Der Katholikentag zwischen Regen und Reformen

Das Wetter wollte am Mittwochabend nicht mitspielen: Dunkle Wolken und strömender Regen begleiteten den Auftakt des Katholikentages am Abend. Mehrere tausend Menschen versuchten, mit ihren Schirmen dem Regen zu trotzen, als sie auf dem prunkvollen Würzburger Residenzplatz am Rande der Altstadt standen und sich nach einem Gefühl von Gemeinschaft sehnten. Bunte Regenschirme verwandelten den Platz zeitweise in ein farbiges Meer. Gefragt wie ungefragt machten einige Teilnehmer deutlich, dass der strömende Regen kein Hindernis für einen soliden Auftakt war.
Besonders eindringlich fanden sie die Appelle des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der Vorsitzenden des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, und des Gastgeber-Bischofs von Würzburg, Franz Jung. Dazu gehörte vor allem jener von Stetter-Karp, als sie an die deutschen Bischöfe und den Papst in Rom folgende Worte richtete, die von lautem Applaus begleitet wurden: "Wir sind da! Hier – auf diesem Katholikentag – lebt das Engagement und die Bereitschaft so vieler, gemeinsam mit Ihnen für eine Kirche einzustehen, die Zukunft hat."
"Wir sind da"
Ihre Ansage fiel zu einer Zeit, in der die Worte des Papstes noch immer nachhallen. Zum einen jene mit Blick auf die Spannungen rund um Segnungsfeiern zwischen der Kirche in Deutschland und dem Vatikan. Zum anderen jene aus dem Konflikt mit Washington hinsichtlich des Krieges, des Friedens, der Hassreden und der Demokratie. Doch zunächst zurück zu den Segensfeiern. Das oberste katholische Laiengremium in Deutschland, dem Stetter-Karp vorsteht, hatte bereits am Dienstag auf seiner Frühjahrsvollversammlung die Segensfeiern gleichgeschlechtlicher Paare verteidigt und die Sorgen des Pontifex als unbegründet dargestellt.
Das "Wir sind da" erinnerte zugleich an Aussagen der ZdK-Chefin nach der letzten Synodalversammlung in Stuttgart. Damals erklärte sie in einem Interview, dass sie nachvollziehen könne, dass es aufseiten der römischen Kurie machtpolitische Bedenken gebe, ein Gremium wie das ZdK als Gesprächspartner anzuerkennen. Zugleich habe sie den Eindruck, dass Papst Leo XIV. die katholischen Laien im Blick habe. Seit diesen Worten ist einiges passiert. Heiner Wilmer wurde beispielsweise zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Zugleich sorgten die jüngsten Spannungen um Segensfeiern und die erarbeitete Handreichung eines Dialoggremiums von ZdK und DBK erneut für Diskussionen innerhalb der Kirche.
Düstere Zukunft?
In einer anderen Sache allerdings herrscht weitgehend Einigkeit zwischen der Kirche in Deutschland und Rom – zumindest wenn es um Demokratie, Frieden und gesellschaftliche Spaltungen geht. Diese Themen bestimmten auch die Reden des Abends. Aufstehen für die Demokratie, hieß es. Mehr Zuversicht, demokratisches Engagement und gesellschaftlicher Zusammenhalt – gegen Resignation, Hass und Spaltung in der Gesellschaft. Das forderte auch der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Viele hätten das Gefühl, es ginge nichts mehr, die Zukunft könne nur düster sein. Gerade Christen müssten gegen Hoffnungslosigkeit aufstehen, lautete seine Devise. Auch der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der sich selbst als evangelisch-lutherischen Christen charakterisiert, bezeichnete Religion und Kirchen als wichtige Bollwerke gegen antidemokratische Kräfte und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ein Land ohne Glauben sei für Söder kaum vorstellbar.
Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken spricht beim Eröffnungsgottesdienst des Katholikentags auf dem Residenzplatz in Würzburg
Ein No-Go galt diesbezüglich der politischen Instrumentalisierung des Glaubens. So formulierte es etwa der Gastgeber-Bischof von Würzburg, Franz Jung, beim Eröffnungsgottesdienst des Katholikentages zu Christi Himmelfahrt. Trotz Starkregens versammelten sich rund 11.000 Menschen andächtig auf dem Würzburger Residenzplatz. Jung warnte davor, Religion für politische Zwecke zu missbrauchen. Deshalb brauche es den Widerspruch gegen Machthaber und gegen deren Versuche, politische Machtansprüche religiös zu legitimieren.
