Ratzinger war kein Fan

Prophet wider Willen: Bob Dylan wird 85

Veröffentlicht am 24.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 
Prophet wider Willen: Bob Dylan wird 85
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Bonn ‐ Er hat vor dem Papst gespielt und den Literaturnobelpreis gewonnen. Er war Jude und wiedergeborener Christ: Bob Dylan ist ein Ausnahmekünstler. Religion spielt in seinem Leben wie in seiner Kunst eine große Rolle.

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"Ich bin mitten durchs Nirgendwo gelaufen, hab versucht, in den Himmel zu kommen, bevor sie die Tür zu machen", hat Bob Dylan schon vor gut 30 Jahren gesungen. Damals war er Mitte 50. Dass er damals selbst damit gerechnet hat, seinen 85. Geburtstag zu feiern, kann man kaum glauben, wenn man das düstere Album "Time out of Mind" aus dem Jahr 1997 hört. Mit dem Album begann nach eher durchwachsenen Jahren für Dylan ein vielbeachtetes Spätwerk.

In diesem Spätwerk zeigt sich eine gebrochene Spiritualität, nachdem Dylan im Laufe seiner Karriere heiße Phasen evangelikaler Erweckung ebenso wie Phasen der Rückbesinnung auf den jüdischen Glauben seiner Familie hatte. Am Anfang stand für den Nachfahren jüdischer Immigranten aus Odessa, der in Minnesota aufwuchs, aber nur die Musik. Seinen bürgerlichen Namen Robert Allen Zimmerman hat er früh abgelegt. Unter dem neuen Namen Bob Dylan in New York feiert er nur ein Fest, Weihnachten, sagt seine damalige Freundin Suze Rotolo über ihn.

Religiöse Motive finden sich regelmäßig bei Dylan

Religiöse Motive finden sich dennoch regelmäßig bei Dylan. Schon weil Dylan vor allem ein großer Sammler und Kompilator jeglicher literarischer Tradition ist. Immer wieder erhobene Plagiatsvorwürfe prallen an ihm ab: Dylan ist so verwoben mit den Motiven, die sein Werk tragen, dass kaum zu unterscheiden ist, was echter Dylan, was Zitat, was Anspielung und was bloße Kopie ist. Von Anfang an bis ins Spätwerk gehört die Religion für Dylan zu den Quellen, aus denen er schöpft – die Torah und die Bibel verwebt er so selbstverständlich, so respektlos und respektvoll in seinen Werken wie den Kanon der Literatur, der Popkultur, der Urgeschichte der modernen Musik. "Love and Theft", "Liebe und Diebstahl" kann man diese Methode mit seinem 2001er-Album nennen.

Wie in seiner Musik verschwimmen auch biographische Details zwischen historischen Fakten, Zuschreibung und Autofiktion. War sein Motorradunfall Ende der 60er der Auslöser dafür, sich auf seine jüdischen Wurzeln zu berufen? Kurz will er sogar darüber nachgedacht haben, nach Israel auszuwandern. Ist damals wirklich der kleine Kreuzanhänger auf die Bühne geflogen und hat ihn zu Christus bekehrt?

Der amerikansiche Sänger und Songwriter Bob Dylan in den 1960er Jahren.
Bild: ©picture alliance / ZUMA Press/g49

In New York feiert er nur ein Fest, Weihnachten, sagte seine frühere Freundin Suze Rotolo über Dylan in den frühen 1960ern.

"Je est un autre", "Ich ist ein anderer", die Zeile Arthur Rimbauds wird immer wieder zitiert, um der schillernden Figur beizukommen. Unter den vielen dokumentarischen und künstlerischen filmischen Biographien sticht Todd Haynes 2007 veröffentlichter Film "I'm Not There" heraus, der episodisch und entgegen jeder Linearität Schlaglichter auf Dylan wirft und die verschiedenen Personifikationen seiner vielen Facetten von verschiedenen Schauspielern und einer Schauspielerin zeigt. Dylan wird als Rimbaud dargestellt, als Billy the Kid, als Prophet und in weiteren Personifikationen.

