Bischöfe reformieren Priesterausbildung: Persönlichkeit im Fokus
Die Reifung der Persönlichkeit soll künftig noch stärker im Zentrum der Priesterausbildung stehen, nicht nur der Erwerb einzelner Fertigkeiten. Dieser Grundsatz liegt der am Dienstag von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) veröffentlichten nationalen Rahmenordnung für die Priesterausbildung ("Ratio Nationalis Institutionis Sacerdotalis") zugrunde. Die Ausbildung von Priesterkandidaten soll gemäß der Ordnung theologisch fundiert und kontextbezogen sein, humanwissenschaftliche Erkenntnisse aufgreifen und sich als kirchlicher Vollzug begreifen, der Persönlichkeitsentwicklung der Einzelnen dienen und Impulse für eine lebenslange Nachfolge Jesu Christi geben.
Berufung wird in der neuen Rahmenordnung als "lebenslanges, dialogisches Geschehen" verstanden, das sich in der Beziehung zu Christus und den Menschen sowie in einem Hineinwachsen in die kirchliche Gemeinschaft vollzieht. "Die Ausprägung einer dialogischen Existenz ist wesentlich für einen Priester", erläutert der Vorsitzende der DBK-Kommission für Geistliche Berufe, Bischof Michael Gerber, den zentralen Ansatz der Persönlichkeitsentwicklung. "Das bedeutet, dass der angehende Priester ein möglichst realistisches Bild von sich selbst gewinnt und in einen Modus findet, mit dem er lebenslang jeweils neue Erfahrungen in einen Prozess der fortdauernden Reifung seiner Persönlichkeit integrieren kann", so Gerber weiter.
Die neue Rahmenordnung wurde in einem breiten Beteiligungsprozess formuliert. Insbesondere wurde auch der Betroffenenbeirat bei der DBK einbezogen. Die Ordnung soll die Erkenntnisse über das einbeziehen, "was in den letzten Jahren zutage getreten ist an menschlicher Unreife und Fehlverhalten in den Reihen des Klerus mit seinen oft lebenslangen Folgen für die davon Betroffenen", heißt es in der Rahmenordnung.
Sensibilität für das Volk Gottes
Betont wird außerdem, dass der Priester einer "Sensibilität für das Volk Gottes, dem er angehört", bedarf. Zugleich brauche es aber auch ein Verständnis der sakramentalen Grundstruktur der Kirche bei den Gläubigen: "Als das priesterliche Gottesvolk lebt die Kirche vom Herrn her, der sich ihr schenkt in Wort und Sakrament." Den Bischöfen sei es ein Anliegen, das besondere Priestertum der Weihe auf der Grundlage der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils in ein fruchtbares Verhältnis zum gemeinsamen Priestertum der Gläubigen zu setzen.
„Die Kirche der Zukunft braucht qualifizierte Priester, die zusammen mit den unterschiedlichen Gliedern des Volkes Gottes angesichts der großen Herausforderungen die Gegenwart in Kirche und Gesellschaft gestalten können.“
Grundlage für die Rahmenordnung ist die 2016 für die Weltkirche in Kraft gesetzte Grundordnung für die Priesterausbildung ("Ratio fundamentalis"). Neben den Vorgaben der vatikanischen Grundordnung sind in die nationale Rahmenordnung auch die Beratungen der Weltsynode eingeflossen. Eine Arbeitsgruppe hatte sich dort mit einer Überarbeitung der Grundordnung befasst mit dem Ziel, sie aus synodaler, missionarischer Perspektive zu überarbeiten. Sowohl die im März vorgestellten Ergebnisse der vatikanischen Arbeitsgruppe wie die nun genehmigte Rahmenordnung betonen Aspekte wie eine dezentralere Ausbildung, also einen Wechsel zwischen dem Leben im Seminar und dem Wohnen in Pfarrgemeinden, oder durch gemeinsame Ausbildungseinheiten angehender Priester mit anderen pastoralen Berufsgruppen. Außerdem sollen Frauen auf allen Ebenen der Ausbildung mitwirken und die Rolle der Psychologie gestärkt werden.
Die vatikanische Grundordnung hatte 2016 aufgrund eines Abschnitts zum Umgang mit "homosexuellen Tendenzen" bei angehenden Priestern für Aufsehen und Diskussionen gesorgt. Die Grundordnung hatte Personen von der Priesterausbildung ausgeschlossen, "die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte 'homosexuelle Kultur' unterstützen". Als Grund wurde angeführt, dass diese Personen sich in einer Situation befänden, "die in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen".
Homosexualität kein beherrschendes Thema
Die deutsche nationale Rahmenordnung greift Homosexualität explizit nur in einer Fußnote im Kontext des Umgangs mit der eigenen Sexualität auf, die auf den entsprechenden Abschnitt der vatikanischen Grundordnung und weitere römische Dokumente verweist. In der Rahmenordnung wird betont, dass die Integration der eigenen Sexualität in ein keusches zölibatäres Leben eine lebenslange Aufgabe sei. "Wo solche gelöste Enthaltsamkeit nicht dauerhaft erfahrbar und mit Freude lebbar ist, sondern die Implikationen des Zölibates vor allem als ständige Überforderung, Zwang, Selbstentfremdung oder Lebensverneinung erlebt werden, sollte schon dem Kandidaten selbst (im ehrlichen, reflektierenden Beten und vertrauensvollen Austausch) klar werden, dass dies nicht der Weg ist, auf den Christus ihn ruft", heißt es dazu in der Rahmenordnung. Unter den Aufnahmevoraussetzungen ins Priesterseminar führt die Ordnung den Willen auf, "das zölibatäre Leben zu erproben und das Leben der Gemeinschaft mitzutragen".
Neben Aspekten der Berufung und Persönlichkeitsbildung trifft die Rahmenordnung Festlegungen zu Personen und Orten der Ausbildung und zur Gestaltung der Grundausbildung und der Organisation des Studiums. Die nationale Ordnung wurde den Angaben zufolge am 11. März durch das vatikanische Klerusdikasterium bestätigt und ersetzt die bisherigen Regelungen aus dem Jahr 2003. Die Überarbeitung wurde notwendig, nachdem Papst Franziskus (2013–2025) Ende 2016 eine für die Weltkirche verbindliche Grundordnung für die Priesterausbildung in Kraft gesetzt hatte. (fxn)
Im Volltext: Rahmenordnung für die Priesterbildung
Die "Ratio Nationalis Institutionis Sacerdotalis" ist die nationale Ordnung der Deutschen Bischofskonferenz für die Priesterausbildung.
Die Rahmenordnung formuliert verbindliche Standards für die Priesterausbildung in den deutschen Diözesen. Ihre Ausführungen reichen über den Charakter bloßer rechtlicher Regelungen hinaus. Sie zielen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kandidaten und berücksichtigen den kulturellen und kirchlichen Kontext in Deutschland.
Die "Ratio Nationalis" versteht den Ausbildungsweg der Priester als ständige, ganzheitliche, gemeinschaftliche und missionarische Bildung. Die lebenslange Priesterbildung schließt die ganze Existenz ein, kann nur in Gemeinschaft, d. h. in einem Netz von vielfältigen Beziehungen realisiert werden und vollzieht sich als gelebtes Zeugnis für Jesus Christus und seine Botschaft.
