Vatikanexperte: Rom zu woke? Halte MAGA-Kirche für möglich
Die US-Einwanderungsbehörde ICE steht seit Wochen unter massivem Druck – nicht zuletzt nach dem tödlichen Schuss eines ICE-Beamten auf eine 37-jährige Frau in Minneapolis. Das führte zu einer anhaltenden Debatte über Polizeigewalt, den Einsatz von Bundesbeamten und die Durchsetzung der Einwanderungspolitik. Auch die US-Bischöfe hatten im November bei ihrer Herbst-Tagung die Einwanderungspolitik der Trump-Regierung kritisiert – ebenso Papst Leo XIV. Zugleich sorgt aber die geplante Auszeichnung von ICE-Direktor Tom Homan durch die Trump-nahe katholische Organisation "Catholics for Catholics" für heftige Kritik innerhalb der Kirche. Besonders der angekündigte „besondere Segen“ durch den früheren texanischen Bischof Joseph Strickland wirft Fragen nach der politischen Instrumentalisierung des Glaubens und nach der Einheit der katholischen Kirche in den USA auf. Im Interview mit katholisch.de spricht der Vatikanexperte und frühere enge Vertraute von Papst Franziskus, Austen Ivereigh, über die Rolle der MAGA-Bewegung, die Haltung der US-Bischöfe zur Migrationspolitik der Trump-Regierung und das jüngste Treffen des neuen Vorsitzenden der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Paul Coakley, mit Präsident Donald Trump.
Frage: Herr Ivereigh, eine katholische Interessensgemeinschaft verlieht dem ICE-Direktor Tom Homan, einen Preis – mit "besonderen Segen" des ehemaligen Bischofs der texanischen Diözese Tyler, Joseph Strickland. Warum ist das ein Problem?
Ivereigh: Es ist zutiefst schockierend, dass irgendein Bischof – noch dazu einer, der aus seiner Diözese entfernt wurde und als notorischer radikal-traditionalistischer Akteur gilt – es für angemessen hält, der Person, die am stärksten mit Trumps paramilitärischem Vorgehen gegen Migranten identifiziert wird, einen "besonderen Segen" zu erteilen. Und dies ausgerechnet in einer Woche anzukündigen, in der Homan und die Trump-Regierung dreist über die Tötung einer unschuldigen Frau durch ICE gelogen haben. Papst Leo und die US-amerikanische Bischofskonferenz sind sich einig in ihrer Verurteilung der Entmenschlichung vulnerabler Menschen – sowohl der "unterschiedslosen Massendeportation von Menschen" als auch der "entmenschlichenden Rhetorik", die die US-Einwanderungsbehörde begleitet, um die Worte der Erklärung der Bischöfe vom November zu zitieren.
Frage: Welche Botschaft senden Kleriker durch ihre Anwesenheit bei einer solchen Veranstaltung?
Ivereigh: Dass ihnen die Gemeinschaft mit ihren Mitbischöfen und mit Rom völlig gleichgültig ist und dass sie bereit sind, das Evangelium einer politischen Ideologie zu opfern. "Catholics for Catholics" ist eine MAGA-Tarn-Organisation, die das Papsttum heftig kritisiert und sich im Haus Trumps in Florida trifft. Das sagt eigentlich alles.
Austen Ivereigh ist Vatikanexperte, Journalist und galt als enger Vertrauter von Papst Franziskus.
Frage: Geht das in Richtung einer neuen MAGA-geprägten Form des Katholizismus in den USA?
Ivereigh: Christlicher Nationalismus hat im Westen eine lange Geschichte. Er entsteht dann, wenn die Kirche – oder Teile von ihr – vom Staat vereinnahmt und ausgehöhlt wird, gefügig und formbar gemacht wird und zum Sprachrohr der staatlichen Ideologie verkommt. Das kann natürlich nur geschehen, weil einige Kirchenführer sich von Ideologie und Macht verführen lassen und faktisch jene Autorität preisgeben, die Jesus seinen Aposteln übertragen hat, indem sie sie der politischen Macht unterordnen. Es gibt bereits ein "MAGA-Christentum" – überwiegend evangelikale Gruppen, die Trump wie einen christlichen Kaiser betrachten, der per Gesetz und mit Gewalt eine "christliche Nation" schaffen soll. Aber ich kann mir vorstellen, dass in Zukunft eine "MAGA-Kirche" entsteht: im Kern eine Gruppe von Katholiken, die mit Rom bricht und argumentiert, Rom sei "woke" und Trump – nicht der Papst – ihr eigentlicher Anführer. Sie hätten sogar ihre eigenen Kleriker, etwa jene, die von der "Coalition for Canceled Priests" unterstützt werden.
Frage: Das wäre denkbar?
Ivereigh: Das mag in einem Land weit hergeholt klingen, das stets für Religionsfreiheit stand – verstanden als Freiheit von staatlicher Patronage und Kontrolle. Doch in den Vereinigten Staaten unter Trump erleben wir immer mehr Dinge, die wir für unmöglich gehalten hätten.