Das Kreuz auf der Bühne jedenfalls läutet die evangelikale Phase ein. Bob Dylan ist jetzt ein Christ, born again, charismatisch wiedergeboren, evangelikal, explizit spirituell. Die Alben dieser Phase verstören die Fans – stärker, als der kontroverse Wechsel vom akustischen Folk zur E-Gitarre Ende der 1960er. (Ein enttäuschter Fan nannte ihn 1966 in Manchester "Judas" – der wutentbrannte Schrei ist noch heute auf den Aufnahmen zu hören.)

Schock des evangelikalen Coming Outs

Die drei Alben "Slow Train Coming" (1979), "Saved" (1980) und "Shot of Love" (1981) gelten als ein Tiefpunkt seiner musikalischen Karriere; nicht notwendig ein gerechtfertigtes Urteil, hört man die Alben aus 45 Jahren Distanz und ohne den Schock des evangelikalen Coming Outs: das kräftige, eindringliche "Gotta Serve Somebody" betont die Pflicht zur Entscheidung, die Pflicht, von der Freiheit Gebrauch zu machen: "Well, it may be the devil or it may be the Lord / But you’re gonna have to serve somebody", "Es kann der Teufel oder der Herr sein, aber irgendjemandem musst du dienen." Das Lied versöhnt mit den süßlichen Gospelchören des simplen – wenn auch mitreißenden – Lobpreisliedes "Pressing on". "The Groom's Still Waiting at the Altar" zeigt Dylan auf der Höhe seiner literarischen Kraft und zeichnet eine Apokalypse in dichten, opaken Metaphern, die an die großen, dunklen Rätsellieder wie "Visions of Johanna" oder "A Hard Rain's A-Gonna Fall" erinnern.

Drei Alben währt die Erleuchtung. 1983 heißt das nächste Album schon "Infidels", "Ungläubige": "Could be the Führer / Could be the local priest / You know sometimes Satan comes as a man of peace" ("Es könnte der Führer sein, es könnte der Pfarrer daheim sein / weißt du, manchmal kommt Satan als Mann des Friedens"), singt er darauf. Persönlich wendet sich Dylan wieder dem Judentum zu; er engagiert sich für die orthodoxe Chabad-Lubawitsch-Bewegung, seine Söhne gehen zur Bar Mitzwah, er wird in Synagogen gesehen. Immer wieder thematisiert er seinen Glauben, ohne sich festzulegen, ob er sich nun als Jude oder Christ versteht; 2009 veröffentlicht er ein Weihnachtsalbum, immer wieder singt er die Songs aus seiner christlichen Phase.

Bild: ©picture-alliance / dpa | epa Ansa Vatikan pool

Der amerikanische Sänger Bob Dylan und Papst Johannes Paul II. (v.r.) am 27. September 1997 beim Eucharistischen Kongress in Bologna.

Überhaupt, das Weihnachtsalbum: Wahrscheinlich ist "Christmas in the Heart" das kurioseste seiner Alben. Eine Ansammlung klassischer englischer Weihnachtslieder, die Dylan mit Reibeisenstimme doch weihnachtlich-lieblich vorträgt. Was soll das, fragten sich auch eingeschworene Fans. Im Interview darauf angesprochen, dass er ja wie ein echter Gläubiger singe und klinge, sagte Dylan lakonisch: "Naja, ich bin ein wahrer Gläubiger."

Dem Ausnahmekünstler konnte sich auch Papst Johannes Paul II. nicht entziehen. 1997 spielte Dylan in Bologna beim Eucharistischen Kongress vor 300.000 Jugendlichen, der Papst mit geschlossenen Augen, den Kopf in der Hand gebettet, Dylan im Cowboyhut mit Gitarre. Der damalige Kardinal Ratzinger fremdelte damit. "Ich war skeptisch und bin es in gewisser Weise noch immer, ob es wirklich richtig war, diese Art von 'Prophet' auftreten zu lassen", schrieb Ratzinger selbst, dann schon als Papst Benedikt XVI., in seinem Buch "Johannes Paul II., mein geliebter Vorgänger".

