Jahrhunderte alte Tradition

Warum Tausende jedes Jahr nach Trier pilgern

Veröffentlicht am 14.05.2026 um 12:00 Uhr – Von Teresa Kammerlander – Lesedauer: 

Trier ‐ Rund 1700 Pilger machen sich jedes Jahr rund um Christi Himmelfahrt auf den Weg nach Trier zum Grab des Apostels Matthias. Zwischen Gemeinschaft, Glaube und "Pilgerfieber" wird deutlich: Diese Tradition lebt bis heute.

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Bruder Daniel Blau ist Ansprechpartner für die Pilgergruppen, die jedes Jahr zur Benediktinerabtei St. Matthias in Trier pilgern. Im Interview erzählt er, warum die Matthiaswallfahrt Menschen seit Jahrhunderten begeistert, welche besonderen Momente unterwegs entstehen und weshalb die Pilger immer wieder zurückkehren.

Frage: Rund um Christi Himmelfahrt ist in Trier mächtig was los, viele tausend Pilger kommen an das Grab des heiligen Matthias. Was wird denn in den kommenden Tagen geboten sein?

Bruder Daniel: Am großen Pilgersonntag, also am Sonntag nach Himmelfahrt, kommen rund 1700 Pilgerinnen und Pilger. Dann findet hier auf dem Freigelände vor der Basilika ein großer Freiluftgottesdienst statt. Dort gibt es auch Gelegenheit zur Begegnung und zum Austausch. Über das ganze Jahr verteilt kommen ungefähr 6.000 bis 7.000 Pilger nach Trier. Wenn die Pilgergruppen nach ihrer mehrtägigen Wallfahrt bei uns ankommen, ziehen sie feierlich in die Benediktinerabtei ein. Sie begrüßen den heiligen Matthias unter Glockengeläut und mit dem Lied "Großer Gott, wir loben dich". Danach werden die Gruppen alle persönlich begrüßt und es gibt die Möglichkeit, Gottesdienste zu feiern. Manche wünschen noch eine Andacht oder eine besondere Verabschiedung. Es gibt feste Gruppen, die jedes Jahr kommen. Insgesamt haben wir ungefähr 130 Pilgergruppen, die regelmäßig dabei sind. Dann kommen immer noch ein paar neue Gruppen dazu, vielleicht drei oder vier im Jahr.

Frage: Das ist ja schon eine große Zahl, und das seit vielen Jahren. Was ist denn der Reiz für diese Gruppen, jedes Jahr kilometerweit nach Trier zu laufen? Was macht das Matthiaspilgern so besonders?

Bruder Daniel: Das ist schwer zu beschreiben. Ich bin selbst schon mitgepilgert und würde sagen: Es ist wie ein Pilgerfieber. Wenn einen das einmal gepackt hat, dann kribbelt es in den Füßen. Nach dem ersten Mal sagen viele: Nie mehr wieder. Und dann, wenn die Wallfahrt wieder näher rückt und man gefragt wird: "Gehst du wieder mit?", dann sagt man meistens sofort Ja. Wenn man einmal dabei war, kommt man immer wieder. Man erinnert sich an die Gemeinschaft und an Freundschaften, die auf dieser Wallfahrt entstehen. Es gibt intensive Gespräche über persönliche Dinge, die im Laufe des Jahres passiert sind. Manche tragen Sorgen oder Belastungen mit sich, und diese Last wird dann in der Gruppe mitgetragen. Das macht, glaube ich, viel aus. Die Matthiaswallfahrt ist eine Gruppenwallfahrt. Das ist etwas anderes als zum Beispiel der Jakobsweg, auf dem viele allein unterwegs sind. Hier ist meistens alles sehr gut organisiert: Quartiere, Verpflegung, Gepäcktransport. Manche sagen scherzhaft, es sei "Luxuspilgern". Trotzdem entsteht eine sehr enge Gemeinschaft. Oft pilgern Familien schon seit Generationen. Da sind die Urgroßväter gepilgert, später die Kinder und inzwischen sogar die Urenkel. Gerade im Rheinland ist das tief in vielen Familien verwurzelt.

