Zeitweise gefürchtet, seinen Glauben zu verlieren

Kardinal Schönborn über Professorenzeit: Konflikte "sehr dramatisch"

Veröffentlicht am 05.05.2026 um 12:14 Uhr – Lesedauer: 

Wien ‐ Zwischen Glaubenszweifeln und Kontroversen: Kardinal Christoph Schönborn blickt auf prägende Jahre zurück – von einer tiefen Krise nach dem Konzil bis zu Konflikten als Theologieprofessor.

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Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat seine konfliktreiche Zeit als Theologieprofessor als prägend und belastend beschrieben. In einem Interview mit dem "Forum-Magazin" sagte der 81-Jährige, er sei für manche Kollegen der "Schreckensmann" gewesen – auch wegen seiner Nähe zur Denkschule von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI.

Schönborn war an der Universität Fribourg in der Schweiz ab 1975 zuerst Gastprofessor, dann Professor für Dogmatik. Die Auseinandersetzungen seien "sehr dramatisch" gewesen und hätten ihn an die Grenzen seiner Belastbarkeit gebracht. Zugleich betonte Schönborn, dass seine Vorlesungen dennoch großen Zulauf hatten. Trotz lautstarker Opposition, die teilweise emotional war, habe er keine Debatten gescheut. Im Großen und Ganzen habe er ein "positives Echo" erfahren, so Schönborn.

Glaubenskrise nach dem Konzil

Die Konflikte knüpften an eine frühere Glaubenskrise an. Im Zuge der Debatten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) habe er erlebt, wie zentrale Glaubensinhalte infrage gestellt wurden: "Ich habe fassungslos erlebt, was da vertreten wurde – zum Teil fasziniert, und zum Teil auch den Boden unter den Füßen verlierend." Zeitweise habe er gefürchtet, seinen Glauben zu verlieren. Seinem Ordensoberen habe er gesagt, er könne mit der Situation in Deutschland nicht leben, weshalb er zum Weiterstudium nach Frankreich ging.

Dort erlebte er ab 1968 einen weiteren kirchlichen Umbruch, wie innerhalb von "zwei oder drei Jahren praktisch alle Priesterseminare im Land geschlossen wurden". Es war laut Schönborn das, was er in Deutschland bereits intellektuell mitbekommen hatte. "In Frankreich habe ich es existenziell erlebt", so der Kardinal.

Abgrenzung von Traditionalisten

Einen neuen Zugang fand Schönborn nach eigenen Angaben durch die Beschäftigung mit den Kirchenvätern, Joseph Ratzinger oder Hans Urs von Balthasar sowie durch Begegnungen mit Theologen wie Andrei Scrima und Yves Congar. Dadurch habe sich ihm eine "sehr lebendige theologische Welt" erschlossen.

Zugleich grenzte er sich klar von traditionalistischen Strömungen ab. Das Aufkommen der Lefebvre-Bewegung habe ihm gezeigt, "das kann es auch nicht sein", da dort eine "museale Betrachtung der Tradition" vorherrsche. Er selbst habe keinen Weg in den Traditionalismus eingeschlagen, sondern in die "große katholische Tradition". Rückblickend zog der Kardinal eine positive Bilanz: "Ich habe viel gelernt." (KNA)