Doch nicht nur gesellschaftspolitische Statements wurden von der Hauptbühne formuliert. Die kirchenpolitischen Themen durften ebenfalls nicht fehlen. Aufstehen und Mut haben gelte auch für Reformen innerhalb der katholischen Kirche. Jung sagte dazu wörtlich: "Wir müssen mutig aufstehen, um die Fragen zu stellen, die jetzt nach einer Antwort aus dem Glauben harren. Die Frage nach der Stellung der Frau im Blick auf die kirchlichen Ämter. Die Frage nach einem tieferen Verständnis dessen, was Synodalität heißt. Die Frage, wie Missbrauch von Macht verhindert werden kann." Doch gerade bei den sogenannten "heißen Eisen", wozu auch die Frage nach kirchlichen Ämtern für Frauen zählt, äußerten manche Gefragten wie Nichtgefragten weiterhin Enttäuschung über ausbleibende Veränderungen. Oder etwas salopper formulierten sie es: Man werde (nicht nur wortwörtlich) im Regen stehen gelassen. Dennoch erhofft man sich von der Synodalität mehr Beteiligung, mehr Engagement und eine Kirche, die stärker auf die Vielfalt der Stimmen des Kirchenvolkes hört.
Stichwort Ökumene
Ein weiteres Stichwort, das bereits am Vorabend vom evangelischen Bundespräsidenten eingebracht wurde, war die Ökumene. Ein engeres Miteinander der Konfessionen – so formulierte er seinen Wunsch an die in Würzburg zusammengekommene (nicht nur) katholische Christenheit. Ihm zufolge seien Katholiken- und Evangelische Kirchentage Orte gelebter Ökumene. "Mehr Ökumene wagen", lautete sein Appell. Ob das auch eine Anfrage an das ressourcenintensive Spektakel ist – gar an beide? Vor allem angesichts einer Gesellschaft, in der weniger als die Hälfte noch zu einer christlichen Kirche gehört. Geht es nicht in Zukunft auch gemeinsam, mit einer, statt "getrennten" Stimmen? Doch die ökumenischen Kirchentage blieben bislang nur eine Ausnahme, mit immer länger werdenden Abständen: 2003, dann 2010 und schließlich 2021.
Er ist der Gastgeber-Bischof: Franz Jung beim Katholikentag in Würzburg.
Nun schreiben wir Mai 2026 in der fränkischen Barockstadt Würzburg. Wie es künftig mit den kirchlichen Großveranstaltungen weitergehen wird, ist immer wieder Diskussionsthema, auch wenn der 105. Katholikentag bereits geplant ist und vom 24. bis zum 28. Mai 2028 in Paderborn stattfinden soll. In Erinnerung bleiben wird einigen sicherlich der Wetterumschwung zum Auftakt des Katholikentages. Schließlich kommentieren immer wieder Menschen im Vorbeigehen die nicht gerade stabile Wetterlage. Mit dem "Gehet hin in Frieden" am Ende des Eröffnungsgottesdienstes drangen dann jedenfalls die ersten Sonnenstrahlen durch die dichten Wolken über Würzburg und leiteten dann doch sonnig über zur inhaltlichen Arbeit des Katholikentages. Menschenmengen machten sich durch die Straßen der Barockstadt auf zu den einzelnen Veranstaltungsorten quer durch die Stadt. Darunter immer wieder zahlreiche Ordensfrauen und -männer sowie Helferinnen und Helfer. Unter ihnen befanden sich auch immer mal wieder Persönlichkeiten aus der Gesellschaft und Politik, wie auch der prominenteste Gast, Bundespräsident Steinmeier.
Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nahm sich noch vor dem Podium über den Umgang mit Fakenews Zeit für einen kurzen Smalltalk – und schließlich für einen schnellen Tee. Über Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Umgang mit Fakenews dürfte in den kommenden Tagen intensiv diskutiert werden. Auch kirchenpolitisch zeichnen sich spannende Debatten ab – über Reformen, Synodalität, den deutschen Synodalen Weg und ökumenische Perspektiven unter Papst Leo XIV.