Henken-Viereck, die Zahl derer, die heute einen kirchlichen Beruf anstreben, geht zurück. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Henken-Viereck: Es stimmt, dass die Zahl der Studierenden mit einem kirchlichen Berufswunsch in den letzten zehn Jahren stark zurückgegangen ist. Wir bemerken aber gleichzeitig, dass die, die sich für einen kirchlichen Beruf entscheiden, hochmotiviert sind. Es sind junge Menschen, die in ihren Familien, in der Jugendarbeit und in ihren Gemeinden positive Erfahrungen mit Kirche gemacht haben. Momentan starten wir im Mentorat verschiedene Initiativen, um junge Menschen auf ein Theologiestudium aufmerksam zu machen. Für nächstes Jahr planen wir vom Mentorat aus zum Beispiel ein größeres Jugendfestival gemeinsam mit der Theologischen Fakultät.
Scharla: Was uns auffällt ist, dass immer wieder bereits Berufstätige einen Quereinstieg wählen und in einen kirchlichen Beruf wechseln. Sie absolvieren dann meist ein Fern- oder Teilzeitstudium oder ein Duales Studium. Diese Bandbreite an Möglichkeiten, in den Beruf der Gemeindereferentin einzusteigen, ist für viele ein Anreiz, diese Ausbildung zu wählen. Dadurch ist die Zahl der Studierenden bei uns etwas stabiler.
Frage: Welche Kompetenzen sollten Interessierte für einen Beruf in der Kirchengemeinde oder Schule mitbringen?
Henken-Viereck: Wer in der Pastoral arbeitet, sollte gerne mit Menschen zusammenarbeiten und Freude daran haben, mit Menschen in Kontakt zu treten. Wer mit Menschen ins Gespräch kommt, erfährt, was sie bewegt und kann so mit ihnen gemeinsam Kirche gestalten. Studierende, die bei uns während des Studiums in den Bewerberkreis eintreten, lernen bei verschiedenen Veranstaltungen ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung zu schulen, den Umgang mit Nähe und Distanz und ihre Teamfähigkeit. Außerdem organisieren wir Praktika für sie in der Schule und Gemeinde oder in den verschiedenen Feldern der Kategorialseelsorge. Gemeinsam mit Mentoren reflektieren wir mit ihnen, wie sie die Praxis vor Ort erleben.
Frage: Wenn Sie feststellen, dass sich jemand schwertut in der Gemeinde, wie gehen Sie dann vor?
Scharla: Wenn wir feststellen, dass es jemandem in der Pastoral oder im schulischen Bereich schwer fällt, schauen wir gemeinsam mit Mentoren und den Studierenden genauer darauf und suchen nach anderen Unterstützungsmaßnahmen für die jeweilige Person. Wenn klar ist, dass sie der Beruf in der Pastoral überfordert oder einfach nicht passt, zeigen wir den Studierenden andere Möglichkeiten für ihren Berufsweg auf. Aber in der Regel haben wir engagierte und kompetente Personen in den jeweiligen Bewerberkreisen, bei denen es vor allem darum geht, ihre schon vorhandene Kompetenzen weiter zu fördern.
"In der Regel haben wir engagierte und kompetente Personen in den Bewerberkreisen", sagen Magdalena Henken-Viereck und Julia Scharla. Die beiden begleiten in Tübingen und Rottenburg Theologiestudierende auf ihrem Weg in einen kirchlichen Beruf.
Frage: Wie viele Studierende werden momentan in Bewerberkreise in der Diözese Rottenburg-Stuttgart betreut?
Henken-Viereck: Aktuell sind wir in unserer Hauptabteilung Ausbildung Pastorale Berufe insgesamt 97 Studierende und 86 Personen in der Berufseinführung, die einen kirchlichen Beruf ausüben wollen. Das ist im Vergleich zu den Vorjahren eine gute Zahl. Dazu gehören angehende Priester und Ständige Diakone.
Frage: Wie war Ihr persönlicher Weg, Gemeindereferentin zu werden, Frau Scharla?
