Kloster aufgelöst – aber Bruder Reinhard bleibt

Letzter Trappist Österreichs: "Plötzlich bin ich allein da gewesen"

Veröffentlicht am 27.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Engelhartszell ‐ Wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit: So fühlt sich Bruder Reinhard Moshammer manchmal. Er ist der letzte seiner Gemeinschaft. Doch der 65-jährige Ordensmann will noch nicht aufgeben.

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"Ich bin Mönch und ich bleibe in meinem Kloster", sagt Bruder Reinhard Moshammer. Der 65-Jährige ist der letzte Trappist in Österreich. Vor drei Jahren wurde sein Konvent aufgelöst. Das ehemalige Kloster Engelszell in dem oberösterreichischen Ort Engelhartszell besteht also nicht mehr. Aber: Bruder Reinhard ist geblieben. Erst Anfang 2025 ist sein letzter Mitbruder, Pater Hubert Bony, verstorben. Davor sind zwei seiner Mitbrüder in ein Benediktinerkloster nach Bayern gewechselt und ein weiterer Mönch lebt nun in einer Pflegeeinrichtung in der Nähe. "Und dann bin ich plötzlich allein dagestanden", so der Ordensmann.

Ein Mönch brauche die Gemeinschaft, aber es geht auch ohne, meint er. Weg von seinem Kloster oder in ein anderes Kloster umziehen, das möchte Bruder Reinhard nicht. Dazu sei er hier viel zu fest verwurzelt. Außerdem gibt es im deutschsprachigen Raum kein anderes Trappistenkloster mehr.

Bereits 2018 wurde die Abtei Mariawald in der Eifel, die von Trappistenmönchen besiedelt war, aufgelöst –wegen Überalterung und fehlendem Ordensnachwuchs, so wie im Vorjahr das Stift Engelszell. Über 100 Jahre wirkten in Engelszell Trappisten, betrieben Seelsorge, lebten ihren Glauben. 2023 dann kam das Aus und das Abteigebäude und die dazu gehörende Liegenschaft wurden an die Diözese Linz übergeben. Aber Bruder Reinhard erhielt die Erlaubnis, weiterhin in einem Teil des Gebäudes wohnen zu bleiben. Sein für ihn zuständiger monastischer Kommissar, das ist Abt Samuel Lauras vom Kloster Nový Dvůr in Tschechien, hat ihm das versprochen. Genauso wie der für ihn in Österreich zuständige Abt Reinhold Dessl der Zisterzienserabtei Wilhering bei Linz. Viele Leute aus nah und fern seien "sehr froh darüber, dass ich ihnen vor Ort erhalten bleibe", betont Bruder Reinhard, der letzte Trappistenmönch in Engelszell.

"Als Mönch gehe ich nicht in Rente"

Mit ihm zusammen im ehemaligen Kloster lebt seit einigen Jahren ein älterer Mann, um den sich Bruder Reinhard kümmert. "Wir haben so eine Art Wohngemeinschaft", erklärt er. Die täglichen Mahlzeiten bekommen die beiden von der auf dem Klostergelände untergebrachten Caritas-Einrichtung invita, die sich um psychisch beeinträchtige Menschen kümmert. Früher besaß das ehemalige Kloster einige Betriebe, zum Beispiel zwei kleine Elektrizitätswerke, eine Likörfabrik und eine Brauerei. Allesamt wichtige Einnahmequellen für die Mönche. Nach der Auflösung der Abtei hat ein Ehepaar aus der Nachbarschaft die Likörfabrik und Brauerei samt Gaststätte und Klosterladen übernommen. Daher wird die Likörproduktion fortgeführt genauso wie die Brauerei.

Bruder Reinhard ist bis heute der Leiter der Likörproduktion, führt das Büro und hat sogar einen Gestellungsvertrag. Das Geld, das er dort verdient, geht an ein Ordenskonto, von wo er sein Taschengeld erhält. Die Vollversorgung ging vom Orden an die Diözese weiter. "Als Mönch gehe ich nicht in Rente", freut er sich darüber. Auf jeder Likörflasche ist auf der Rückseite ein Bild von ihm auf dem Etikett abgebildet. Das macht Bruder Reinhard schon stolz. Das Rezept für den Klosterlikör hütete er aus Liebe zu seinem Orden wie ein Geheimnis. Jetzt hat er es den neuen Betriebsleitern anvertraut.

Bild: ©Stift Engelszell

Bis heute ist Bruder Reinhard Moshamer für die Likörproduktion in Engelszell zuständig. Auf dem Etikett des Engelszeller Magenbitter ist ein Bild von Bruder Reinhard.

