Standpunkt

Sexarbeit verbieten – und dann?

Veröffentlicht am 01.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Pater Max Cappabianca – Lesedauer: 

Bonn ‐ Ist das Nordische Modell die beste Lösung, um Menschen in der Sexarbeit zu helfen? Pater Max Cappabianca rät: Nicht Symptome bekämpfen, sondern das eigentliche Problem in den Blick nehmen.

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"Die Scham gehört in die Gesichter der Sexkäufer" – so klar und so eindeutig formuliert es Pfarrer Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer von Renovabis, im Interview mit katholisch.de. Prostitution sei eine "strukturelle Sünde", das Nordische Modell – Sexkauf unter Strafe stellen, Prostituierte entkriminalisieren – die "rechtspolitische Entsprechung zur biblischen Forderung nach Befreiung". Starke Worte. Und moralisch nicht falsch.

Trotzdem zögere ich – weniger als noch vor einigen Jahren, als ich mich hier zu Wort gemeldet habe. Die Debatte hat mich nachdenklicher gemacht. Und skeptischer gegenüber einfachen Lösungen.

Auch innerhalb der Kirche ist die Frage umstritten. Der Katholische Deutsche Frauenbund und SOLWODI fordern das Nordische Modell – Prostitution sei strukturelle Gewalt, kein Beruf. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) widerspricht: Ein Sexkaufverbot schütze niemanden, sondern die Falschen profitierten davon. Die Katholische Frauengemeinschaft (kfd) geht noch weiter: Sie unterscheidet zwischen selbstbestimmter Sexarbeit, die sie respektiert, und erzwungener Prostitution, die sie ablehnt. Drei katholische Frauenverbände – drei verschiedene Antworten.

Eines ist sicher: Sexarbeit wird es immer geben. Schon die Bibel weiß das – Frauen wie Rahab und Tamar zeigen: Es geht nicht darum, zu verurteilen, sondern zu verstehen, was Frauen in diese Lage bringt. Genau diese Frage sollte uns leiten.

Prostitution hat viele Täter. Aber solange wir nicht über Armut reden – vor allem die Armut von Frauen aus Osteuropa, die keine andere Wahl haben – reden wir am Kern vorbei. Wer diese Armut nicht bekämpft, löst das Problem nicht – sondern macht es nur unsichtbar.

Die Kirche sollte Anwältin der Schwachen sein, nicht Ordnungsmacht. Was die Frauen brauchen, sind Ausstiegsprogramme, soziale Sicherheit, Sprachkurse, Perspektiven. Kein Gesetz ersetzt eine ausgestreckte Hand.

Gut gemeinte Gesetze können grausam wirken, wenn sie die falsche Ursache bekämpfen. Prostitution ist nicht zuerst ein moralisches Problem – sie ist ein soziales. Solange eine Gesellschaft Frauen in Armut lässt und gleichzeitig den Sexkauf unter Strafe stellt, hat sie ihr Gewissen beruhigt, aber nichts gelöst. Das ist kein Fortschritt. Das ist ein gutes Gewissen auf Kosten der Schwächsten.

Von Pater Max Cappabianca

Der Autor

Max Cappabianca ist Mitglied des Dominikanerordens und unter anderem als Moderator von Kirchensendungen in Sat.1 tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.