"Segen gibt der Liebe Kraft"

Ein Jahr Segenshandreichung: Noch immer Grund für Diskussionen

Veröffentlicht am 23.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Brüwer – Lesedauer: 

Bonn ‐ Heute vor einem Jahr wurde die Handreichung "Segen gibt der Liebe Kraft" veröffentlicht. Seitdem wird sie kontrovers diskutiert – ein einheitliches Vorgehen unter den deutschen Diözesen ist nach wie vor nicht in Sicht.

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In der nachrichtenreichen Zeit nach dem Tod von Papst Franziskus kam die Mitteilung völlig überraschend: Am 23. April – nur zwei Tage nach dem Tod des Kirchenoberhaupts – veröffentlichten die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) im vergangenen Jahr die Handreichung "Segen gibt der Liebe Kraft". Seelsorgerinnen und Seelsorger sollten mit dem Papier ermutigt werden, Paare zu segnen, die das Sakrament der Ehe nicht empfangen wollen oder können – etwa, weil die Partner das gleiche Geschlecht haben oder zivil bereits geschieden und wiederverheiratet sind. Auch wenn die Synodalversammlung bereits im März 2023 per Handlungstext den Auftrag für eine entsprechende Handreichung erteilt hatte, war mit einer Veröffentlichung in der Zeit der Sedisvakanz zumindest öffentlich nicht gerechnet worden.

Und auch ein Jahr später sorgt die Handreichung noch für Diskussionen. Denn nach wie vor gibt es keine einheitliche Linie in den deutschen Diözesen. Die Handreichung der Gemeinsamen Konferenz von Vertreterinnen und Vertretern von DBK und ZdK hat keine rechtliche Verbindlichkeit. Die Bischöfe können für ihre jeweilige Diözese also entscheiden, wie sie damit umgehen – und haben das verschieden gelöst. Im Rahmen des Monitorings der Beschlüsse des Synodalen Wegs meldeten sich 22 Bistümer zurück – 13 von ihnen gaben an, Segnungsfeiern zukünftig einführen zu wollen.

Handreichung "strategisch wichtig und inhaltlich gut"

Erst in dieser Woche wurde bekannt, dass auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx den Seelsorgerinnen und Seelsorgern seiner Erzdiözese in einem Brief die Handreichung als Grundlage des pastoralen Handelns empfohlen hat. "Allen Paaren, die sich lieben und für ihre Partnerschaft von der Kirche einen Segen erbitten, wünsche ich, dass sie in diesem Segen die Zuwendung Gottes spüren", heißt es in dem Schreiben. München und Freising dürfte damit das 14. Bistum sein, das sich die Handreichung zu eigen macht. 

Was konservativen Katholikinnen und Katholiken zu weit geht, stößt bei anderen auf Zustimmung: "Ich bin froh, dass wir die Handreichung seit einem Jahr vorliegen haben. Sie ist strategisch wichtig und inhaltlich gut", sagt Birgit Mock auf katholisch.de-Anfrage. Die Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins leite gemeinsam mit dem Aachener Bischof Helmut Dieser das Forum des Synodalen Wegs, das den bereits erwähnten Handlungstext ausgearbeitet hat. Zudem war sie gemeinsam mit dem Würzburger Bischof Franz Jung für die Evaluation der Beschlüsse des Reformprojekts zuständig. Gerade Seelsorgende hätten das Schreiben dringend erwartet, da sie zuvor "allein auf Grundlage ihres Gewissen entscheiden mussten, Paare, die um den Segen bitten, zu segnen und nicht abzuweisen".

Die Handreichung im Wortlaut

Die Handreichung "Segen gibt der Liebe Kraft" der Gemeinsamen Konferenz aus Deutscher Bischofskonferenz (DBK) und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) kann auf der Website des Synodalen Wegs im Wortlaut heruntergeladen werden. 

Das Fazit von Interessensvertretungen queerer Gläubiger fällt indes nüchterner aus – vor allem die uneinheitliche Umsetzung sorgt für Unmut: "Insgesamt sehen wir einen großen Flickenteppich an unterschiedlichen Umsetzungsständen und Umsetzungsformen von Segnungen in den deutschen Diözesen – bis hin zu weitgehender Verweigerungshaltung", kritisierte jüngst Hendrik Johannemann. Er ist Co-Sprecher des Katholischen LSBT+ Komitees und war Berater des von Birgit Mock geleiteten Sexualmoral-Forums des Synodalen Wegs. "Ein Flickenteppich unterschiedlichster Umsetzungsstände oder Nicht-Anwendungsformen lässt unsere Kirche unglaubwürdig und inkonsequent erscheinen", so Johannemann. "Wir fordern eine flächendeckende und vollumfängliche Umsetzung der Segenshandreichung."

Kurz nach der Veröffentlichung der Handreichung hatte sich im vergangenen Jahr bereits die Reforminitiative "OutInChurch" mit Kritik zu Wort gemeldet. An dieser hat sich auch nach einem Jahr nichts verändert. "Auch mit einem Jahr Abstand bleibt unsere Bewertung zwiespältig: Die Handreichung 'Segen gibt der Liebe Kraft' eröffnet erstmals einen gewissen pastoralen Spielraum und erkennt an, dass Segensfeiern für Paare wichtig sind", erklärt der Vorstand von "OutInChurch" auf katholisch.de-Anfrage. "Zugleich bleibt sie deutlich hinter den Beschlüssen des Synodalen Wegs zurück." Statt einer "frohen und großzügigen pastoralen Segenspraxis im Geist Jesu" vermittle der Text eher die Sorge vor klarer Abgrenzung zum Ehesakrament. Damit sei die Handreichung "ein Schritt in die richtige Richtung, aber längst keine ausreichende Antwort auf die Lebensrealität und den Glauben queerer Paare."