Schon seit über 40 Jahren lebt Bruder Reinhard als Mönch in Engelszell. Aufgewachsen ist er in der Nähe des Klosters, in Wels, mit vier Geschwistern. Nach der Pflichtschule absolviert er eine Ausbildung zum Gartenfachmann in Schönbrunn. Damals hat er eine Art Berufungserlebnis, blickt er zurück. Zwei Jahre lang verbringt er sogar im Priesterseminar in Salzburg, um zu klären, ob er Priester werden will. Dann erfährt er von einem Studienkollegen vom Trappistenkloster Engelszell in seiner Heimat Oberösterreich und besucht die Gemeinschaft. Der spätere Abt von Engelszell lädt ihn sogar zu einer Professfeier ein. Bruder Reinhard erkennt bald, dass er ebenfalls ein Mönch werden möchte. "Das Leben in Gebet und Gemeinschaft zog mich an", stellt der 65-Jährige im Rückblick fest. Er besucht damals erst noch einige andere klösterliche Gemeinschaften, bevor er sich 1984 dazu entscheidet, in das Kloster in Engelszell einzutreten. Er ist 24 Jahre alt, als er Trappistenmönch wird. Bei seiner feierlichen Profess verspricht er, ein Leben lang in diesem Kloster zu bleiben. "Ich habe mein Versprechen ernst genommen", betont Bruder Reinhard heute.  

Austreten oder aus dem Kloster weggehen war nie eine Option für ihn

An die strengen Regeln und Gebräuche im Kloster erinnert er sich bis heute. Es gab feste Zeiten zum Schweigen und feste Zeiten zum Reden. Mitten in der Nacht für ein Gebet aufzustehen, gehörte ebenso dazu, wie die Erlaubnis des Abtes, wenn man einmal das Kloster verlassen wollte. Doch das sei alles vorbei, sagt Bruder Reinhard. Er trage nichts nach, er habe das alles nie als "schlimm" empfunden. Bei den Kartäusern war es sicher strenger, erklärt er. In seiner Gemeinschaft habe er sich immer getragen gefühlt, kam mit den meisten gut zurecht. Schwer tat er sich nur mit dem letzten Abt. Da gab es "Konflikte und Reibungen", erzählt der Mönch. Manchmal fühlte er sich abgelehnt und abgewertet. Bei schwierigen Situationen half ihm ein geistlicher Begleiter von außerhalb des Klosters, das war Abt Emmanuel Jungklaussen in Niederaltaich. So habe er damals einen Weg gefunden, damit zu leben. "Austreten oder aus meinem Kloster weggehen war nie eine Option für mich", sagt Bruder Reinhard. Dass er keine Priesterweihe habe und Laienmönch sei, störe ihn bis heute nicht. Sein tiefer Glaube gab ihm durch die Zeiten hindurch Halt und Kraft. 

Bild: ©Stift Engelszell

Bruder Reinhard trinkt selbst gerne den Magenbitter aus eigener Produktion. Die darin verwendeten Kräuter haben, wie er sagt, Arzneibuchqualitäten.

Aufblühen konnte der Trappistenmönch aus Engelszell meist durch den Kontakt mit den Besuchern und Gästen des Klosters. Die ersten Jahre war Bruder Reinhard in seiner Gemeinschaft im Garten tätig, dann wurde er der Pförtner des Klosters und später war er für die Likörproduktion maßgeblich verantwortlich und dadurch immer wieder auf Klostermärkten unterwegs, um die Trappistenliköre und zuletzt auch Biere zu verkaufen. Gerne trinkt er selbst den Magenbitter und Schwedenbitter sowie das Bier aus eigener Produktion. Die darin verwendeten Kräuter haben Arzneibuchqualitäten und helfen ihm, ist Bruder Reinhard überzeugt.

Vor acht Jahren hatte er einen schweren "Zusammenbruch"

Vor acht Jahren hatte er einen schweren "Zusammenbruch" und lernte für ein paar Wochen eine psychiatrische Abteilung von innen kennen, wie er seinen Zustand damals beschreibt. Die Ursachen dafür lagen wohl in seiner Kindheit. Erst vor zwei Jahren wurde er wegen Brustkrebs operiert. In der Klinik konnte er jeweils "gut auf den Alkohol" verzichten. Er wisse, wo seine Grenzen seien, meint der letzte Mönch von Engelszell.

Jeden Tag betet Bruder Reinhard das Stundengebet in seiner Zelle, morgens und vor dem Schlafengehen. Tagsüber betet er gemeinsam mit seinem betagten Mitbewohner und mit Menschen von der Caritas-Einrichtung in der ehemaligen Klosterkirche. Um vier Uhr morgens aufzustehen für das Gebet, das schaffe er aber nicht mehr. Wenn er betet, denkt er viel an seine Familie, seine Geschwister und die Menschen aus der Gemeinde, seine Mitbrüder und viele andere mehr. Immer wieder sagen ihm Besucher, dass es gut ist, dass er noch da ist, als letzter Mönch von Engelszell. Darüber freut sich Bruder Reinhard. "Ich habe versprochen, hier zu bleiben und ich bleibe Seelsorger des alltäglichen Lebens so lange es geht", wiederholt er. Im ehemaligen Klosterfriedhof möchte er eines Tages begraben werden. Denn, wenn er eines Tages nicht mehr hier in Engelszell sein wird, dann wäre das geistliche Leben an diesem Ort ebenso aus und vorbei, ist sich Bruder Reinhard Moshammer sicher. Als Christ wisse er, dass er nur Gast auf Erden ist. "Und so bin ich eben nur Gast hier im Kloster", lacht der Trappistenmönch zum Abschied. 

Von Madeleine Spendier