Vatikanexperte zur neuen Präfektin: Eine Ernennung mit hohem Risiko
Etwas überraschend kommt es zu einem Personalwechsel im vatikanischen Dikasterium für die Kommunikation: Zum 1. November erhält die Medienzentrale des Papstes eine neue Leitung. Leo XIV. hat die mexikanische Journalistin und Präsidentin von "EWTN News", Maria Montserrat Alvarado, zur Präfektin ernannt. Nach der italienischen Ordensfrau Simona Brambilla, die Anfang 2025 von Papst Franziskus (2013–2025) an die Spitze des Dikasteriums für die Institute geweihten Lebens und die Gesellschaften apostolischen Lebens berufen wurde, ist sie damit die zweite Frau an der Spitze eines vatikanischen Dikasteriums. Von einer "radikalen Ernennung" spricht der Vatikanexperte und Franziskus-Biograf Austen Ivereigh. Im Gespräch mit katholisch.de erläutert er, vor welchen Herausforderungen das nach dem diplomatischen Dienst teuerste Dikasterium des Heiligen Stuhls steht – und welchen Kurs Papst Leo XIV. mit dieser Personalentscheidung einschlagen könnte.
Frage: Herr Ivereigh, was halten Sie von der Ernennung von Maria Alvarado zur neuen Präfektin des Dikasteriums für die Kommunikation?
Ivereigh: Es ist eine radikale Ernennung. Als die Nachricht bekannt wurde, waren die Menschen in Rom tatsächlich überrascht. Die Entscheidung war streng geheim gehalten worden und es hatte zuvor keinerlei Hinweise darauf gegeben, dass so etwas bevorstand. Inzwischen habe ich erfahren, dass Alvarado an der Einführung der Enzyklika Magnifica Humanitas in den Vereinigten Staaten beteiligt war und dabei eng mit Kardinal Michael Czerny zusammenarbeitete, der seit 2022 Präfekt des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen ist.
Es handelt sich also eindeutig um etwas, das über einen längeren Zeitraum vorbereitet wurde. Nachdem ich darüber nachgedacht und mit Personen gesprochen habe, die sie kennen, lautet mein Gesamturteil, dass dies eine Ernennung mit hohem Risiko ist, die aber sehr bedeutende Chancen bieten könnte. Mit anderen Worten: Es ist ein mutiger Schritt von Papst Leo.
Frage: Signalisiert ihre Ernennung eine konservativere Ausrichtung des Dikasteriums? Denn EWTN positioniert sich da ja sehr eindeutig.
Ivereigh: Alvarado ist sicherlich eine konservative katholische Amerikanerin. Doch diejenigen, die sie kennen, beschreiben sie als kirchlich geprägt und nicht als ideologisch. Ihre Hauptaufgabe wird darin bestehen, das Pontifikat von Papst Leo zu kommunizieren. Daher sind ihre persönlichen Ansichten letztlich zweitrangig und nicht der Grund für ihre Ernennung. Sie ist offensichtlich sehr fähig, energisch und motiviert und stammt aus einem sehr gefestigten mexikanisch-katholischen Elternhaus. Außerdem gilt sie weithin als äußerst kompetente Managerin.
Ihren Ruf erwarb sie sich durch den Aufbau des Beckett Fund, den sie von einer relativ kleinen und wenig bekannten Einrichtung zu einer bedeutenden Interessenvertretung für Religionsfreiheit entwickelte. Sie verfügt über starke Verbindungen zu konservativ-katholischen Kreisen in den Vereinigten Staaten, was helfen könnte, Brücken zwischen diesen Gemeinschaften und dem Papsttum zu schlagen. Gleichzeitig gibt es Bedenken, dass Organisationen wie das Acton Institute oder das Napa Institute, denen sie nahesteht, durch ihre Ernennung an Einfluss gewinnen könnten. Dabei handelt es sich um wohlhabende Institutionen mit sehr ideologischen Programmen, die nicht immer gut mit der allgemeinen katholischen Lehre vereinbar sind. Daher wird es wichtig sein, eine klare institutionelle Distanz zu solchen Gruppen aufrechtzuerhalten, um zu verhindern, dass einige der Polarisierungen, die die Kirche in den USA kennzeichnen, in die Weltkirche importiert werden. Aber Papst Leo dürfte sich dessen bewusst sein.