Scharla: Bis zu meiner Firmung habe ich mir nicht vorstellen können, einmal bei der Kirche zu arbeiten. Dann ist mein Papa vor meiner Firmung verstorben. Damals hat sich unser damaliger Vikar sehr um mich und meine Familie gekümmert und uns in unserer Trauer begleitet. Das hat mir sehr geholfen. Später habe ich überlegt, ob ein kirchlicher Beruf etwas für mich wäre. In meiner Kirchengemeinde engagierte ich mich später als Mesnerin und lernte dort die Breite von kirchlicher und pastoraler Arbeit kennen. Da es mit dem Abitur bei mir nicht klappte, machte ich eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin, um im Anschluss das Studium an der Fachakademie Freiburg für Pastoral und Religionspädagogik aufnehmen zu können. Nach meiner dreijährigen Berufseinführung zur Gemeindereferentin war ich vier weitere Jahre in der Pastoral tätig und übernahm nach meinem Stellenwechsel in einer anderen Pfarrei verschiedene Leitungsfunktionen. Als Pastorale Ansprechperson war ich damals mitunter für das Personal in der Gemeinde zuständig und habe Mitarbeitergespräche geführt. Jetzt bin ich seit etwas mehr als vier Jahren als Ausbildungsleiterin für Gemeindereferenten in der Diözese angestellt. Diese Aufgabe erfüllt mich. Ich engagiere mich weiterhin ehrenamtlich in einer Gemeinde im Beerdigungsdienst. Für mich ist das ein wertvoller Dienst, weil ich Menschen in ihrer Trauer begleiten kann, so wie ich es selbst erlebt habe. Mir würde der Kontakt zur Gemeinde fehlen. Außerdem kann ich so den Studierenden von meinen Erfahrungen berichten.
Frage: Frau Henken-Viereck, was hat Sie dazu motiviert, Pastoralreferentin zu werden?
Henken-Viereck: Ich bin von Kindheit an ganz selbstverständlich in den Glauben hineingewachsen, weil meine Eltern kirchlich engagiert sind. Mein Vater ist Pastoralreferent und daher war mein Weg in die Jugend- und Ministrantenarbeit quasi vorgezeichnet. Bei meiner Firmung habe ich mich gefragt, ob ich in diesem Glauben leben möchte. Die Sternwallfahrt nach Untermarchtal, der Weltjugendtag in Köln oder die Ministrantenwallfahrt nach Rom haben mich darin bestärkt. Später waren Gespräche mit meiner engsten Freundin entscheidend dafür, dass ich Theologie studieren wollte. Ihre Mutter war an Krebs verstorben und wir haben in dieser Zeit viel darüber gesprochen, ob es Gott überhaupt gibt und warum er das Leid zulassen kann. Ich habe gemerkt, dass ich den Glauben, der mir Halt gibt, besser verstehen möchte, um auch anderen davon zu erzählen. Nach meinem Studium und der Ausbildung zur Pastoralreferentin war ich erst in einer Kirchengemeinde, später in der Schule und Jugendarbeit tätig. Danach war ich Jugendseelsorgerin und bei einer Profilstelle für Arbeit mit Jungen Erwachsenen angestellt. Ich erlebe Kirche als Freiraum, in dem ich mit Menschen gemeinsam etwas gestalten kann, auch wenn ich manches kritisch sehe, erfüllen mich meine kirchlichen Tätigkeiten. Ich stehe authentisch hinter meiner heutigen Aufgabe.
Frage: Was macht Ihrer Meinung nach heute einen kirchlichen Beruf attraktiv?
Henken-Viereck: Ich finde, die Arbeit als Seelsorgerin ist enorm vielfältig. In der Begleitung von Menschen kann ich mich als hilfreich und selbstwirksam erleben. In der Katechese, Jugendarbeit und im Schulunterricht kann ich dazu beitragen, dass junge Menschen mutig ins Leben gehen und ihre Talente entdecken. Wer Lust auf Seelsorge hat, der ist bei uns willkommen. Ich finde, wir bieten eine solide Ausbildung und ermöglichen es Laien, viel an Leitung in der Kirche übernehmen. Die Einsatzfelder in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind vielfältig und man kann viel ausprobieren. Mich freut es, wenn sich junge Menschen für die Kirche einsetzen und Kirche als einen Ort eines guten Miteinander gestalten wollen.
Scharla: Außerdem finde ich, dass die Bezahlung für eine Stelle als Gemeinde- oder Pastoralreferent in unserer Diözese gut ist. Das ist schon ein Anreiz für manche, die Kirche als Arbeitgeber zu wählen. Für mich als Gemeindereferentin ist der Religionsunterricht ein Ort, wo Werte geprägt werden und darauf geschaut wird, wie man miteinander umgeht. Daher ist es wichtig, dass das Personal dafür gut ausgebildet ist. Ich finde es wichtig, dass die pädagogischen Fähigkeiten von Gemeindereferenten wertgeschätzt werden. Ich mag diesen seelsorglichen Beruf sehr gerne, weil man für die Menschen da sein und an der Frohen Botschaft pastoral tätig sein kann. Zusammen mit Ehrenamtlichen Kirche zu gestalten, das finde ich eine wunderbare Aufgabe.
Zu den Personen
Magdalena Henken-Viereck (37) ist Leiterin des Theologischen Mentorats in Tübingen und begleitet Studierende der Katholischen Theologie an der Eberhard Karls Universität und ist Ansprechpartnerin in allen Fragen, die mit dem Beruf des Pastoralreferenten zusammenhängen.
Julia Scharla (36) leitet das Religionspädagogische Mentorat der Diözese Rottenburg-Stuttgart und begleitet künftige Gemeindereferenten in der Studienphase sowie im Berufspraktischen Jahr.
