Kirchenhistoriker über Dziwisz und Gänswein

Ernesti: Papst-Privatsekretäre Zeichen intransparenter Machtausübung

Veröffentlicht am 23.04.2026 um 11:30 Uhr – Lesedauer: 

Augsburg ‐ Georg Gänswein kennt fast jeder. Die Privatsekretäre von Franziskus sind dagegen keine Promis – für den Kirchenhistoriker Jörg Ernesti ein Zeichen dafür, dass der verstorbene Papst die Probleme des Amts durchschaut hat.

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Der Kirchenhistoriker Jörg Ernesti sieht Parallelen zwischen der historischen Vetternwirtschaft bei Papstberatern und zeitgenössischen päpstlichen Privatsekretären. Ob die Institution der Privatsekretäre zu den positiven Errungenschaften des Papsttums gehört, könne man hinterfragen, schreibt der Augsburger Theologe in einem Gastbeitrag für die aktuelle "Herder-Korrespondenz". Bei Papst Franziskus (2013–2025) habe sich ein erstes Umdenken gezeigt, nachdem die Päpste Benedikt XVI. (2005–2013) mit Georg Gänswein und Johannes Paul II. (1978–2005) mit Stanisław Dziwisz langjährige, einflussreiche Privatsekretäre hatten. "Es scheint, als habe Papst Franziskus die Problematik der Privatsekretäre durchschaut", so Ernesti.

Der Kirchenhistoriker stellt fest, dass Privatsekretäre und sonstige Berater in der vatikanischen Ämterhierarchie eigentlich nicht vorgesehen seien. Keine der Apostolischen Konstitutionen, mit denen verschiedene Päpste die Verfasstheit der Kurie festgelegt haben, erwähnten solche Funktionen. Das erstaune umso mehr, als einige der Privatsekretäre erheblichen Einfluss auf "ihren Papst" hätten gewinnen können. "Ihr Einfluss, den man auf einer inoffiziellen, nicht-kurialen Ebene ansiedeln muss, bleibt letztlich wohl schwer zu bestimmen und noch schwerer zu kontrollieren. Intransparente Strukturen der Machtausübung sind ein Kennzeichen nicht-demokratischer Systeme. Das gilt leider auch für den Vatikan – für den Staat wie für die Zentrale der Weltkirche", so Ernesti weiter.

Unter Franziskus keine Versorgungsposten mehr

Die neuzeitliche Institution des päpstlichen Nepotismus sei wie die im 19. Jahrhundert beginnende Praxis einflussreicher Privatsekretäre ein päpstliches Herrschaftsinstrument. Zwar würden sich die Privatsekretäre anderes als einst die Nepoten nicht persönlich wirtschaftlich bereichern und würden auch nicht aufgrund von Verwandtschaftsbeziehungen zum jeweiligen Papst ausgewählt. "Dennoch gehen auch sie zumeist nicht leer aus", betont Ernesti. Anders als seine Vorgänger habe Franziskus keine Einzelpersönlichkeiten aufsteigen lassen, sondern nacheinander drei Priester ernannt, die nach ihrer Amtszeit, anders als Gänswein und Dziwisz, nicht "mit hohen Posten 'abgefunden'" wurden. Der Privatsekretär Johannes Pauls II. wurde Erzbischof von Krakau, Gänswein kurz vor dem Rücktritt Benedikts XVI. zum Präfekten des Päpstlichen Hauses und damit verbunden zum Erzbischof ernannt. Ernesti bezeichnet diese Funktion als "protokollarisch bedeutsamen, aber nicht unbedingt gewichtigen Kurienposten". Papst Franziskus hatte das Amt zwar beibehalten, Gänswein jedoch bald allein für den Dienst an seinem emeritierten Vorgänger freigestellt.

Ob Leo XIV. an seinem direkten Vorgänger anknüpfen werde, sei noch offen. Aktuell ist der peruanische Priester Edgard Ivan Rimaycuna Inga päpstlicher Privatsekretär, den der Papst aus seiner Zeit als Ortsbischof kennt. "Dieser scheint sein Amt diskret und zurückhaltend auszuüben", analysiert Ernesti. Nach Vatikan-Angaben, will der Papst wieder zur Tradition eines festen Privatsekretärs zurückkehren, die sein Vorgänger unterbrochen hatte. (fxn)