Judenfeindliche Kunst in Kirchen

Wenn der Kreuzweg der Gemeinde antijüdische Darstellungen beinhaltet

Veröffentlicht am 06.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Jennifer Brodt und Ayleen Over – Lesedauer: 

Paderborn/Höxter ‐ Biblische Bilder gibt es in den meisten Kirchen. Einige von ihnen zeigen aber auch judenfeindliche Stereotype – und das, obwohl sie nach den Erfahrungen der Shoah geschaffen wurden. Wie sollten Kirchen damit umgehen?

  • Teilen:

Auf den ersten Blick wirkt das Kreuzwegbild der St. Liborius-Kirche im westfälischen Steinheim wie jedes andere auch. Jesus liegt, nur mit einem weißen Tuch bedeckt, auf dem hölzernen Kreuz. Er blickt zu einem Mann auf der linken Seite, der gerade den Hammer in die Höhe schwingt und einen Nagel auf Jesus Hand platziert hat. Auf der anderen Seite hält ein weiterer Mann Jesus am Arm fest und scheint ihn hinunterdrücken zu wollen. Hinter ihm stehen zwei weitere Männer, die abfällig auf Jesus hinabschauen. Wer diese Männer sind, ist leicht erkennbar: Hakennasen und ein schelmisches Lächeln es sind stereotype und antisemitische Darstellungen von Juden, die den Mythos des Gottesmordes reproduzieren. Und das, obwohl dieses Bild erst 1954 geschaffen wurde, also neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts. "Es ist erschreckend zu sehen, wie präsent und gegenwärtig Antisemitismus in christlichen Bildern bis heute ist", erklärt Dirk Damm und schüttelt den Kopf.

Damm ist Projektleiter von "Spuren sichtbar machen", einer Initiative der Beratungsstelle Antidiskriminierungsarbeit der Diakonie Paderborn-Höxter. Bereits in den ersten acht Wochen des Projektes bekam er eine Meldung über antijüdische Inschriften an zwei Kreuzwegstationen in Willebadessen, einem kleineren Ort bei Paderborn. Er nahm unter anderem Kontakt zu den Antidiskriminierungsstellen der jüdischen Gemeinden in Düsseldorf und Dortmund auf, um sich fachlichen Rat zu möglichem Antisemitismus zu holen. Währenddessen erreichten ihn bereits drei weitere Meldungen. Die Notwendigkeit, aus dem lokalen ein landesweites Projekt zu machen, wurde für Damm und die Antidiskriminierungsstelle Nordrhein-Westfalen offensichtlich.

Urteil nicht übertragbar

Zeitgleich mit den ersten Meldungen wurde ein Fall antijüdischer Kunst öffentlichkeitswirksam vor Gericht diskutiert: der Fall der sogenannten "Judensau" in Wittenberg, die aus der Zeit um 1290 stammt. Dabei handelt es sich um ein Relief an der Südfassade der Wittenberger Stadtkirche, die ein Schwein zeigt, an dessen Zitzen Menschen mit Spitzhüten saugen und ein Rabbiner dem Tier in den Anus guckt. Spitzhüte wurden in der Kunst häufig genutzt, um Menschen jüdischen Glaubens zu kennzeichnen. Auch gelten Schweine im Judentum als unrein die Verspottung ist im Wittenberger Fall klar ersichtlich. "Der Bundesgerichtshof hat damals entschieden, dass diese juristische Störung in Wittenberg nicht nur durch Entfernen, sondern auch durch das Kontextualisieren und die Distanzierung von den Aussagen des Objektes gelöst werden kann", erklärt Damm. Das Problem: das Urteil konnte nicht auf andere Objekte übertragen werden. Doch nicht nur die juristische Frage nach dem richtigen Umgang stellt Damm vor eine Herausforderung. Sobald er Gemeinden über einen Fund informiere, begegneten ihm häufig "Leugnung, Abwehr, Aggression und Gegenangriffe", sagt er.

