Prostitution eine "strukturelle Sünde"

Schwartz: "Die Scham gehört in die Gesichter der Sexkäufer"

Veröffentlicht am 28.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Geneviève Hesse – Lesedauer: 

Freising ‐ Der Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz fordert ein Sexkaufverbot nach dem Nordischen Modell – und wirft Kirche und Gesellschaft jahrzehntelanges Wegsehen vor. Ein Interview.

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Die Diskussion um den richtigen Umgang mit Prostitution gibt es schon so lange wie die Prostitution selbst. Renovabis-Hauptgeschäftsführer Pfarrer Thomas Schwartz erklärt im Interview, wie seine Ignoranz gegenüber dem Thema gewichen ist und warum die Kirche die Frauen nicht mehr als Sünderinnen sehen sollte.

Frage: Pfarrer Schwartz, sind Sie erst im Rahmen Ihrer Tätigkeit bei Renovabis mit dem Thema Prostitution konfrontiert worden? Hat es Sie überrascht oder hatten Sie sich als Moraltheologe schon früher Gedanken darüber gemacht?

Schwartz: Ich muss hier ehrlich und selbstkritisch antworten: Ja, die volle, brutale Realität dieses Systems ist mir erst bei Renovabis wie ein Schlag ins Gesicht begegnet. Als Moraltheologe hatte ich das Thema natürlich abstrakt auf dem Schirm – als ein ethisches Problemfeld unter vielen, abgehandelt in der Fachliteratur zwischen Fragen der Bioethik und der Soziallehre. Aber ich gestehe offen: In meinem bisherigen Lebensumfeld war Prostitution eine unsichtbare Randnotiz. Ich habe sie schlicht nicht wahrgenommen, weil ich das Privileg hatte, wegzusehen.

Frage: Was hat das Wegsehen bei Ihnen konkret unmöglich gemacht?

Schwartz: Meine Ignoranz ist sehr bald nach meiner Berufung zum Hauptgeschäftsführer von Renovabis zerbrochen. Wenn man die Berichte unserer Partner aus Osteuropa und von den Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen (die im Aktionsbündnis gegen Frauenhandel mitarbeiten) hört, wenn man die verweinten Augen der Frauen sieht, die aus den "Fabrikbordellen" oder "Sexwohnungen" deutscher Großstädte geflohen sind, dann wird aus einer moraltheologischen Fußnote eine blutende Wunde. Was mich am meisten überrascht und erschüttert hat, ist die industrielle Dimension und die eiskalte Marktlogik, mit der hier Menschenleben vernichtet werden. Ich habe gelernt, dass mein früheres Schweigen auch eine Form von Komplizenschaft war. Heute weiß ich: Wer die Augen vor der Prostitution verschließt, übersieht eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit mitten in unserer Gesellschaft.

Frage: Inwieweit sollte die Kirche Prostituierte weiterhin als Sünderinnen betrachten? Sündigen Prostituierte im selben Maß wie Sexkäufer, oder sollte – um Gisèle Pélicot zu zitieren – "die Scham das Lager wechseln"?

Schwartz: Ich sage es ganz deutlich: Ja, die Scham muss das Lager wechseln – und zwar sofort und radikal. Die Geschichte der Kirche ist leider voll von einer einseitigen Moralisierung, die die betroffenen Frauen als "Sünderinnen" an den Rand drängte, während die Käufer – die Männer der "guten Gesellschaft" – oft unbehelligt blieben. Das war und ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Wenn wir über Sünde sprechen, dann müssen wir über die "strukturelle Sünde" sprechen, die dieses System am Leben erhält. Die Frauen in der Prostitution sind in der überwältigenden Mehrheit Opfer von Armut, Zwang und Gewalt; sie handeln oft aus einer existenziellen Ausweglosigkeit heraus.

„"Die Geschichte der Kirche ist leider voll von einer einseitigen Moralisierung"“

—  Zitat: Pfarrer Thomas Schwartz

Frage: Würden Sie sagen, dass Prostituierte nicht sündigen?

Schwartz: Wo keine echte Freiheit ist, da gibt es auch keine moralische Schuld im klassischen Sinne. Die wahre Sünde liegt bei denen, die die Not dieser Frauen für ihre Lust ausnutzen, und bei denen, die als Profiteure und Hintermänner Milliarden damit verdienen. Die Scham gehört in die Gesichter der Sexkäufer, der Bordellbetreiber und einer schweigenden Gesellschaft, die dieses Elend als "normal" akzeptiert.

Frage: Hätte Jesus das auch so gesehen?