"Wie viele Wege führen zu Gott?" – "So viele wie es Menschen gibt"

Zwischen der Erinnerung als Papst und der Kritik als Kardinal wurde Ratzinger von Peter Seewald in einem der Interviewbücher gefragt: "Wie viele Wege führen zu Gott?" – "So viele wie es Menschen gibt", antwortete Ratzinger. Ein Dylan-Zitat im Duett? Klingt hier "Blowin' In the Wind" an? "How many roads must a man walk down before you call him a man?" – wahrscheinlich war es kein absichtliches Zitat. Aber Dylan dürfte dieses intertextuelle Spiel, in dem sich Stoffe und Andeutungen heraus- oder hineinlesen lassen, wohl gefallen.

Vor Papst Leo XIV. hat Dylan noch nicht gespielt. Interessiert sich Dylan gerade für Päpste? Zu Augustinus, dem der Papst als Ordensmann verbunden ist, hatte Dylan jedenfalls etwas zu sagen – wieder kryptisch, wieder intertextuell. "I Dreamed I Saw Saint Augustine" findet sich auf dem 1967er-Country-Album "John Wesley Harding". Lebendig habe er den heiligen Augustinus im Traum gesehen, "mit feuerigem Atem", und er träumt weiter: "Ich war unter denen, die ihn dem Tod ausgeliefert haben". Was hat dieses Stück mit dem heiligen Augustinus, wie man ihn kennt, zu tun? Wenig. Ein Märtyrer war Augustinus nicht. Das Lied greift den Anfang des Arbeiterkampflieds "Joe Hill" auf, das des Gewerkschafters gedenkt, der angeblich einen Polizisten getötet haben soll und deshalb zum Tod verurteilt wurde. Im Lied trägt Augustinus einen Mantel aus massivem Gold und eine Decke, es geht um das Böse und die Schuld. Kurzum: Es bleibt ein Rätsel. Welchen Augustinus der Augustiner Leo darin wohl erkennen würde?

Der Musiker Bob Dylan in einem Interview.
Bild: ©picture alliance/Everett Collection

Immer wieder deutet Dylan sich in Interviews selbst. Auch hier gilt: Was wahr und was gut erfunden ist, bleibt dunkel.

Die religiösen Referenzen finden sich jedenfalls noch im Spätwerk. Dylans bislang letztes Album, "Shadow Kingdom" aus dem Jahr 2023, hat schon im Titel wieder eine düstere Vorahnung. Kein neues Material ist auf dem Album, stattdessen Neueinspielungen alter Lieder, darunter das weniger bekannte "The Wicked Messenger", wieder aus "John Wesley Harding". Der Titel greift den gottlosen Boten, der Unglück bringt, aus dem Buch der Sprüche auf. Im Lied wird er vom Propheten Eli gesandt – der wiederum aus dem Buch Samuel stammt.

"Ich wollte nie ein Prophet oder Erlöser sein"

Wie so oft bleibt die Bedeutung des Lieds dunkel; ist Dylan selbst der "wicked messenger", der die ungebetene Wahrheit spricht? Schon auf dem bislang letzten Album mit neuen Liedern, "Rough and Rowdy Ways" (2020), taucht ein falscher Prophet schon im Titel eines Lieds auf. "I ain't no false prophet", "ich bin kein falscher Prophet", bekräftigt Dylan (er selbst oder das lyrische Ich?) im Refrain.

Dylan als Prophet, von Gott gesandt oder falsch – das ist ein Motiv, das immer wieder auftaucht. Im Spätwerk, bei Ratzinger, im Film von Haynes. Dylan selbst sagte dazu einmal in einem Fernsehinterview, dass die Rolle für ihn gar nicht passt: "Du bist einfach nicht der Mensch, für den dich alle halten, auch wenn sie dich ständig so nennen: 'Du bist der Prophet. Du bist der Erlöser.' Ich wollte nie ein Prophet oder Erlöser sein. Elvis vielleicht. Ich könnte mir gut vorstellen, er zu werden. Aber ein Prophet? Nein."

Von Felix Neumann