Was die Frömmigkeitsform uns heute sagen kann

Jesuit: Darum ist die Herz-Jesu-Spiritualität aktueller denn je

Veröffentlicht am 12.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Christoph Brüwer – Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Mit der Herz-Jesu-Spiritualität können selbst viele gläubige Menschen heute nicht mehr viel anfangen. Wie sich die Frömmigkeit auch heute erschließen lässt, erklärt Jesuit Dag Heinrichowski im katholisch.de-Interview.

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Darstellungen des Herzens Jesu wirken aus heutiger Sicht oft aus der Zeit gefallen und kitschig. Dabei kann diese Form der Spiritualität gerade heute anschlussfähig sein, sagt Jesuit Dag Heinrichowski. Im katholisch.de-Interview spricht er über die Frömmigkeitsform und den Zugang zum Heiligsten Herzen Jesu.

Frage: Pater Heinrichowski, ist die Herz-Jesu-Spiritualität heute nicht völlig aus der Zeit gefallen?

Heinrichowski: In gewisser Weise war sie immer aus der Zeit gefallen. Die Kernbotschaft, dass Gott ein Herz für uns hat, dass Gott uns in Liebe zugewandt ist, hat immer etwas Unzeitgemäßes. Ich glaube, dass jede Zeit in gewisser Weise ihre neue Sprache finden muss, um dieses wunderbare Geheimnis zu übersetzen. Es gibt sicher auch manche Herz-Jesu-Darstellungen, die uns heute fremd sind. Gleichzeitig glaube ich, dass das Herz als Symbol heute eine unglaubliche Konjunktur hat.

Frage: Wie meinen Sie das?

Heinrichowski: Denken Sie an die sozialen Medien oder an WhatsApp: Dort wird so viel mit einem Herz markiert. Oder Herzen auf Vorhängeschlössern an einer Brücke, die die Liebe zwischen Menschen ausdrücken. Deswegen ist das Herz heute ein Symbol, das jeder sofort versteht und weiß, was damit gemeint ist.

Frage: Trotzdem gab es Zeiten, in denen die Herz-Jesu-Spiritualität beliebter und verbreiteter war als heute. Woran liegt es, dass das Interesse zurückgegangen ist?

Heinrichowski: Es gab sicherlich Zeiten, in denen diese Art der Spiritualität den Menschen vertrauter war. Wir leben in einer Zeit, in der sich viele traditionelle Frömmigkeitsformen nicht mehr so klar erschließen oder zugänglich sind. Mit der Herz-Jesu-Frömmigkeit waren oft Spiritualitätsformen verbunden, die heute ein bisschen aus der Mode gekommen sind. Das sind so Begriffe wie Sühne oder eine Passionsfrömmigkeit, die uns heute eher fremd sind. Ich glaube aber auch, dass ganz viel in der Herz-Jesu-Spiritualität mitschwingt, das heute aktueller ist denn je.

Der Jesuit Dag Heinrichowski
Bild: ©Privat | Montage:katholisch.de

"Ich glaube, dass es heute einen neuen Umgang mit den Themen Verletzlichkeit und Verlust gibt und diese Themen anders Raum bekommen", sagt der Jesuit Dag Heinrichowski. "Aus meiner Sicht besteht die große Chance für das Herz Jesu darin, genau dieser Verletzlichkeit Raum zu geben." Der Jesuit ist Spiritual im Priesterseminar Sankt Georgen in Frankfurt. Außerdem ist er Verantwortlicher für das Weltweite Gebetsnetzwerk des Papstes in Deutschland.

Frage: Was denn?

Heinrichowski: Das Thema der Verletzungen zum Beispiel. Dieser Aspekt ist letztlich biblisch. Wenn wir an die Johannespassion denken: Dort sticht der Soldat Jesus, der bereits am Kreuz hängt, mit der Lanze in die Seite und Blut und Wasser quellen hervor. Damit beginnt mitten in dieser sinnlosen Gewalt etwas Neues – die Kirche und die Sakramente wie es die Tradition sagt. Ich glaube, dass es heute einen neuen Umgang mit den Themen Verletzlichkeit und Verlust gibt und diese Themen anders Raum bekommen. Aus meiner Sicht besteht die große Chance für das Herz Jesu darin, genau dieser Verletzlichkeit Raum zu geben.

Frage: Das klingt alles sehr abstrakt. Warum macht es denn Sinn, sich heute auf diese Weise Jesus zu nähern?

Heinrichowski: Ich glaube, dass die Herz-Jesu-Spiritualität es schafft, den christlichen Glauben zu vereinfachen und zu reduzieren auf eine zentrale Botschaft: Gott hat ein Herz für die Menschen. Das ist das Herz, das Jesus Christus gezeigt hat. Und das ist ein Herz, das Mitgefühl zeigt, das leidenschaftlich ist für uns Menschen, das sich berühren lässt. Daraus erwächst auch ein Auftrag an uns Christinnen und Christen: Wir sollten uns bemühen, unser Herz von Gott formen zu lassen, sodass auch unser Herz nicht eng und versteinert ist, sondern sich berühren lässt von den Verwundungen der Welt, die uns täglich begegnen. Diese Kernbotschaft ist bis heute aktuell.