Austen Ivereigh ist Vatikanexperte, Journalist und galt als enger Vertrauter von Papst Franziskus. Im Gespräch mit katholisch.de sagt er zur Ernennung der neuen Präfektin: "Es ist ein mutiger Schritt von Papst Leo."
Frage: Alvarado leitete zuletzt EWTN News. Das Netzwerk wurde oft dafür kritisiert, Kritikern von Papst Franziskus eine Plattform zu bieten. Wie sah Franziskus EWTN?
Ivereigh: Wenn Papst Franziskus EWTN kritisierte, bezog er sich vor allem auf die Sendung von Raymond Arroyo, die berüchtigt ist für ihre unerbittlichen und uninformierten Angriffe auf das Pontifikat von Franziskus und inzwischen auch auf das von Leo. Alvarado wurde in eine Führungsposition bei EWTN berufen, nachdem Franziskus diese Kritik geäußert hatte. Meinem Verständnis nach bestand ein Teil ihrer Aufgabe darin, sich mit diesen antipäpstlichen Strömungen innerhalb des Netzwerks auseinanderzusetzen und EWTN stärker in die kirchliche Mitte zu führen.
Mir wurde aus verlässlichen Quellen berichtet, dass sie erhebliche Anstrengungen unternommen hat, Arroyos Sendung einzustellen, bislang jedoch ohne Erfolg, da Arroyo offensichtlich mächtige Unterstützer hat. Es ist möglich, dass ihr Bemühen, Arroyos Sendung zu beenden, mit ein Grund für ihre Ernennung war.
Frage: Viele Beobachter beschreiben sie als erfahrene Medienmanagerin. Was sind die wichtigsten Herausforderungen, denen sie sich im Dikasterium für die Kommunikation stellen muss?
Ivereigh: Das Dikasterium gilt weithin als reformbedürftig. Eine der wichtigsten Prioritäten wird die Internationalisierung sein. Gegenwärtig ist es noch weitgehend eine italienische Institution. Als 40-jährige Laienfrau, die sowohl Amerikanerin als auch Mexikanerin ist, spricht sie die beiden Sprachen, die heute die internationalen Sprachen der Kirche sind. Und natürlich spiegelt sie Leos eigenen globalen Hintergrund und seine Wurzeln in beiden Amerikas wider. Leo hat davon gesprochen, eine stärker missionarische Kommunikation zu wollen und zu brauchen, und ich sehe diese Ernennung als einen wichtigen Schritt zur Verwirklichung dieses Ziels.
Frage: Was bedeutet dieser Ansatz?
Ivereigh: Mit missionarischer Kommunikation meint Leo eine Kommunikation, die über die europäische beziehungsweise vatikanische Blase hinausreicht und tatsächlich in das Bewusstsein von Menschen auf der ganzen Welt eindringt – insbesondere auch außerhalb der Kirche. Magnifica Humanitas wurde von Nichtkatholiken und sogar von Nichtchristen in außergewöhnlichem Maße begrüßt und es ist wichtig, darauf aufzubauen. Was konkrete Veränderungen betrifft, so ist das Budget entscheidend. Es handelt sich um einen sehr kostspieligen Betrieb, der auf den Prüfstand kommen wird. Franziskus sagte dem Dikasterium oft, dass es darüber nachdenken müsse, wen es tatsächlich erreiche, und dass die hohen Budgets nicht ewig Bestand haben würden.
Frage: Vor welcher Herausforderung wird Alvarado nun stehen?
Ivereigh: Es könnte sein, dass sie ein größeres Budget benötigt, gleichzeitig jedoch in der Lage sein wird, zusätzliche Mittel zur Finanzierung einzuwerben. Ein Teil ihrer Reformarbeit wird sicherlich die vatikanische Nachrichtenorganisation betreffen, die viele Mitarbeiter und Übersetzer beschäftigt, sich aber – wie der gesamte Journalismus – schwierige Fragen zu Reichweite und Wirkung stellen muss.