Schwartz: Ja, die Kirche muss sich hier an Jesus orientieren: Er hat die Ehebrecherin vor den Steinen der Pharisäer geschützt und die Heuchler entlarvt. Wir müssen die Frauen entkriminalisieren und sie als Subjekte der Barmherzigkeit und des Schutzes sehen, während wir die Täter und Käufer unmissverständlich beim Namen nennen. Es ist Zeit, dass die Kirche aufhört, auf die Frauen herabzusehen, und stattdessen beginnt, an ihrer Seite gegen die Schande des Sexkaufs zu kämpfen.

Frage: Warum hat sich die katholische Kirche bisher nur wenig zu dem Thema geäußert?

Schwartz: Ich sage es in aller Demut und Offenheit: Die Kirche braucht hier mehr Mut! Wir haben uns zu lange hinter theologischen Floskeln wie der Lehre vom "kleineren Übel" versteckt, die Frauen faktisch zu "Blitzableitern" für männliche Triebe degradierte. Das war ein theologischer und menschlicher Irrweg. Zudem hat eine tief sitzende Unfähigkeit und Angst, über Sexualität zu sprechen dazu geführt, dass die Perspektive der betroffenen Frauen in unseren Gremien schlicht nicht stattfand. Ich verstehe die aktuelle Lähmung vieler kirchlicher Vertreter. Nach den erschütternden Verbrechen sexualisierter Gewalt in unseren eigenen Reihen und dem oft katastrophalen Umgang mit den Betroffenen herrscht eine tiefe Verunsicherung. Man hat Angst, als "Moralapostel" aufzutreten, während das eigene Haus in Trümmern liegt. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Gerade weil wir als Kirche in der Vergangenheit versagt haben, dürfen wir jetzt nicht verstummen.

Bunt beleuchtet ist ein Bordell in Deutschland. Die Dunkelziffer von Zwangsprostituierten ist hoch.
Bild: ©dpa/Salome Kegler (Symbolbild)

Die Scham gehöre in die Gesichter der Sexkäufer, Bordellbetreiber und einer schweigenden Gesellschaft, sagt Pfarrer Thomas Schwartz.

Frage: Was würde das konkret bedeuten? Wie müsste Kirche heute handeln?

Schwartz: Wenn wir den Anspruch, auf der Seite der Opfer zu stehen, ernst meinen, dann müssen wir gerade jetzt die Stimme für die Frauen in den Bordellen erheben. Wir dürfen unsere eigene Scham nicht zum Vorwand für Untätigkeit machen. Ein opfersensibler Umgang bedeutet heute, die "lebendige Ware Frau" als das zu benennen, was sie ist: eine Wunde im Körper der Menschheit. Wir müssen als Kirche zur Anwältin derer werden, die keine Lobby haben. Das Nordische Modell ist die rechtspolitische Entsprechung zur biblischen Forderung nach Befreiung. Wer aus Angst vor Kritik schweigt, verrät das Evangelium. Wir müssen Stellung beziehen – klar, kantig und kompromisslos an der Seite der Frauen, die Opfer von Gewalt und Zwangsprostitution sind.

Frage: Wäre aus christlicher Sicht eine Form von Sexualität denkbar, bei der Geld eine Rolle spielt? Falls nicht: Warum verstößt es gegen die christliche Sexualmoral, wenn sich ein Mensch durch Geld Zugang zu Sexualität verschafft?

Schwartz: Meine Antwort ist ein kompromissloses Nein. Eine Sexualität, bei der Geld die Eintrittskarte ist, widerspricht allem, was wir als Christen unter der Würde der Person verstehen. In der christlichen Sexualmoral ist Sexualität niemals nur eine mechanische Handlung oder eine bloße Dienstleistung, die man wie eine Kilowattstunde Strom einkaufen kann. Sie ist im Kern als eine ganzheitliche Begegnung zwischen zwei Menschen gedacht, die auf Freiheit, Gegenseitigkeit und der rückhaltlosen Anerkennung der Würde des anderen beruht.

Frage: Nun argumentieren Befürworter der Prostitution oft mit der freien Entscheidung erwachsener Menschen. Warum reicht dieses Argument aus Ihrer Sicht nicht aus?

Schwartz: Geld zerstört diese Freiheit radikal. In dem Moment, in dem Geld fließt, kaufen wir uns nicht eine Dienstleistung, sondern wir erkaufen uns die Verfügungsgewalt über einen anderen Menschen. Wir machen das Gegenüber zum Objekt unserer Bedürfnisse. Das ist die Sünde der Instrumentalisierung: Der Mensch wird zum Mittel zum Zweck degradiert. Aus christlicher Sicht ist der Körper nicht vom Kern der Person trennbar; wer den Körper kauft, verletzt die Seele. Wer sich durch Geld Zugang zu Sexualität verschafft, simuliert eine Intimität, die in Wahrheit eine einseitige Machtdemonstration ist. Das ist ein ontologischer Betrug, der die Gottebenbildlichkeit des Menschen sowohl des Käufers als auch der Verkauften zutiefst beleidigt.

Von Geneviève Hesse