"Emmaus-Momente" im Leben
HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
Das heutige Evangelium führt uns noch einmal zurück zum Ostermontag, mitten hinein in das unmittelbare Geschehen kurz nach dem Tod Jesu am Kreuz. Zwei namenlose Jünger Jesu, so stellt sie uns der Evangelist Lukas vor, sind am Ostertag – Lukas sagt, dass es der gleiche Tag ist, an dem Maria Magdalena Jesus am leeren Grab antrifft und Petrus und den Jüngern erzählen soll, dass er auferstanden ist – zu Fuß auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus.
Den Grund des gemeinsamen Weges nach Emmaus nennt Lukas nicht, aber das, was die beiden auf dem Weg beschäftigt: Die Geschehnisse der letzten Tage in Jerusalem, Jesu Verhaftung, Verurteilung und Tod am Kreuz. Das, was passiert ist, beschäftigt die beiden. Sie teilen ihr Erleben und ihre Enttäuschung miteinander. Als Jünger Jesu hatten sie sich von ihm so viel mehr erhofft als einen Tod als Verbrecher am Kreuz. Auch von den Erlebnissen der Frauen am leeren Grab haben sie schon gehört, scheinen das aber nicht so recht zu glauben.
Diese Gedanken der beiden Weggefährten kennen wir, weil Lukas sie ihre Gedanken mit dem teilen lässt, der plötzlich zu ihnen hinzukommt: Jesus selbst. Wir als Lesende wissen sofort, dass es sich um Jesus handelt, während die beiden Jünger ihn nicht erkennen. Jesus gesellt sich zu den beiden, während sie über ihn, seine Botschaft, ihre enttäuschten Hoffnungen und Deutungen seines Sterbens sprechen. Er legt seine eigene Deutung des Geschehenen hinzu, er erschließt ihnen die Schrift und erklärt, warum alles so kommen musste, wie es in Jerusalem passiert ist. Sie erkennen ihn als auferstandenen Jesus erst beim gemeinsamen Mahl am Abend in Emmaus, als er mit ihnen das Brot so bricht, wie er es immer getan hat – und verschwindet in dem Moment ihres Erkennens. Beide sind so berührt von der Begegnung, dass sie sich sofort auf den Weg zurück nach Jerusalem machen. In der Rückschau halten sie das Gefühl des gemeinsamen Weges, des sich miteinander Austauschens und schließlich auch des gemeinsamen Essens mit den Worten "Brannte uns nicht das Herz […]?" (Lk 24,32) fest.
Miteinander auf dem Weg sein, ehrlich und offen über den eigenen Glauben, die eigenen Gefühle, die eigenen Zweifel und enttäuschten Hoffnungen sprechen, lässt Jesus als den Auferstandenen in unserer Mitte erfahrbar werden. Ich denke beim Lesen dieses Evangeliums gern an die Menschen, mit denen ich in meinem Leben solche "Emmaus-Momente" teilen durfte. Wo auch mir durch den Austausch miteinander sich plötzlich eine Schriftstelle neu erschlossen hat, meine Perspektive eine andere geworden ist, ich gespürt habe, dass Jesus in diesen Begegnungen mit dabei war. Wo mein Herz gebrannt hat und ich neue Kraft schöpfen konnte für die Höhen und Tiefen meines Alltages.
Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 24, 13–35)
Am ersten Tag der Woche waren zwei von den Jüngern Jesu auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus,
das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Und es geschah: Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?
Da blieben sie traurig stehen und der eine von ihnen – er hieß Kléopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis
haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.
Da sagte er zu ihnen: Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, 29aber sie drängten ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt!
Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und es geschah: Als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen.
Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete? Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück
und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.
Die Autorin
Schwester Jakoba Zöll ist Olper Franziskanerin. Sie arbeitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und schreibt an ihrer Promotion.
Ausgelegt!
Als Vorbereitung auf die Sonntagsmesse oder als anschließender Impuls: Unser Format "Ausgelegt!" versorgt Sie mit dem jeweiligen Evangelium und Denkanstößen von ausgewählten Theologen.