Ein weiteres Problem: Vor allem in bekannten Kirchen betrachten eine Vielzahl an Besuchern die Bilder. "Ohne Kontext werden die antijüdischen Klischees unkritisch reproduziert", so Damm. Antijüdische Klischees gibt es bereits seit dem Mittelalter. Die "Judensau" aus Wittenberg zum Beispiel gehört zu einer mittelalterlichen Darstellung: Aus dieser Zeit fallen weitere Motive auf, wie der "Judenhut", die Farbe Gelb als Symbol des Neids oder die Personifikationen "Ecclesia und Synagoga". Häufig werden Jüdinnen und Juden auch mit Hakennasen, geringem Augenabstand und wulstigen, markanten Gesichtszügen dargestellt. Gleichzeitig gehen die Bilder mit antisemitischen Klischees einher: die Juden werden als hinterlistig, verschlagen, triebhaft und unbelehrbar in ihren Aktionen dargestellt. Aber die Motive der Passion Christi wurden nicht nur im Mittelalter mit judenfeindlichen Darstellungen reproduziert: Auch nach dem Zweiten Weltkrieg tauchten weiterhin Motive in Kreuzwegen auf, die in Kirchen bis heute hängen, wie beispielsweise das Kreuzwegbild in St. Liborius von 1954. Der Grund: die Macher fertigten die Kreuzwege zwar nach der Schoah an, übernahmen in ihrer Lehre jedoch unreflektiert die Motive, die noch aus der Zeit vor oder während der Schoah gängig waren. Anders als in der bildenden Kunst kam laut Experten im handwerklichen Bereich eine wirkliche Auseinandersetzung mit judenfeindlichen Darstellungen zu kurz.

QR-Codes als Brücke

"Die Besitzerinnen und Besitzer der Objekte zeigten keine Ansätze, sich zu den Objekten angemessen zu verhalten, daher entstand unsere Idee, im virtuellen Raum eine Kontextualisierung zu erschaffen", sagt Dirk Damm. Er hält einen weißen Sticker hoch, darauf ist ein QR-Code abgebildet. Damm und seine Kollegen kleben diese in die Nähe des Objektes auf, ein direktes Anbringen am Kunstwerk ist ohne Erlaubnis nicht möglich. Sobald man den Code einscannt, gelangt man auf eine Webseite, auf der das Objekt erklärt wird. "Der Vorteil von diesen QR-Codes ist, dass sie eine Brücke zwischen der realen und virtuellen Welt sind. Man kann sie am Schaukasten oder der Bushaltestelle anbringen und die Leute werden neugierig", betont Damm. Er ist auch überzeugt, dass es diese Methode war, die zur erhöhten Aufmerksamkeit und einem erhöhten Meldeaufkommen führte. Ende März 2023 ging die Webseite online, bis Mai desselben Jahres hatte Damm über 100 Meldungen von möglicherweise antijüdischen Objekten auf seinem Schreibtisch.

Thomas Bennsmann hat eine Erfahrung mit dem Meldeportal gemacht. Bennsmann ist stellvertretender Pfarrer der St. Georg-Kirche in Paderborn. Im August 2023 erhielt er einen Anruf vom Generalvikariat: "Ich bin damals durch einen Referenten auf die Website 'Spuren sichtbar machen' aufmerksam geworden. Der Kreuzweg unserer Kirche war da erwähnt worden und der Referent warnte mich vor einem drohenden Shitstorm". Zwar ist Thomas Bennsmann schon 18 Jahre in der Gemeinde, doch war ihm die Darstellung niemals so aufgefallen. Durch ähnliche Fälle wird klar: So geht es den meisten Gemeindemitgliedern von betroffenen Kirchen. Den meisten Menschen ist die Bedeutung der stereotypischen Darstellungen nicht bewusst. Nach dem Anruf entschied sich Bensmann kurzerhand zu handeln und nahm die betroffenen Elemente, die Juden mit rassistischen Merkmalen wie einer leicht gelblichen Haut darstellten, selbst ab. Einige Tage darauf kam der Verwaltungschef der Kirche und nahm auch alle anderen Elemente des Kreuzweges von der Wand.

Skulptur einer sogenannten "Judensau"
Bild: ©KNA/Norbert Neetz/epd-bild (Archivbild)

Darstellung der mittelalterlichen "Judensau", in Stein gemeißelt, an der Stadtkirche Sankt Marien in Wittenberg.

