Regens: Priesterausbildung nicht nur Frage von Spezialisten

Da "zahlreiche wichtige theologische Fragen" bei der Weltsynode eine tiefergehende Untersuchung brauchten, entschied Papst Franziskus, Studiengruppen einzurichten. Eine von ihnen beschäftige sich mit der Priesterausbildung aus einer missionarisch-synodalen Perspektive. Der Abschlussbericht dieser Arbeitsgruppe wurde kürzlich veröffentlicht. Im katholisch.de-Interview spricht der Vorsitzende der deutschen Regentenkonferenz, der Fuldaer Regens Dirk Gärtner, über das Dokument – und die Auswirkungen für Deutschland.
Frage: Herr Regens Gärtner, die neue Rahmenordnung für die Priesterausbildung in Deutschland, die Ratio nationalis, liegt noch nicht vor. Müssen Sie darin jetzt Paragraphen ändern?
Gärtner: Wir werden auf jeden Fall die Impulse des Arbeitspapiers der Synode aufgreifen und würdigen. Wir freuen uns aber auch, dass einige der Anliegen der Synode bereits in den Entwurf der Ratio eingegangen sind. Darauf können wir gut aufbauen.
Frage: Im Vorgespräch haben Sie gesagt, dass Sie das Dokument der Weltsynoden-Arbeitsgruppe mit Spannung erwartet haben. Warum?
Gärtner: Ich hatte gehofft, das Dokument würde noch einmal einen Rahmen abstecken – und das ist auch geschehen. Die Arbeitsgruppe hat deutlich gemacht, dass Berufungen aus dem Volk Gottes erwachsen und Priester für das Volk Gottes da sind. Deswegen ist das gesamte Volk Gottes an diesem Ausbildungsprozess zu beteiligen. Priesterausbildung ist nicht nur eine Frage von Spezialisten.
Frage: Das Papier betont in diesem Sinne, dass die Priesterausbildung, nicht nur im Priesterseminar, sondern im Alltag mit den Gläubigen stattfinden soll. Ist das nicht eigentlich selbstverständlich?
Gärtner: Wir haben tatsächlich eine lange Tradition der Priesterausbildung, die in Abgrenzung zur Welt stattgefunden hat. Hier hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) aber schon einiges gewandelt und wir bilden Priester heute in den pastoralen Realitäten aus, wie sie sich zeigen. Das soll nach dem Willen der Arbeitsgruppe der Synode noch einmal verstärkt werden.
Die Verkündigung im digitalen Raum ist aus Sicht von Regens Dirk Gärtner ein Thema, das in der Priesterausbildung mehr Aufmerksam braucht. Dabei gehe es nicht nur um technische Fähigkeiten der Priesteramtskandidaten.
Frage: Wie würde das denn konkret im deutschen Kontext aussehen?
Gärtner: In der Priesterausbildung denken wir schon länger über ausgedehntere Praxisphasen nach und experimentieren zum Teil schon damit. Diese Phasen dauern dann nicht bloß vier oder acht Wochen, sondern mehrere Monate. Es hat sich gezeigt, dass dann eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Realitäten stattfindet, wenn der Priesterkandidat sich ihnen über länger Zeit "aussetzt" und sich so auf sie einlässt.
Frage: Gibt es weitere Punkte in dem Dokument, die für die Priesterausbildung in Deutschland spannend sind?
Gärtner: Das Dokument der Synode betont, dass die Verkündigung im digitalen Raum einen besonderen Stellenwert in der Ausbildung bekommen soll. Ich glaube, das ist ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit braucht.
Frage: Muss der Umgang mit digitalen Medien also ganz explizit Teil der Priesterausbildung werden?
Gärtner: Verkündigung im digitalen Raum heißt, dass es nicht nur darum geht, technische Fähigkeiten zu erlernen, wie man mit diesen Medien umgeht oder sie bespielt. Es geht auch darum, mit kritischem Abstand auf die vielen Stimmen aus diesem Echoraum zu schauen und eine Unterscheidung einzuüben. Schon jetzt haben wir in der Ausbildung bereits vielerorts Module, wo es um den ethisch verantworteten Umgang mit sozialen Medien geht.
„Hinter das Konzept der Synodalität – als ein Vorgang des Hörens auf Gott und mich selbst – können und wollen wir daher nicht zurück.“
Frage: Wie geht es mit den Impulsen der Weltsynode in Deutschland nun konkret weiter?
Gärtner: Die Arbeitsgruppe für die Ratio nationalis besteht bereits. Sie wird das Dokument in ihren Arbeitsprozess aufnehmen und entscheiden, wie wir mit den einzelnen Punkten umgehen. Schon bei der Ausarbeitung der Ratio haben wir versucht, möglichst synodal zu arbeiten und so viele Stimmen wie möglich an diesem Prozess zu beteiligen, beispielsweise die Seminaristen oder den Betroffenenbeirat.
Frage: Der Begriff Synodalität ist weit gefasst. Wie muss ein synodaler Priester aus Ihrer Sicht heute auftreten?
Gärtner: Ein synodaler Priester weiß in jeglicher Hinsicht um die Realitäten, die ihm begegnen. Ihm ist nichts Menschliches fremd, wie das Zweite Vatikanum in der Pastoralkonstitution formuliert hat. Der Priester muss auch wirklich vertraut sein mit der Realität Gottes, mit der Wirklichkeit seiner Berufung. In diesen doppelten Hörprozess einzutreten, ihn einzuüben, das ist Ziel der Priesterausbildung und macht einen synodalen Priester aus.
Frage: Das Konzept der Synodalität wurde gerade von Papst Franziskus (2013-2025) vorangetrieben – stößt innerhalb der Kirche aber auch auf Kritik. Nehmen Sie das innerhalb der Priesterseminare wahr, dass Priesteramtskandidaten nicht viel damit anfangen können?
Gärtner: Synodalität speist sich aus der ignatianischen Tradition und ist tatsächlich sehr anspruchsvoll. In einen Hörprozess einzutreten, der wirklich Realitäten wahrnimmt, ist deshalb anspruchsvoll und kann Widerstände auslösen, weil ich bei diesem Hören nicht nur auf angenehme Realitäten in mir treffe. Es gibt in meinem Leben immer auch viel Rätselhaftes, Unstetes oder wenig Ausbalanciertes. Diese Konfrontation mit mir selbst muss man erst einmal aushalten lernen.
Frage: Was heißt das für angehende Priester? Wie kann man in der Ausbildung damit umgehen?
Gärtner: Es braucht regelmäßig stille Zeiten, in denen ich auf die inneren Bewegungen schaue – und mich manchmal erst einmal ertragen lerne. Und mich schließlich frage, wie sich darin das Wirken Gottes zeigt. Es bedarf aber auch einer gemeinsamen Reflexion dieser Beobachtungen mit erfahrenen Personen in der geistlichen Begleitung oder in der Biographiearbeit. Es zeigt sich, dass gerade Themen, die kantig oder sperrig sind, am Ende den Kandidaten weitergeführt haben, wenn er sich darauf einlassen kann. Das kann man aber nicht befehlen oder anordnen. Aber wenn es passiert, dann passiert oft auch etwas Schönes und Überraschendes – im Leben des Glaubens wie auch im menschlichen Reifeprozess. Hinter das Konzept der Synodalität – als ein Vorgang des Hörens auf Gott und mich selbst - können und wollen wir daher nicht zurück.