Bruder Daniel Blau spricht am Ambo.
Bild: ©Archiv der Abtei St. Matthias (Archivbild)

Bruder Daniel Blau ist Ansprechpartner für die Pilgergruppen, die jedes Jahr zur Benediktinerabtei St. Matthias in Trier pilgern

Frage: Wie war die Erfahrung für Sie persönlich, als Sie mitgepilgert sind?

Bruder Daniel: Ich bin, glaube ich, drei- oder viermal mitgelaufen, aber das ist schon länger her. Das erste Mal war 2003; damals bin ich mit einer Gruppe aus Mönchengladbach mitgelaufen, die immer nach Pfingsten unterwegs war. Das passte für mich gut, weil ich damals im Klosterladen gearbeitet habe und während der Hauptpilgerzeit hier gebraucht wurde. Nach Pfingsten war etwas weniger los und da konnte ich mitgehen. Das war schon eine tolle Erfahrung. Jede Gruppe gestaltet die Wallfahrt unterschiedlich, zum Beispiel mit Meditationen oder geistlichen Impulsen. Teilweise bereiten wir diese Texte hier im Kloster vor, manche Gruppen gestalten sie aber auch selbst passend zum jeweiligen Wallfahrtsthema des Jahres. Dadurch entsteht ein intensiver geistlicher und persönlicher Austausch.

Frage: Wo kommt denn die Tradition der Matthiaspilger ursprünglich her?

Bruder Daniel: Das lässt sich ziemlich genau sagen. Nächstes Jahr feiern wir das 900-jährige Jubiläum der Matthiaswallfahrt. Man hat ja immer vermutet, dass das Grab des Apostels Matthias hier sein könnte. Das geht zurück auf die Legende, dass die Kaiserin Helena seine Reliquien aus dem Heiligen Land nach Trier gebracht hat, zusammen mit dem Heiligen Rock und anderen Reliquien. Die Matthias-Reliquien sind immer wieder schriftlich erwähnt worden, aber das Grab war nie gesichert gewesen. Im Jahr 1127 wurde dann bei Umbauarbeiten in der Kirche ein Reliquienschrein gefunden, den man den Reliquien des heiligen Matthias zuschrieb. Seitdem war das Grab auch von Rom entsprechend approbiert und so entwickelte sich die Wallfahrt immer weiter. Die älteste Matthiasbruderschaft stammt aus Mönchengladbach. Sie haben nicht direkt ab 1127 mit der Wallfahrt gestartet, aber wohl nur zwei oder drei Jahre später.

Frage: Sie sind seit einigen Jahren Ansprechpartner für die Pilgergruppen. Was genau sind Ihre Aufgaben?

Bruder Daniel: Wir teilen uns die Aufgaben im Team auf. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter organisiert die Pläne und teilt ein, wer welche Pilgereinzüge begleitet. Wir sind drei Brüder – Bruder Ignatius, Bruder Thomas und ich –, die die Einzüge begleiten, Gottesdienste feiern, Auszüge gestalten oder Führungen übernehmen. Außerdem begleiten wir die Pilgergruppen das ganze Jahr über. Im Herbst stellen wir bereits das neue Jahresthema vor. Dafür fahren wir in die verschiedenen Pilgerbezirke und besuchen die Versammlungen der Bruderschaften. Zusätzlich erscheint regelmäßig ein Pilgerbrief mit Informationen aus Trier und geistlichen Impulsen. So bleibt der Kontakt das ganze Jahr über bestehen.

Viele Pilger treffen sich für einen Gottesdienst unter freiem Himmel.
Bild: ©Archiv der Abtei St. Matthias (Archivbild)

Im Jahr 2027 wird in Trier das 900-jährige Jubiläum der Matthiaswallfahrt gefeiert.

Frage: Welche Themen oder Sorgen bringen die Menschen mit, wenn sie zu Ihnen pilgern?

Bruder Daniel: Einzelgespräche sind oft schwierig, weil einfach sehr viele Menschen da sind. Aber innerhalb der Gruppen entstehen viele Gespräche. Da geht es um Krankheiten in der Familie, Sorgen und Belastungen, aber auch um schöne Ereignisse, wenn zum Beispiel ein Enkelkind geboren wurde. Natürlich spielt auch das geistliche Leben eine Rolle. Dieses Jahr lautet das Thema "Meine Freude in euch". Da überlegen die Gruppen gemeinsam: Was schenkt uns Freude? Wie verbinden wir das mit dem Evangelium? Und wie tragen wir diese Freude in unser Leben hinein?

