Wunibald Müller über sein Buch "Enkel ohne Gott"

Gläubige Großeltern, säkulare Enkel: Wenn die Glaubensweitergabe hakt

Veröffentlicht am 22.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Gabriele Höfling – Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Enkel von Theologe Wunibald Müller kann mit Glauben wenig anfangen – die Mutter ist aus der Kirche ausgetreten. Im Interview erklärt Müller, warum solche Situationen schmerzen und wie Großeltern damit umgehen können.

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Großeltern macht es bisweilen viel aus, wenn sie sehen, dass ihre Enkel den eigenen Glauben an Gott und die Zugehörigkeit zur Kirche nicht übernehmen. Wie sie mit der Situation umgehen können und wann es in Wahrheit gar nicht um die Enkel, sondern eigene Befindlichkeiten geht, schildert Theologe Wunibald Müller im Interview mit katholisch.de

Frage: Herr Müller, haben Sie Enkel und wie halten es Ihre Enkel mit Gott?

Müller: Die beiden Kinder meiner Tochter sind zwei und sieben Jahre alt. Meine Tochter ist vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Von daher spielt auch bei meinem älteren Enkel der Glaube keine große Rolle. Er bekommt mit, dass Opa in die Kirche geht. Aber ich glaube, er kann damit im Moment noch nicht viel verbinden. In diesem Alter reflektieren Kinder allgemein noch nicht so viel über den Glauben.

Frage: Welche Rückmeldungen bekommen Großeltern, wenn sie mit ihren Enkeln über Gott sprechen wollen?

Müller: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Kinder und Enkel sind offen und neugierig, andere können mit dem Thema Glauben kaum etwas anfangen. Eine Bekannte erzählte, ihr Enkel habe einmal gesagt: "Oma, der das mit dem Gott erfunden hat, der muss doch einen Schlag gehabt haben". Gerade Kinder, die noch keine festen Vorstellungen haben, reagieren aber oft zunächst positiv – für sie sind biblische Geschichten einfach spannende und schöne Erzählungen. Spätestens wenn der Glaube stark mit Kirche verbunden wird, stößt er bei vielen eher auf Ablehnung. Rituale wie Taufe, Kommunion oder der Sonntagsgottesdienst gehören für viele Kinder nicht mehr selbstverständlich zum Alltag. Genau darauf spielt auch der Titel meines Buches an: "Enkel ohne Gott?".

Nach 25 Jahren verlässt Wunibald Müller das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach.
Bild: ©Katharina Ebel/KNA

Autor und Theologe Wunibald Müller.

Frage: Was ist unter diesen Umständen eine erfolgversprechende Strategie, um den Glauben an die Enkel weiterzugeben?

Müller: Oft gilt: Weniger ist mehr. Großeltern können ihren Glauben wie selbstverständlich durchscheinen lassen – sie gehen in die Kirche, sie beten oder sie erzählen von Gott. Das geht aber nur unter der Bedingung, dass das für die Eltern auch in Ordnung ist. Sobald versucht wird, an den Eltern vorbei Einfluss auf die Enkel zu nehmen, wird es problematisch.

Frage: Bei der Vermittlung des Glaubens sind die Eltern ja wahrscheinlich ohnehin das verbindende Element …

Müller: Genau. Die Glaubensweitergabe an die Enkel kann auch eine Chance sein, mit den eigenen Kindern über deren Glauben und gegebenenfalls Vorbehalte zu sprechen. Vielleicht entsteht dabei ein guter Austausch, der bisher gefehlt hat.

Frage: Wie verbreitet ist das Phänomen, dass Großeltern wirklich Probleme damit haben, dass ihre Enkel nicht glauben?

Müller: Das ist meiner Erfahrung nach schon recht weit verbreitet – auch wenn manche Großeltern inzwischen selbst auf Distanz zu Kirche und Glaube gehen. Andere fragen sich: Habe ich etwas falsch gemacht? Haben wir uns zum verlängerten Arm einer schwer verdaulichen Pastoral und eines schwer verdaulichen Glaubensverständnisses früherer Jahrzehnte gemacht? Wie sensibel sind wir zum Beispiel mit Themen wie Kreuzestod oder Märtyrern umgegangen? Habe ich eher einen Gott der Verbote vermittelt als den Gott der Liebe? Bei manchen kommen da Schuldgefühle auf. Andererseits gibt es immer noch Großeltern, die Angst haben, dass ihre Kinder oder Enkelkinder nicht in Himmel kommen, wenn sie nicht getauft sind. Das ist höchst problematisch. Es ist dann an den Großeltern, ihr eigenes Glaubensbild zu korrigieren und nicht ihre Ängste auf ihre Schutzbefohlenen zu übertragen. Ähnliches gilt, wenn sie sich in Wahrheit mehr um sich selbst sorgen als um ihre Nachkommen. Wenn jemand sinngemäß zum Kirchenaustritt des Kindes oder Enkels sagt: "Wie kann mein Sohn mir das antun – wie stehe ich denn jetzt da?", dann geht es ganz klar um die eigenen Befindlichkeiten.