Verantwortlich für den engen Rahmen ist das vatikanischen Segensdokument "Fiducia supplicans". Darin erklärte Glaubenspräfekt Kardinal Víctor Manuel Fernández im Dezember 2023 – mit ausdrücklicher Genehmigung von Papst Franziskus – auch Paare in "irregulären Situationen" könnten gesegnet werden. Später stelle Fernández jedoch noch einmal klar, wie er sich solche Segnungen vorstellt: als "eine Angelegenheit von 10 oder 15 Sekunden". In der Diskrepanz zwischen diesen vatikanischen Wortmeldungen und den Beschlüssen des Synodalen Wegs bewegt sich auch die Handreichung der Gemeinsamen Konferenz.

Papst Leo XIV. spricht bei einer Generalaudienz
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani (Archivbild)

Queere Gläubige blicken bislang verhalten auf das noch junge Pontifikat von Papst Leo XIV. "Papst Leo hat offenbar kein Interesse daran, die römisch-katholische Kirche für queere Menschen zu einem besseren, sichereren, glaubensfreudigen Ort zu machen", sagt Hendrik Johannemann.

Dazu passen auch die unterschiedlichen Aussagen zur Abstimmung mit dem Vatikan im Vorfeld der Veröffentlichung der Handreichung. So erklärten die Verantwortlichen in Deutschland, der Text sei frühzeitig im Glaubensdikasterium angekündigt und die Rückmeldung Fernández' eingearbeitet worden. Der Glaubenspräfekt selbst betonte im Oktober, bei der Entwicklung des Textes habe es wenig gegeben, was als Konsultation bezeichnet werden könne. Einen Entwurf der Handreichung hatten die deutschen Bischöfe nach Rom geschickt – offenbar ohne um eine förmliche Genehmigung zu bitten.

Ein liturgisches Manual, das vom Synodalen Weg explizit gefordert wurde, schien den Verantwortlichen unter diesen Umständen offenbar nicht möglich. Diese Leerstellen versuchen Seelsorgerinnen und Seelsorger jetzt selbst zu schließen: Anfang April erschien ein Buch mit dem gleichen Titel wie die Handreichung der Gemeinsamen Konferenz: "Segen gibt der Liebe Kraft". Der Untertitel deutet bereits auf den Inhalt hin: "Paare, die sich lieben, werden gesegnet." Der Band versteht sich als "Collectio Rituum", als eine Sammlung von liturgischen Segensabläufen, die sich in der Praxis bereits bewährt haben. "Diese Beispiele mögen anregen, eigene Wege des Segens für Beziehungen zu finden, den Menschen die Nähe Gottes zu zeigen (Papst Franziskus), denn der Mensch ist in seinen Beziehungen segenswürdig und segensbedürftig", heißt es im Vorwort des Buches. "Es ist gut, wenn Kirche und die in ihrem Namen Handelnden, diesen Segen Gottes zusagen und mit den Menschen feiern."

Leo XIV. wolle Kirche nicht zu queerfreundlichem Ort machen

Ein Blick geht an dieser Stelle auch in den Vatikan, wo seit dem 8. Mai des vergangenen Jahres mit Leo XIV. ein neuer Papst im Amt ist. In einem im September veröffentlichten Interviewband bekannte das neue Kirchenoberhaupt sich zwar zu "Fiducia supplicans", lehnte feierliche Segnungsliturgien jedoch ab. "Papst Leo hat offenbar kein Interesse daran, die römisch-katholische Kirche für queere Menschen zu einem besseren, sichereren, glaubensfreudigen Ort zu machen", sagte Johannemann auf katholisch.de-Anfrage. "Um es klar zu sagen: Queeren Gläubigen ist nicht geholfen, wenn zwar in päpstlichen Wortmeldungen alle willkommen geheißen werden und angeblich niemand ausgeschlossen werden soll, die Lehre und gelebte Praxis aber an vielen Stellen eine völlig andere Sprache spricht." Seine Erwartungen an Papst Leo XIV. seien angesichts der Entwicklungen des ersten Jahres seines Pontifikats nicht sehr hoch. "Es wäre wahrscheinlich schon ein Erfolg, wenn er bereits vorgenommene Änderungen wie etwa eine gewandelte Haltung zu Segnungen nicht wieder zurücknimmt."

Der Vorstand von "OutInChurch" blickt ebenfalls verhalten auf das noch junge Pontifikat: "Wir nehmen derzeit eher vorsichtige und indirekte Signale wahr, die punktuell Öffnung erkennen lassen, aber keine klare Linie ergeben", heißt es auf katholisch.de-Anfrage. Für viele queere Gläubige bleibe daher unklar, wohin der Weg führe. "Wir erwarten, dass Papst Leo XIV. die Realität queerer Menschen in der Kirche konsequent ernst nimmt und Rahmenbedingungen schafft, die über symbolische Gesten hinausgehen hin zu echter Gleichwürdigkeit, Rechtssicherheit und einer verlässlichen pastoralen Praxis." Was aber die Umsetzung der Handreichung zu Segensfeiern anbelangt, müsse der Blick gar nicht zum Papst gehen: "Hier ist einfach jeder Bischof für sein Bistum gefragt und verantwortlich."

Von Christoph Brüwer