Frage: Welche Rolle spielt dabei der durchaus medienaffine Bischof Robert Barron, der zuletzt Donald Trump öffentlich für den Tag der Religionsfreiheit dankte? Wörtlich: "Mehr als jeder andere Präsident in meinem Leben hat Trump die zentrale Bedeutung unserer ‚ersten Freiheit‘ anerkannt. Er versteht, dass, wenn die Religionsfreiheit bedroht ist, all unsere anderen Freiheiten in Gefahr geraten."
Ivereigh: Meine Lesart von Barron ist, dass er sich aus strategischen Gründen möglichst stark mit einer bestimmten Zielgruppe identifiziert: jungen Männern, die wütend oder desillusioniert sind und bei verschiedenen charismatischen Figuren – Menschen wie Jordan Peterson, Charlie Kirk oder Nick Fuentes – Orientierung suchen. Ich glaube, Barron konkurriert um dieselbe Gruppe und hofft, sie in die katholische Kirche zu führen. Dabei stehen ihm Spendengelder in Millionenhöhe zur Verfügung. Deshalb ist es leicht zu verstehen, warum er sehr selektiv darin ist, wen er kritisiert, und warum er zu dem schweigt, was für so viele von uns offensichtlich ist: dass die Vereinigten Staaten inzwischen von einem "unverhüllten Heidentum" regiert werden – jener libido dominandi, der Herrschsucht, vor der der heilige Augustinus gewarnt hat.
"Es ist zutiefst schockierend, dass irgendein Bischof – noch dazu einer, der aus seiner Diözese entfernt wurde und als notorischer radikal-traditionalistischer Akteur gilt – es für angemessen hält, der Person, die am stärksten mit Trumps paramilitärischem Vorgehen gegen Migranten identifiziert wird, einen 'besonderen Segen' zu erteilen", sagt Ivereigh.
Frage: Was ist seit der "besonderen Botschaft" der US-amerikanischen Bischofskonferenz geschehen? Hatte sie greifbare Auswirkungen, öffentlich oder innerhalb der Kirche?
Ivereigh: Ich denke, sie war ein sehr wichtiger, signalhafter Moment. Es war das erste Mal seit zwölf Jahren, dass die tief gespaltene Konferenz zu einer umstrittenen politischen Frage mit einer Stimme sprach – angeregt von Papst Leo, der als Amerikaner besonders genau weiß, was gerade geschieht. Die Botschaft setzte ein klares Zeichen und machte deutlich, dass die Regierung eine Grenze überschritten hat und dass Katholiken sich dem Geschehen nicht einfach abwenden können. Ebenso kraftvoll war das Zeugnis von Bischöfen, Klerikern und vielen Laien, die de facto ICE-Beamten widersprochen und verlangt haben, kirchliche Räume zu verlassen. Auch wenn dies Trumps Politik nicht gestoppt hat, hat es die Kirche meines Erachtens gestärkt – für eine Zeit der Prüfung, der Läuterung, die jetzt und in Zukunft immer mehr kommen wird, wie Jesus es Petrus in Lukas 22,31 ankündigt. An keiner anderen Frage wird das Evangelium so sehr auf die Probe gestellt. Wenn die Kirche die Würde des verletzlichen Fremden nicht verteidigen kann, wenn sie nicht anerkennt, dass mit Verwurzelung auch Rechte einhergehen, dann hat sie den Auftrag verfehlt, den Christus ihr gegeben hat.
Frage: Der neue Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Paul Coakley, war kürzlich bei Donald Trump im Weißen Haus. Glauben Sie, dass Themen wie katholische Unterstützung für ICE oder die weitergehenden moralischen Implikationen der aktuellen Einwanderungspolitik zur Sprache kamen?
Ivereigh: Über das Treffen wurde kaum mehr gesagt, als dass man über „Bereiche gemeinsamen Anliegens sowie über Felder für weiteren Dialog“ gesprochen habe. Mein Eindruck ist, dass Erzbischof Coakley eine Beziehung aufbauen wollte, auf der man weiterarbeiten kann – und dafür ist er zu loben. Das wird viel Geduld und Nachsicht erfordern. Was ich jedoch unglücklich fand, war das veröffentlichte Foto des Treffens: Erzbischof Coakley steht grinsend neben dem Schreibtisch des Präsidenten, während Trump sitzen bleibt. Das ist genau die Choreografie, die das Weiße Haus will, weil sie Trump wie einen Kaiser erscheinen lässt, umgeben von Untergebenen. Für die Kirche ist es jedoch eine unglückliche Optik, dies zu akzeptieren. Die Würde des Volkes Gottes ist nicht Gegenstand transaktionaler Politik. Der Dialog zwischen dem Präsidenten der US-Bischofskonferenz und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten sollte von gegenseitigem Respekt geprägt sein und die Anerkennung der Autonomie und Würde der Kirche durch den Staat widerspiegeln. Das Foto vermittelte das Gegenteil.
Frage: Hätte Erzbischof Coakley anders reagieren sollen?
Ivereigh: Beim nächsten Mal könnte er darauf bestehen, dass beide entweder sitzen oder beide stehen. Und falls Trump sich weigert, sollte das Treffen ausgesetzt werden – denn kein Dialog kann fruchtbar sein, wenn er nicht auf gegenseitigem Respekt beruht.
