Liturgiewissenschaftler sieht Potenzial von Lobpreis trotz Kritik
Der Liturgiewissenschaftler Sebastian Pietsch verteidigt Lobpreis-Musik gegen den Vorwurf, den Glauben zu sehr zu vereinfachen. Vernichtende Urteile über die theologische und künstlerische Qualität von "Praise-and-Worship"-Liedern erzeugen für ihn die Gefahr, das große Potenzial dieser Musik für die Kirche zu übersehen, schreibt der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Paderborn in der Zeitschrift "Gottesdienst" am Montag. "Für viele Menschen, gerade jüngeren Alters und über konfessionelle Grenzen hinweg, eröffnet Lobpreis als musikalisches Symbol einen Klangraum für das heilvolle Wirken Gottes im eigenen Leben, was nicht selten gerade wegen der textlichen und musikalischen Schlichtheit der Musik ermöglicht wird", erläutert Pietsch.
Der Theologe verweist auf die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium", die zwar die Bedeutung der Gregorianik für den Gottesdienst hochgehalten habe, dabei aber den Gottesdienst für verschiedene musikalische Ausdrucksformen geöffnet hätte. Eine spezifische Form sei nicht der entscheidende Maßstab für Kirchenmusik, sondern die "Fähigkeit, sich mit der Liturgie der Kirche verbinden zu können". Zu den musikalischen Ausdrucksweisen, "die authentische Klangräume für die Begegnung mit Gott bilden", gehöre unzweifelhaft auch moderner Lobpreis. "Moderner Lobpreis ist somit eine mögliche Ausdrucksform, um von der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus zu zeugen, seine Gegenwart zu erfahren und auf seine Zuwendung in der Musik zu antworten", betont Pietsch.
Kritik kein Grund für pauschale Ablehnung
Damit will der Theologe Kritikpunkte an Lobpreis-Musik nicht kleinreden. Pietsch nennt als Vorwürfe ein manipulatives Potenzial durch veraltete Rollenbilder und theologisch problematische Gottesvorstellungen sowie eine zu starke Vereinfachung, die komplexe Wirklichkeiten nicht abbilden würde. Dazu käme eine musikalische Gestaltung, die sich durch "einfache, geradezu banale harmonische und melodische Strukturen" auszeichne. Er spricht sich vielmehr dafür aus, dass Theologie, Liturgiewissenschaft und Kirchenmusikforschung von einer Schwarz-Weiß-Malerei Abstand nehmen und sich um eine differenzierte Sicht bemühen. Wichtig sei, von Lobpreis-Musik keinen Automatismus für Gottesbeziehung zu erwarten und das liturgische Gebet nicht allein auf das Lob zu beschränken, sondern auch anderen Dimensionen wie Klage Raum zu geben.
Ein Jugend-Gottesdienst mit Worship-Elementen in Fulda.
Die von Kritikern angeführten Problemfelder seien aber kein Grund für eine pauschale Ablehnung von Lobpreis-Liedern. Auch in anderen Genres fänden sich Beispiele problematischer Elemente wie theologische Vereinfachungen. Solche Problemfelder "sollten als Anlass genommen werden, die schon seit langem in Gang gesetzte theologische und musikalische Weiterentwicklung des Lobpreises in der katholischen Kirche fortzuführen, um so die geistliche Qualität der Lieder weiter zu erhöhen und sicherzustellen". Wenn das gelinge, könne "moderner Lobpreis auch in Zukunft zu einer kirchenmusikalischen Vielfalt in der katholischen Kirche beitragen und von Gottes Handeln im Leben der Menschen zeugen", so Pietsch weiter.
"Eventisierung des Glaubens"
Im Interview mit katholisch.de hatte der Mainzer Professor für Kirchenmusik Hans-Jürgen Kaiser eine "Eventisierung des Glaubens" kritisiert: "Die Kirche hängt sich teils an modische Musik, um vermeintlich leichter an die Menschen zu kommen." Dabei blieben Glaubensinhalte auf der Strecke. "Das sieht man auch schon an den Texten, die sowohl literarisch als auch inhaltlich viel zu wünschen übrig lassen", so Kaiser weiter.
"Praise and Worship" ist eine in der charismatischen Bewegung entstandene Form von Musik, die sich musikalisch an zeitgenössischer Popmusik anlehnt. Ziel der Musik ist das Lob und die Anbetung Gottes in der Musik. Auch in der katholischen Kirche findet Lobpreis-Musik seit einiger Zeit größere Verbreitung, etwa in der Nightfever-Bewegung. (fxn)
