"Wir sind Kirche" & "Eckiger Tisch"

Differenzierte Bilanz von Reform- und Betroffenengruppen zu Leo XIV.

Veröffentlicht am 07.05.2026 um 14:47 Uhr – Lesedauer: 

München ‐ Am 8. Mai ist ein Jahr her, dass Robert Francis Prevost Papst Leo XIV. wurde. Neben Lob enthält die Bilanz von den Gruppen "Wir sind Kirche" und "Eckiger Tisch" auch Kritik.

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Die Initiativen "Wir sind Kirche" in Deutschland und Österreich haben zum ersten Jahrestag der Wahl von Papst Leo XIV. eine differenzierte Bilanz gezogen. Als positiv heben sie hervor, dass er mit seinem Fokus auf Frieden vom ersten Tag an und mit seinen sehr deutlichen Ansagen gegenüber allen Kriegstreibern dem Papstamt bisher ein starkes Profil gegeben habe.

In einer am Donnerstag gemeinsam veröffentlichten Erklärung würdigen die Organisationen Leos Bemühen um Frieden und Zusammenwirken in der Weltpolitik. Dieses finde zu Recht große Anerkennung und mache angesichts der weltweiten Krisen Hoffnung. Kritischer fällt der innerkirchliche Blick aus. So lautet das Fazit: "Deutlich schwieriger wird es für ihn sein, Frieden und Einheit innerhalb der weltweiten römisch-katholischen Kirche zukunftsfähig zu gestalten."

Als "kluger, welt- und leitungserfahrener Ordensmann" setze der jetzige Papst fort, was sein charismatischer Vorgänger Franziskus zu Recht aufgerüttelt und entfesselt habe, heißt es in der Stellungnahme. Dessen programmatisches Erbe der "Option für die Armen" habe Leo XIV. mit dem Schreiben "Dilexi te" übernommen und fortgeschrieben. Das Dokument stelle eine geeignete Grundlage dar für viele Richtungsentscheidungen, vor denen die gesamte römisch-katholische Weltkirche, ja die Menschheit stehe.

"Eckiger Tisch" sieht wichtige Signale

Der "Gesamtamerikaner" Leo XIV. sei ein Teamplayer mit weltweiter Kultur- und Leitungserfahrung, so "Wir sind Kirche". Er suche Beratung, zudem binde er den Vatikan und die Kardinäle mit regelmäßigen Konsistorien mit ein. Das sei nachhaltiger, könne jedoch leider auch dringend anstehende Reformen verlangsamen.

Zurückhaltend äußerte sich gleichfalls die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" in Berlin. Erste wichtige Signale seien durchaus erkennbar, insbesondere die Art, wie der neue Papst kommuniziere. "Zugleich besteht weiterhin dringend Handlungsbedarf bei strukturellen Reformen im Umgang mit sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche", so die Initiative.

Im Oktober 2025 kam es demnach zu einem persönlichen Austausch von Mitgliedern der internationalen Betroffenenorganisation "Ending Clergy Abuse". Matthias Katsch, Sprecher des Eckigen Tischs, sagte, bei dem einstündigen Gespräch habe er Papst Leo XIV. als sehr offen erlebt. Doch Zuhören allein reiche nicht aus. "Die entscheidende Frage ist, ob aus dieser Haltung auch strukturelle Konsequenzen folgen: verbindliche Standards, unabhängige Kontrolle und echte Verantwortungsübernahme innerhalb der Kirche. Daran arbeiten wir weiter – wozu uns der Papst ausdrücklich ermutigt hat", so Katsch. (KNA)