Frage: Sie sind selbst Jesuit und gerade Ihr Orden wurde und wird mit dieser Frömmigkeitsform in Verbindung gebracht. Warum?

Heinrichowski: Das hat zunächst geschichtliche Gründe. Vor rund 350 Jahren gab es in der französischen Kleinstadt Paray-le-Monial eine Schwester namens Margareta Maria Alacoque, die Visionen vom Herzen Jesu hatte. Sie hatte Schwierigkeiten mit diesen Visionen umzugehen, die auch zu einer Art Sonderstellung im Konvent führten. Der Jesuit Claude La Colombière hat sie dann auf kluge Weise begleitet, ihr Glauben geschenkt und auch geholfen, mit diesen Visionen umzugehen. Er hat dadurch mitgeholfen, diese Frömmigkeitsform – die es auch vorher schon gab – zu einer öffentlichen und liturgischen Frömmigkeit werden zu lassen. Dadurch wurde später sogar das Herz-Jesu-Hochfest eingeführt. Es gibt aber auch eine inhaltliche Spur.

Frage: Und die wäre?

Heinrichowski: Uns Jesuiten sind die Exerzitien, also die Geistlichen Übungen unseres Gründers Ignatius von Loyola sehr wichtig. Dabei geht es auch darum, unsere Gefühle wahrzunehmen, mit Christus unterwegs zu sein und mit ihm zusammen das eigene Leben zu betrachten und das eigene Herz auf Ihn hin verändern zu lassen.

Papst Franziskus schreibt mit einem Kugelschreiber in ein Heft
Bild: ©KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani (Archivbild)

Die letzte Enzyklika von Papst Franziskus beschäftigte sich ebenfalls mit dem Herzen Jesu.

Frage: Ein prominenter Anhänger dieser Herz-Jesu-Frömmigkeit stammte ebenfalls aus ihrem Orden: Papst Franziskus. Seine letzte Enzyklika trug den Titel "Dilexit Nos. Über die menschliche und göttliche Liebe des Herzens Jesu Christi". Welche Bedeutung hatte das Herz Jesu für das ehemalige Kirchenoberhaupt?

Heinrichowski: Ich war zunächst überrascht, dass Papst Franziskus – mitten in der Weltsynode – dieses Thema in einer Enzyklika aufgegriffen hat. Für Franziskus ging es dabei um mehr als nur um eine Frömmigkeitspraxis. Er hat wirklich eine verwundete Welt gesehen in der Frage von Klimagerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit, dem "Weltkrieg in Stücken", wie er es nannte. Und der Weg vom Wahrnehmen dieser Verwundungen bis zum Herzen Jesu ist nicht weit. Übrigens greift auch Papst Leo diesen Faden auf – nicht nur durch sein erstes Schreiben "Dilexi Te" – in seinem Wappen findet sich ein brennendes Herz, das von einem Pfeil durchbohrt ist. Damit greift er ein Zitat des Heiligen Augustinus auf: "Mit deiner Liebe hast du mein Herz durchbohrt."

Frage: Wenn heute jemand zu Ihnen kommt und sagt: "Diese Herz-Jesu-Spiritualität finde ich spannend, aber ich finde keinen Zugang dazu." Was würden Sie dann raten?

Heinrichowski: Die Heilige Schrift kann ein Zugang sein – etwa die Emmaus-Geschichte (Lk 24, 13-35) oder die Stelle im Matthäus-Evangelium, an der Jesus sagt: "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid." (Mt 11,28) Ganz klassisch ist die Herz-Jesu-Spiritualität auch mit der Eucharistie und der Eucharistischen Anbetung verbunden. Dort kann ich mich mit meinen Verwundungen von Jesus anschauen lassen und mich seinem Herzen anvertrauen. Ein wenig alltäglicher ist der Herzensweg.

Frage: Was ist das?

Heinrichowski: Das ist ein spiritueller Weg mit neun Schritten, der im Rahmen des Weltweiten Gebetsnetzwerks des Papstes entstanden ist. Der erste Schritt ist dabei der Blick auf die Liebe, die ich erfahren habe. Das kann ein erster Zugang sein, um mich freizumachen von Bildern oder Erwartungen und mir im Rückblick auf mein eigenes Leben bewusst zu machen, welche Liebe ich erfahren habe und wofür ich dankbar sein kann.

Frage: Hat die Herz-Jesu-Frömmigkeit in diesem Sinne dann eine Zukunft?

Heinrichowski: Ja! Ich glaube, dass sie Zukunft hat und dass es sie immer braucht – gerade in der Welt, in der wir aktuell leben, die geprägt ist von Krieg, Gewalt, Chaos und Unberechenbarkeit. Dieser Aspekt der eigenen Verwandlung kann eine große Ressource sein in dieser Welt. Diese Botschaft wird immer Zukunft haben. Unsere Aufgabe liegt darin, immer neue Worte dafür zu finden.

Von Christoph Brüwer

Buchtipp

Dag Heinrichowski: Herz Jesu. Spiritualität aus und an der Seite Christi. Echter Verlag, Würzburg 2026, 96 Seiten, 14,90 Euro. ISBN: 978-3-429-06822-6