FPÖ versus Bischof: Worum es in der Predigt-Causa geht
Dass ihre Predigt die Menschen auch eine Woche nach dem Gottesdienst noch beschäftigt, dürften sich die meisten Priester wünschen. Ob das auch für den Innsbrucker Bischof Hermann Glettler gilt? Seine Predigt beim Gottesdienst auf dem Gauder Fest, einem traditionellen Tiroler Volksfest, hat jedenfalls eine öffentliche und politische Debatte ausgelöst. Dabei ging es aber nicht so sehr um die Worte des Bischofs an sich, sondern vielmehr um das, was sie ausgelöst haben.
Das Predigtmanuskript ist auf der Website der Diözese Innsbruck abrufbar. Darin appellierte er angesichts gesellschaftlicher Spaltungen für mehr Zusammenhalt. In Bezug auf das Evangelium warnte der Bischof vor "denen, die das Blaue vom Himmel versprechen: 'Mit uns wird alles besser, alles gerechter. Mit uns kommt die gute alte Zeit zurück!'" Dies seien leere Worte, so Glettler. "Und wenn dann jemand noch die Klaviatur von Neid, Hass und Verlustängsten beherrscht – gegen die Sozialbetrüger und 'Völkerwanderer' – dann bitte Vorsicht: Es gibt nicht die einfachen Lösungen! Neid erzeugt Neid, Enthemmung führt zu weiterer Enthemmung und Hass produziert Hass. Wollen wir das? Gefährlich ist das Nicht-Zuhören und Drauflos-Behaupten." Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) erwähnte Glettler dabei nicht explizit.
Steiner schildert Vorgang anders
Der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Christoph Steiner war dennoch überhaupt nicht einverstanden mit dem, was Glettler vor rund 1.000 Gläubigen predigte. Medienberichten zufolge soll Steiner – in der ersten Reihe sitzend – nach der Predigt des Innsbrucker Bischofs, dessen Worte deutlich mit Kritik in dessen Richtung kommentiert und gerufen haben, Glettler hätte besser "Politiker bei den Grünen" werden sollen. Daraufhin habe es großen Unmut unter den Anwesenden gegeben.
Steiner selbst schildert den Vorfall anders: Er habe vor sich selbst hin sowie zu neben ihm sitzenden Parteikollegen in Bezug auf Glettler gesagt: "Wäre er doch besser Politiker geworden." Daraufhin habe jemand aus einer anderen Sitzreihe gerufen: "Aber kein G'scheiter". Der FPÖ-Politiker selbst habe wiederum geäußert: "Dann halt bei den Grünen." Geschrien oder lautstark gerufen habe er dabei nicht.
Dass eine Predigt nicht politisch sein dürfe, stimme nicht, sagt der Regensburger Homiletiker Thomas Vogl. "Christ sein bedeutet eben auch, Werte zu vertreten, die uns von der Botschaft Jesu her anvertraut sind und damit ist auch immer eine Positionierung in der Welt verbunden."
An seiner Predigt-Kritik hielt Steiner allerdings fest. Glettler habe 20 Minuten lang die FPÖ diskreditiert. "Das war der echte Skandal bei der Messe. Für mich als gläubiger und bekennender Katholik gehört parteipolitische linke Agitation nicht in eine Eucharistiefeier, das sollte der Bischof von Innsbruck verstehen und einsehen", sagte Steiner der "Tiroler Tageszeitung". Der Presseagentur APA erklärte er, die Predigt sei ganz klar auf die FPÖ gemünzt gewesen.
Gingen die Worte des Bischofs also zu weit? "Es gibt immer wieder die Kritik, eine Predigt dürfe nicht politisch sein", sagte der Regensburger Homiletiker Thomas Vogl 2024 in einem katholisch.de-Interview. "Das stimmt so aber nicht: Christ sein bedeutet eben auch, Werte zu vertreten, die uns von der Botschaft Jesu her anvertraut sind und damit ist auch immer eine Positionierung in der Welt verbunden." Insofern seien Predigten zu aktuellen Ereignissen in Kirche, Gesellschaft und Politik legitim. Allerdings sollten diese "kein Sprachrohr für persönliche Meinungen sein, die darüber hinausgehen oder gar gegen das Grundgesetz wären".