Hinzu kommt die digitale Herausforderung: die Fähigkeit, große Zielgruppen schnell mit kurzen Videos zu erreichen, sowie die Notwendigkeit, mit Falschinformationen und Deepfakes umzugehen. Außerdem gab es immer wieder Fragezeichen hinsichtlich der Kosten und Wirksamkeit. Ich bin sicher, dass sie den Vatikan wesentlich präsenter in der heutigen Medienlandschaft machen möchte. Dabei wird ihr (relativ) junges Alter – sie ist 40 Jahre alt – von Vorteil sein.
Die neue Präfektin des Kommunikationsdikasteriums, Maria Montserrat Alvarado.
Frage: Glauben Sie, dass sie Erfolg haben kann, ein solcher Dikasterium umzukrempeln?
Ivereigh: Sie bringt große Vorteile mit: Sie ist sprachgewandt, eloquent – ein "Energiebündel", wie jemand sie beschreibt, der sie kennt – und offensichtlich sehr fähig. Aber für Außenstehende ist es schwierig, den Vatikan zu reformieren. Sie kennt den Vatikan noch nicht gut und muss Italienisch lernen, während sie gleichzeitig versucht, ein sehr italienisch geprägtes, tief verwurzeltes und zentrales Dikasterium zu reformieren – als junge Laienfrau in einer Welt, die von hochrangigen Kardinälen dominiert wird.
Deshalb fragen sich manche, ob sie Erfolg haben kann. All dies könnte jedoch erklären, warum die Ankündigung bereits sechs Monate vor ihrem Amtsantritt erfolgt ist – um Zeit für die notwendigen Anpassungen zu schaffen. Offensichtlich haben Papst Leo – der Berichten zufolge bereits mehrfach mit ihr zusammengetroffen ist – und Kardinal Czerny, der eng mit ihr gearbeitet hat, die Herausforderungen sorgfältig abgewogen und sind zu dem Schluss gekommen, dass sie ihnen gewachsen ist.
Frage: Alvarado ist erst die zweite Frau an der Spitze eines vatikanischen Dikasteriums. Deutet ihre Ernennung darauf hin, dass Papst Leo den von Franziskus eingeschlagenen Weg hinsichtlich von Frauen in Führungspositionen fortsetzen will?
Ivereigh: Ich denke, die Tatsache, dass sie eine Laienfrau ist, die eine bedeutende vatikanische Einrichtung leiten wird, ist sehr bedeutsam. Ihre Ernennung verankert die von Papst Franziskus eingeleiteten Reformen noch stärker. Wir warten natürlich noch auf eine lange Liste von Ernennungen in hohe Kurienämter, und vielleicht ist dies die erste einer ganzen Reihe von Bekanntmachungen. Meine Erwartung ist, dass wir unter Papst Leo eine entschlossene Internationalisierung des Vatikans erleben werden, damit dieser die globale und zunehmend multipolare Kirche von heute besser widerspiegelt.
Und dort, wo Laien und Ordensleute offensichtliche Fähigkeiten und Vorteile mitbringen, wird Leo auf sie setzen wollen. Allerdings ist es nicht leicht, hochqualifizierte Laienkandidaten zu finden, die starke Berufserfahrung mit einer soliden kirchlichen und theologischen Ausbildung verbinden und zugleich bereit sind, unter den Bedingungen des Vatikans zu arbeiten.
Frage: Welche Probleme gibt es diesbezüglich?
Ivereigh: Manchmal scheint es, als stünden die Internationalisierung und die Diversifizierung der Kurie im Widerspruch zueinander, weil es schwierig ist, Fachkräfte mit ihren Familien aus dem Ausland umzusiedeln – insbesondere bei Verträgen über fünf oder zehn Jahre. Mit diesem Vorbehalt – und dem noch wichtigeren, dass die meisten höheren Ämter die Weihe voraussetzen – erwarte ich dennoch, dass wir in den kommenden Jahren mehr Laien und mehr Frauen in führenden Positionen sehen werden.