Die Entscheidung, die Elemente aus der Kirche zu entfernen, sorgte in seiner Gemeinde für Diskussionen. "Die Kunst hing in der Kirche seit den 1940er Jahren und stammte auch aus dieser Zeit einige Gemeindemitglieder waren erst einmal nicht einverstanden mit dem Entfernen des Kreuzweges. Dennoch hat es etwas gebracht: Jetzt sind neben mir auch die Gemeindemitglieder sensibler für antisemitische Darstellungen in der Kunst", erklärt Bensmann. Die Gemeinde entschied, die Kunst unter der Kirche zu lagern, wo noch aus früherer Zeit ein Durchgang zur Sakristei der gegenüberliegenden Kaserne vorhanden ist. Die leeren Kirchenwände von St. Georg müssen nun neu befüllt werden. Eine Chance, mit dem Erbe reflektiert umzugehen. "Ich kann mir gut einen neuen Kreuzweg vorstellen, aber mich begeistert auch die Idee aus der Gemeinde, den alten so zu überarbeiten, dass die antisemitischen Darstellungen hinter geriffeltem Glas zwar noch da, aber nicht mehr erkennbar sind", hebt er hervor.

Am besten ist es, wenn man innerhalb der Gemeinde Kontakt aufnimmt, auf die Kunst aufmerksam macht und eine offene Dialogkultur schafft, sagen Experten. So veröffentlichten die katholischen (Erz-)Bistümer und die evangelischen Landeskirchen Nordrhein-Westfalens 2025 den Leitfaden "...und jetzt?", um betroffenen Gemeinden mit dem Umgang und den Herausforderungen zu helfen. Die Handreichung soll nicht nur Hilfsmittel zur Verfügung stellen, um "antijüdische Darstellungen wahrzunehmen, zu verstehen und mit ihnen aufmerksam umzugehen", sondern zeigt auch, wie man antijüdische Darstellungen erkennt. Zwar ist der Leitfaden eine Kooperation beider großer Kirchen. Doch auf dem Meldeportal von Dirk Damms Projekt fällt auf: die meisten gelisteten Kirchen sind katholisch. Dennoch, so betont Damm, sei die "römisch-katholische Lehre per se nicht judenfeindlicher als die protestantische". Es liegt eher an der Ausdrucksform, die mit der Judenfeindlichkeit zusammenhängt. "Die katholische Kirche arbeitet viel mit Bildern, wo ein judenfeindliches Bild natürlich schneller auffällt. Auf der protestantischen Seite zeigt sich der Antisemitismus eher in der sprachlichen und textlichen Form", erklärt Damm. Dazu komme, dass Kreuzwegbilder "so etwas wie der Hotspot (…) für judenfeindliche Botschaften" seien. Eine solche Darstellungstradition gibt es in der evangelischen Kirche nicht.

Eine Auseinandersetzung ist notwendig

Eine wichtige Frage bleibt jedoch auch für Dirk Damm bis heute offen: Wie kann es sein, dass einige der gemeldeten Fälle, wie die der Kunst in St. Georg Paderborn oder St. Liborius Steinheim, so unreflektiert nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust erstellt wurden? Für einen Moment ist er still und denkt nach. "Wo kommt denn die Annahme her, dass Judenfeindschaft und Antisemitismus ihren Ursprung im Nationalsozialismus haben?", stellt er als Gegenfrage. "Und woher kommt die Annahme, dass Judenfeindschaft mit Ende des Nationalsozialismus auf einmal weg gewesen wären?"

Dirk Damm ist sich bewusst, dass das Thema der antisemitischen Kunst für Kirchengemeinden nicht einfach ist. Zwar gebe es keinen "Königsweg" im Umgang mit der Kunst. Dennoch ist er überzeugt, dass eine Auseinandersetzung unausweichlich und förderlich ist. "Wir haben nicht die Intention, jemandem die Schuld zuzuweisen. Stattdessen wollen wir diese Beleidigungen abschaffen und so Jüdinnen und Juden in Deutschland unterstützen."

Von Jennifer Brodt und Ayleen Over