Frage: Apropos Freude – gibt es denn auch lustige oder besondere Momente auf der Wallfahrt?

Bruder Daniel: Natürlich. Die Abende sind oft sehr gesellig. Nach dem Abendessen sitzt man zusammen, trinkt vielleicht noch ein Bier und unterhält sich. Manche Gruppen haben sogar eine sogenannte Pilgertaufe. Neue Pilger werden symbolisch in die Gemeinschaft aufgenommen. Der Brudermeister macht sie unterwegs nass an einem Brunnen. Danach wird gemeinsam mit einem Schnäpschen angestoßen und oft geht man dann auch zum "Du" über. Bei den Wallfahrten gibt es eine gute Mischung aus Gebet, Stille, Gesprächen und Gemeinschaft. Manche Gruppen beten viel Rosenkranz, andere setzen stärker auf Gespräche oder stille Zeiten. Gerade auf anstrengenden oder monotonen Wegstrecken hilft das vielen Menschen.

„Mich hat beeindruckt, wie diese alte Benediktsregel auch heute noch modern gelebt wird. Dieser Gedanke hat mich dann nicht mehr losgelassen.“

—  Zitat: Bruder Daniel Blau

Frage: Sie begleiten die Gruppen das ganze Jahr über, haben aber natürlich auch viele andere Aufgaben, beispielsweise im Klosterladen oder in der Verwaltung. Wie schaffen Sie den Ausgleich zwischen "ora et labora" – beten und arbeiten?

Bruder Daniel: Eigentlich heißt es ja "ora et labora et lege", also beten, arbeiten und lesen. Denn die Lesung gehört auch zur benediktinischen Regel. Natürlich braucht es dafür gutes Zeitmanagement. Die Hauptpilgerzeit ist begrenzt von Christi Himmelfahrt bis zum Sonntag nach Fronloeichnam. Deshalb bleibt auch Raum für andere Aufgaben und für Freizeit. Ich versuche, feste freie Zeiten einzuplanen, etwa einen freien Nachmittag in der Woche oder einen sogenannten Wüstentag im Monat, an dem ich mich zurückziehen kann. Das hilft dabei, im Gleichgewicht zu bleiben.

Frage: Sie sind in Trier aufgewachsen und haben den Benediktinerorden schon früh kennengelernt. Wie kam es dazu, dass Sie eingetreten sind?

Bruder Daniel: Ich bin katholisch aufgewachsen, war Messdiener und in der Pfarrgemeinde aktiv. Die Benediktiner übernahmen damals die priesterlichen Dienste in meiner Pfarrei, dadurch kannte ich die Brüder schon früh. Während meiner Ausbildung zum Bürokaufmann kam ich durch einen Freund auf die Idee, für meine Zwischenprüfung zum Lernen ins Kloster zu gehen. Dort habe ich nicht nur gepaukt, sondern auch das Leben der Mönche kennengelernt. Mich hat beeindruckt, wie diese alte Benediktsregel auch heute noch modern gelebt wird. Dieser Gedanke hat mich dann nicht mehr losgelassen. Ich habe erst meine Ausbildung beendet und bin dann eingetreten – zunächst mit dem Gedanken: "Ich probiere es einfach aus." Und jetzt bin ich seit über 25 Jahren dabei.

Frage: Dieses Jahr steht auch ein runder Geburtstag bei Ihnen an. Wie blicken Sie auf Ihre bisherigen 50 Lebensjahre zurück?

Bruder Daniel: Ehrlich gesagt habe ich mir darüber noch gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich denke, es wird so weiter gehen, wie gehabt, getreu der alten kirchlichen Weisheit: "Auch wenn wir mal hinfallen, stehen wir immer wieder auf." Im Leben gibt es Höhen und Tiefen, und manchmal fällt man auch hin. Aber wichtig ist, immer wieder aufzustehen. Ich bin dankbar für vieles, was ich erleben durfte – für schöne Zeiten, aber auch für schwierige Phasen. Im Nachhinein merkt man oft, dass gerade die schweren Zeiten einen geprägt und weitergebracht haben. Vielleicht ist das ein kleines Fazit dieser 50 Jahre: dankbar zu sein für alles, was das Leben mit sich bringt.

Von Teresa Kammerlander