Die rechtspopulistische FPÖ sieht das offenbar anders: Der Vorsitzende der Partei, der selbsternannte "Volkskanzler" Herbert Kickl, rechtfertigte die Kritik seines Parteikollegen Steiner. Wenn Kirchenvertreter bei einer Predigt parteipolitische Statements abgäben, dann mache sie das zu einem "politischen Akteur", argumentierte Kickl am Donnerstag. "Dann müssen sie sich auch gefallen lassen, dass sie von einem politischen Akteur kritisiert werden." Die Zeiten seien "zum Glück lange vorbei, wo man die Kirche nicht kritisieren durfte".
Äußerte ebenfalls Kritik an Glettlers Predigt: FPÖ-Chef Herbert Kickl.
Kritik an der Kritik kam wiederum von der regierenden Österreichischen Volkspartei (ÖVP): "Bibelzitate auf Wahlplakate zu drucken, macht noch keine christlich-integre Politik. Es ist beschämend, dass nun sogar FPÖ-Chef Kickl ausreitet, um die mehr als unangemessenen Zwischenrufe des FPÖ-Abgeordneten Steiner während der Predigt im Rahmen der Messe des Tiroler Gauder Fests zu verteidigen", erklärte der ÖVP-Abgeordnete Wolfgang Gerstl in einer Pressemitteilung. "Schlimm genug, dass ein Politiker einem Geistlichen das freie Wort aus politischen Gründen verbieten will – dass sich jetzt sogar dessen Klubobmann dazu bemüßigt fühlt, seinem Abgeordneten bei einer derartig bedenklichen Verfehlung die Mauer zu machen, gibt tiefe Einblicke in den Wertekanon der FPÖ."
Während die politische Diskussion über den Predigt-Eklat also weiterläuft, haben Glettler und Steiner ein Treffen angekündigt. So lud der Tiroler Politiker den Bischof in einem auf seinen Social-Media-Profilen verbreiteten Video zu "Kaffee und Kuchen" ein. Er glaube, dass "wir zwei das schaffen – ganz ohne Zwischenrufe der ÖVP –, ein gutes Gespräch zu führen". Dabei könne man dann über die unterschiedlichen Vorstellungen sprechen. Auch eine formelle Bitte um eine Audienz mit dem Bischof habe er an die Diözese übermittelt.
Es soll auch um die "Klärung des Vorfalls" gehen
Diese teilte am Donnerstag mit, Glettler werde Steiner treffen. "Das Treffen ist als vertraulicher Austausch vorgesehen und findet ohne mediale Begleitung und Berichterstattung statt. Dass es dabei um die Klärung des Vorfalls vom Gauder Fest geht, liegt auf der Hand." Aber auch andere gesellschaftsrelevante Themen würden zur Sprache kommen. "Bischof Glettler wird sein Engagement für den sozialen Zusammenhalt und 'für ein Zuhören anstelle des Drauflos-Behauptens', wie er es in der Predigt ausgeführt hat, von Neuem bekräftigen."
Das Gespräch zwischen den beiden ist ein Vorgehen, das Homiletiker Vogl begrüßen dürfte: "Am besten ist es, das direkte Gespräch zu suchen und eine Rückmeldung zu geben", sagte er im katholisch.de-Interview auf die Frage, wie Gläubige mit Predigten umgehen könnten, mit denen sie nicht einverstanden seien. Bei solchen Unterredungen könnten unterschiedliche Interpretationen und Deutungen besprochen und Missverständnisse ausgeräumt werden. "Das persönliche Gespräch ist auf jeden Fall besser, als im Gottesdienst aufzustehen und Stopp zu rufen."
