90 Jahre Pater Gemmingen: Er war die deutsche Stimme des Papstes
Er ist ein waschechter Freiherr. Als einziger Sohn war Eberhard von Gemmingen dazu bestimmt, den Erbhof am Stammsitz seines Geschlechts in Bad Rappenau bei Heilbronn zu übernehmen. Doch es kam anders. Das adelige "von" lässt der Jesuit weg, wenn er sich vorstellt. Dem einstigen Vatikanjournalisten gelang gleich zwei Mal, worauf viele Berufskollegen ein ganzes Leben umsonst hoffen: den Papst zu interviewen. Am 4. April feiert der Ordensmann seinen 90. Geburtstag. Am Ostermontag lädt der Freundeskreis der Jesuiten zum Empfang in Sankt Michael.
Pater Gemmingen empfängt seinen Besuch in der Münchner Seniorenkommunität seines Ordens. Seine Vorliebe für rote Pullover pflegt er immer noch. Alle Wände seines kleinen Zimmers sind mit Fotos übersät, sie zeigen vor allem freundliche Gesichter von Verwandten. Allein die jüngste seiner fünf Schwestern hat inzwischen 18 Enkel.
Einer der bekanntesten Kirchenmänner
Es gab eine Zeit, da war der Jesuit einer der bekanntesten Kirchenmänner in Deutschland. 27 Jahre lang, von 1982 bis 2009, leitete Gemmingen die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan in Rom. Die Internetseite "Vatican News" geht auf seine Initiative zurück. Beim Weltjugendtag 2005 in Köln und ein Jahr später beim Bayernbesuch von Benedikt XVI. war er der maßgebliche Fernsehexperte, der den Deutschen "ihren" Papst erklärte.
Auch später gab der Vatikankenner Medienleuten bereitwillig Auskunft, wenn diese wieder einmal wissen wollten, warum die katholische Kirche Kondome immer noch ablehnt: häufig plakativ, bisweilen flapsig, Hauptsache verständlich. Und wenn er selbst einmal Kritik an "seinem" Laden äußerte, verpackte er sie mit seiner freundlichen Stimme und Miene stets so, dass ihm niemand böse sein konnte.
Journalist wird Bettelmönch
Zurück in Deutschland, wechselte der Jesuit in die Fundraising-Abteilung seines Ordens und wurde gleichsam "Bettelmönch". Mittlerweile ist er unter die Buchautoren gegangen. "Aus Langeweile", behauptet er schnoddrig. Ein Werk über Konvertiten, also Menschen, die aus einer anderen Glaubensgemeinschaft zur katholischen Kirche gewechselt sind, liegt fertig in der Schublade.
Im Studio links: Der langjährige Leiter der deutschsprachigen Abteilung des Radios, Pater Eberhard von Gemmingen.
"Als nächstes schreibe ich über Märtyrer", erzählt der Jesuit. "Ich möchte zeigen, dass erstaunlicherweise viele sehr gescheite Leute, nicht kleine Dummerchen, für ihren Glauben an Jesus Christus gestorben sind." Und er verbindet damit die Hoffnung, dass auch aufgeklärte, säkulare Deutsche darüber vielleicht einmal ins Nachdenken kommen, was es mit diesem Gott auf sich haben könnte.
Über seine nachlassende Kreativität und gesundheitliche Zipperlein möchte er nicht zu sehr klagen. Es gehe ihm relativ gut, sagt Gemmingen knapp. Mit den Hörgeräten klingen manche Geräusche für ihn allerdings ganz furchtbar, etwa das Rascheln einer Funktionsjacke. Im Lift versteht er kaum noch ein Wort. Und vormittags, da sei er oft sehr müde. Am linken Unterarm trägt Gemmingen über der Uhr einen Notrufknopf.
"Was tut Papst Leo in Monaco?"
Das Geschehen in Kirche und Welt verfolgt der Pater weiterhin. Papst Leo XIV. findet er eine gute Wahl. Die Bischöfe aus Afrika und Asien hätten einen gewollt, mit dem sie auch Englisch reden könnten. Außerdem hätten "die Amis" reklamiert, nach Franziskus brauche es einen, der etwas von Finanzverwaltung verstehe. Gewundert habe ihn allerdings die geplante Papstreise nach Monaco. "Was tut er da? Geht er ins Spielcasino?" Auch wegen solcher Sprüche haben ihn Journalistenkollegen immer geliebt.
Das deutsche Reformprojekt Synodaler Weg sieht Gemmingen heute kritischer als noch vor fünf Jahren. Dass da organisatorische und theologische Fragen miteinander vermischt worden seien, habe dem Prozess nicht gut getan. Wichtiger sind dem Jesuitensenior andere Dinge, zum Beispiel "die historisch-kulturelle Bedeutung" Jesu Christi. "Ohne den Mann aus Nazareth sähe Europa heute anders aus."
"Ich höre die Posaunen"
Klimawandel, Pandemie, Krieg – wie blickt der betagte Ordensmann und Ex-Journalist auf die heutige Nachrichtenlage? "Ich höre die Posaunen", sagt er unter Anspielung auf die Apokalypse. Das letzte Buch der Bibel enthält kraftvolle Bilder, mit denen das Ende der Welt beschrieben wird. Aber die Hoffnung will er nicht aufgeben. Es gebe "unendlich viele kleine Präger", sagt er und meint damit Menschen, die aus ihrem christlichen Glauben heraus Gutes tun: "Die hier und dort ein Feuerchen anzünden. Um das große Feuer zu löschen."