Frage: Das sind extreme Beispiele. Geht es den meisten Großeltern nicht einfach darum, den Glauben als etwas, von dem sie selbst profitieren, auch an ihre Familie weiterzugeben?

Müller: Ja, das stimmt. Viele Großeltern haben in Krisen die Erfahrung gemacht, dass der Glaube ihnen Halt gegeben hat, in einer schweren beruflichen Situation, in Krankheit, wenn sie einen lieben Menschen verloren haben. Diesen Schatz wollen sie ihren Kindern und Eltern nicht vorenthalten. Als meine Tochter aus der Kirche ausgetreten ist, war es mir sehr wichtig, ihr mitzugeben, dass sie dennoch etwas Größeres braucht, etwas, das ihr in schwierigen Situationen im Leben Halt gibt. Es ist bisweilen gar nicht so einfach anzunehmen, dass etwas, das für mich wichtig ist, meine Nachkommen nicht so interessiert.

Frage: Was kann dann trösten?

Müller: Zum Beispiel, sich klarzumachen, dass es sehr viele Möglichkeiten für spirituelle Erfahrungen gibt. Ich war gerade mit meinem Sohn bei einem Rockkonzert. Wenn ich erlebe, wie Menschen da mitgehen, ja fast in Ektase kommen, dann wirkt das auf mich auch wie eine Art transzendente Erfahrung. Spiritualität lässt sich eben nicht nur in der Kirche erfahren, sondern auch in der Natur, in der Musik oder in der Kunst. Ein zweites, ganz anderes Beispiel: Für mich zeigt sich Glaube auch in meinem Verhalten – also wie ich meinen Mitmenschen begegne, dass ich mich beispielsweise für Arme oder Schwache einsetze. Wenn mir manche Großeltern erzählen, wie sehr ihre Enkel sozial engagiert sind, dann zeigt sich auch hier, dass ihre Werte gar nicht so weit voneinander entfernt sind.

„Oma, der das mit dem Gott erfunden hat, der muss doch einen Schlag gehabt haben“

—  Zitat: Ein Enkelkind

Frage: Können Großeltern in Sachen Glaube und Spiritualität auch etwas von ihren Enkeln lernen?

Müller: Oft lehren die jüngeren die älteren Generationen, Gedanken zuzulassen, die über ihr bisheriges Denken hinausgehen. Das bringt Großeltern womöglich dazu, den eigenen Glauben ehrlich zu prüfen: Trägt er mich in meinem Leben, oder habe ich ihn einfach übernommen, ohne ihn je zu hinterfragen? Würde ich insgeheim vielleicht auch gern aus der Kirche austreten – unterlasse es aber nur mit Rücksicht auf die Tradition und mein Umfeld? Solche Fragen können Kinder und Enkel anstoßen und damit den Großeltern helfen, sich selbst noch einmal neu zu verorten.

Frage: Welche Rückmeldungen bekommen Sie bisher zu Ihrem Buch?

Müller: Die Reaktionen zeigen mir, dass ich einen gewissen Nerv getroffen habe. Viele Großeltern sagen, das ist genau das Thema, das mich beschäftigt, aber ich habe bisher noch nicht groß darüber gesprochen. Ich würde gern erreichen, dass mögliche Enttäuschungen in der Großeltern-Enkel-Beziehung in Bezug auf den Glauben nicht einfach totgeschwiegen, sondern angesprochen werden. Dann bietet sich die Chance, dass alle zusammen sich mit der Situation besser arrangieren und es zu einer Klärung kommt. 

Frage: Stehen die Großeltern bei der Glaubensweiterhabe nicht vor einer Quadratur des Kreises? Gegen die zunehmende Säkularisierung unserer Gesellschaft haben ja bisher keine Bemühungen etwas ausrichten können .

Müller: Die Großeltern können natürlich nicht im Kleinen aufhalten, was die Kirche im Großen auch nicht aufhalten kann. Um einmal mit dem Theologen Jan Loffeld zu sprechen: Diejenigen werden immer mehr, denen nichts fehlt, wo Gott fehlt. Trotzdem kann ich meinen Enkeln ein Vorbild sein. Mein Glaube prägt mich und meine Handlungen – das wird spürbar, auch ohne dass ich ständig davon spreche. Der Glaube zeigt sich in meiner Haltung, in meinen Beziehungen, schon so wirkt er weiter. Darauf dürfen Großeltern vertrauen.

Von Gabriele Höfling

Das Buch

Müller, Wunibald: Enkel ohne Gott? Wenn der Glaube in Familien verloren geht, 192 Seiten, Herder 2026.