Missbrauchsbeauftragte fordert mehr Druck der Kirchen auf den Staat

Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, hat die Kirchen zu mehr öffentlichem Druck für staatliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt aufgefordert. Beim Katholikentag in Würzburg kritisierte sie am Donnerstag insbesondere fehlende politische Strukturen in den Bundesländern.
Aufarbeitung bedeute nicht allein strafrechtliche Verfolgung, sagte Claus in einer Diskussion mit dem Würzburger katholischen Bischof Franz Jung. Es gehe vielmehr um Rechenschaftspflicht, Verantwortungsübernahme und unabhängige Aufklärung. Ziel müsse eine nachholende Gerechtigkeit für Betroffene sein. Dafür brauche es staatliche Leitplanken und gesellschaftlichen Druck.
Kritik an Bayern
Claus zeigte sich zugleich überrascht, dass die Kirchen ihren politischen Einfluss aus ihrer Sicht nicht stärker nutzten, um unabhängige Aufarbeitungskommissionen auf Landesebene durchzusetzen. Mit Blick auf Bayern sagte sie, dort gebe es im Bereich Kinder- und Jugendschutz sowie sexualisierte Gewalt keine einzige Struktur, nicht einmal eine interministerielle Arbeitsgruppe. Sie forderte die Kirchen auf, ihre Forderungen gegenüber der Politik offensiver öffentlich zu vertreten. "Machen Sie es öffentlich, und ich stelle mich gerne an Ihre Seite", sagte Claus an Jung gerichtet.
Der Würzburger Bischof entgegnete, die katholische Kirche habe sich von Beginn an mehr staatliches Engagement bei der Aufarbeitung gewünscht. "Das wäre eine große Entlastung für alle gewesen", sagte er. Bis heute gebe es keine allgemein gültige Definition dessen, was Aufarbeitung eigentlich sei. Die 2020 geschlossene Vereinbarung zwischen der katholischen Kirche und dem Missbrauchsbeauftragten sei ein erster Schritt gewesen, um Leitlinien zu entwickeln. Zentral bleibe dabei die Frage, wie Unabhängigkeit gewährleistet werden könne.
Kirche sieht sich allein gelassen
Jung betonte zudem, die Deutsche Bischofskonferenz habe das Thema mehrfach gegenüber der Politik angesprochen. Zugleich kritisierte er mangelnde Unterstützung durch staatliche Stellen. Die Kirche könne die Aufgabe nicht allein bewältigen, wenn der Staat keinen klaren Rahmen schaffe. (KNA)