Evangelium sei allerdings sehr politisch

Bischof Wilmer: Kirche darf nicht Parteipolitik ergreifen

Veröffentlicht am 03.04.2026 um 14:52 Uhr – Lesedauer: 

Köln/Hildesheim ‐ Wie politisch darf Kirche sein? Darum gibt es Debatten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz erläutert in einem Interview seine Position. Und sagt für sich: "Ich bin ein durch und durch politischer Mensch."

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In der Debatte um die Frage, wie politisch Kirche sein darf, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, es gehe nicht darum, sich in tagespolitische Debatten einzumischen. "Und es geht schon gar nicht darum, Parteipolitik zu ergreifen, gleichwohl aber ist die Kirche in der Perspektive des Evangeliums politisch", sagte der Hildesheimer Bischof laut Skript im Interview der Woche des Deutschlandfunks, das der Sender an Ostersonntag ausstrahlt.

Kirche müsse politisch sein, vor allem wenn es um die Frage des Friedens und der Gerechtigkeit und auch um die Frage der Würde aller Menschen gehe, unterstrich Wilmer. Sich selbst bezeichnete er als "durch und durch" politischen Menschen. Das Evangelium Jesu Christi sei Politik pur.

"Es geht darum, im Namen Gottes an der Seite der Menschen zu sein, vor allem an der Seite jener, die schwach sind, die bedrängt sind, die verletzt sind, die von der Gesellschaft missachtet werden." Das Evangelium sei politisch, und Gott sei politisch – "weil es ihm um das Heil aller Menschen geht und nicht nur um das Heil einer Elite, die sich auf schöne Inseln zurückzieht", betonte Wilmer.

Parolen von rechts und links

Von der Bischofskonferenz stammt eine Erklärung mit dem Titel "Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar". Darin hatten die Bischöfe ausdrücklich die AfD genannt und somit erstmals eine im Bundestag vertretene Partei als nicht wählbar für Christen bezeichnet.

Wilmer stellte klar, es könne nicht sein, dass die Kirche Parolen nachlaufe, die lauteten: "Deutsches Blut auf deutschem Boden und deutscher Boden für deutsches Blut". Deutschland sei ein Land, in dem viele Menschen mit Wurzeln in anderen Ländern lebten. "Es geht darum, wie wir gemeinsam unterwegs sind, wie wir gemeinsam einen Raum der Freiheit entwickeln, auch in Gerechtigkeit."

Der Bischof betonte auch: "Ganz klar ist die Position, wer Juden angreift, wer Juden diffamiert, startet einen Angriff auf die Würde des Menschen und zersetzt unsere demokratische Ordnung. Und wenn diese Angriffe von links oder von rechts kommen, sind sie gleichermaßen zu verurteilen."

Bild: ©Fotolia.com/kanuman

"Zunächst einmal gilt, unser christliches und katholisches Herz ist an der Seite der jüdischen Menschen", so Wilmer.

Wilmer betonte weiterhin das Existenzrecht Israels. Zugleich formulierte er seine Bitte, dass der Krieg mit dem Iran sofort aufhöre. "Zunächst einmal gilt, unser christliches und katholisches Herz ist an der Seite der jüdischen Menschen, erstens. Zweitens, Israel hat ein Recht auf Existenz. Und drittens, unsere Solidarität ist bei allen Menschen, die leiden, die zu Opfern gemacht werden, die Fürchterliches durchmachen", betonte Wilmer. Dieses Leid gebe es auf allen Seiten. Mit Blick auf den Iran-Krieg sagte der Bischof auf die Frage, ob dieser Präventivkrieg legitim sei, es sei auf jeden Fall legitim, dass sich ein Land verteidige. Dies werde auch in Zukunft legitim sein. "Richtig ist die Überlegung und die Kritik, inwieweit ist die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt."

Weiterhin zeigte sich Wilmer zuversichtlich, dass es mit dem Reformprojekt Synodaler Weg weitergeht. Er hatte kürzlich der Römischen Kurie die Satzung für eine künftige Synodalkonferenz zur Anerkennung vorgelegt. "Ich habe diese Themen jetzt in Rom vorgebracht. Wir werden schon noch etwas Zeit benötigen, aber ich bin grundsätzlich zuversichtlich, dass es weitergeht." Die Bischöfe hatten im Februar dieser Satzung zugestimmt. In dem neuen Gremium wollen Bischöfe und Laien auf Bundesebene gemeinsam über wichtige Zukunftsfragen beraten und Beschlüsse fassen. Im November hatte die Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) der Satzung zugestimmt. Der Vatikan muss den Plan absegnen, bevor es losgehen kann.

Die geplante Synodalkonferenz ist ein Ergebnis des Synodalen Wegs, bei dem es etwa um innerkirchliche Gewaltenteilung, eine neue Sexualmoral und um Weiheämter für Frauen geht. Die Bischofskonferenz war beim Umgang mit diesem Projekt in den vergangenen Jahren gespalten. Vier konservative Bischöfe hatten sich daraus zurückgezogen. In der Kirchenleitung in Rom gab es ebenfalls starke Bedenken. Der Vatikan mahnte, dass die Entscheidungsbefugnis jedes einzelnen Bischofs für sein Bistum nicht aufgehoben werden dürfe.

Einheit bedeute nicht Uniformität

Mit Blick allgemein auf unterschiedliche Positionierungen von Bischöfen in Deutschland sagte Wilmer, dass eine Einheit unter den Bischöfen aus seiner Sicht nicht Uniformität bedeute. Und es heiße auch nicht, "dass alle exakt das Gleiche denken müssen und die gleiche Perspektive einschlagen". Es gehe darum, gemeinsam in der deutschen Gesellschaft unterwegs zu sein "im Sinne Jesu, im Sinne des Herrn, und dass wir gemeinsam an der Seite der Menschen sind und Menschen hier in der Bundesrepublik Deutschland begleiten, nicht nur die Katholiken und Christen, sondern überhaupt ein Herz haben für alle, die hier leben", erklärte Wilmer.

Christen in Deutschland seien aus Sicht Wilmers zudem eine "wesentliche Stütze" der Gesellschaft. "Gäbe es die Christen nicht mehr, bräche unsere Gesellschaft in sich zusammen." "Und ich bin allen Menschen, die in unseren Kirchen, katholisch, evangelisch, auch in anderen christlichen Gruppen unterwegs sind, sehr, sehr dankbar und freue mich über so viel Engagement", betonte Wilmer. Als Beispiele nannte er Menschen, die an der Seite von Älteren, Kranken und Sterbenden stünden und sich um die junge Generation kümmerten.

Der 64-Jährige, der seit 2018 Bischof von Hildesheim ist, war Ende Februar zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden. Künftig steht er an der Spitze des Bistums Münster. Wilmers Amtseinführung ist für den 21. Juni geplant. (cph/KNA)