Warum Kathedralen aus Klemmbausteinen begeistern
Bis zur endgültigen Fertigstellung der Sagrada Família in Barcelona wird es laut jüngsten Aussagen der Bauherren noch mindestens neun Jahre dauern. In den Wohnzimmern von Architektur- und Bastelfans könnte die weltberühmte Basilika dagegen schon in diesem Herbst vollendet werden. Schließlich hat die dänische Spielwarenfirma Lego vor wenigen Tagen ein neues Bau-Set "Sagrada Família" angekündigt, das bereits jetzt vorbestellt werden kann und ab dem 1. November ausgeliefert werden soll.
Das Set mit der Artikelnummer 21065 ist ein Bausatz der Rekorde: Mit 12.060 Teilen löst es – gemessen an der Zahl der Bausteine – die Lego-Weltkarte aus dem Jahr 2021 mit ihren 11.695 Steinen als größtes Lego-Set aller Zeiten ab. Und auch sonst ist die Sagrada Família von Lego rekordverdächtig: Im fertigen Zustand misst das Modell 62 Zentimeter in der Höhe, 47 Zentimeter in der Breite und 39 Zentimeter in der Tiefe. Man braucht zu Hause also Platz – ebenso wie Geld und Zeit, denn die geschätzte Bauzeit für das 749,99 Euro teure Modell wird mit 25 bis 35 Stunden angegeben. Das allerdings ist immerhin deutlich kürzer als die gut 150 Jahre des realen Vorbilds.
Sakrale Architektur fasziniert seit Jahrhunderten
Mit der Sagrada Família knüpft Lego an die Faszination an, die sakrale Architektur seit Jahrhunderten auf Menschen ausübt. Dass das Bau-Set der Basilika gerade jetzt auf den Markt kommt, ist dabei kein Zufall: Am Mittwoch jährte sich der Tod des Architekten Antoni Gaudí zum 100. Mal. An diesem Tag besuchte auch Papst Leo XIV. im Rahmen seiner Spanien-Reise das Gotteshaus. Der Pontifex feierte einen Gottesdienst und segnete den jüngst fertiggestellten Christusturm der Basilika, der mit seinen 172,5 Metern nun der höchste Kirchturm der Welt ist und damit nach mehr als 135 Jahren das Ulmer Münster vom Spitzenplatz verdrängt hat.
2024 brachte Lego die Pariser Kathedrale Notre-Dame auf den Markt – wenige Monate bevor das durch den Brand von 2019 schwer beschädigte Gotteshaus nach seiner Restaurierung wieder geöffnet wurde.
Die Verbindung von Sakralarchitektur und Klemmbausteinen – so der herstellerunabhängige Oberbegriff der Bausteine – ist längst kein Nischenphänomen mehr. Kirchen gehören schon seit Jahren zu den beliebtesten Vorlagen für Hersteller wie Lego oder das deutsche Unternehmen BlueBrixx. Bedeutende Gotteshäuser werden als Modelle mit tausenden Einzelteilen angeboten und von großen und kleinen Bauleuten in aller Welt nachgebaut. Die Modelle treffen offenbar einen Nerv: Sie sprechen nicht nur Sammler an, sondern auch Menschen, die sich für Geschichte, Architektur und Kulturerbe interessieren.
Gerade die Sagrada Família eignet sich dafür besonders gut. Kaum ein Kirchenbau besitzt eine ähnlich starke Symbolkraft. Seit 1882 wird an der Basilika gebaut. Als Gaudí 1926 starb, war nur ein kleiner Teil seines gewaltigen Entwurfs verwirklicht. Bis heute wird weitergebaut. Wer ab November den Lego-Bausatz in Händen hält, kann laut dem Unternehmen den tatsächlichen Bauverlauf der echten Basilika nachvollziehen. "Der Bau beginnt mit der Apsis und der Krypta als Fundament, führt über Gaudís ursprüngliche Geburtsfassade und die eindrucksvolle Passionsfassade hinauf zu den imposanten Kirchenschiffen, der Westsakristei und den sechs markanten Türmen. Im letzten Bauabschnitt wird das Modell durch die Ostsakristei und die Gloria-Fassade vervollständigt", so Lego. Die Gloria-Fassade soll auch beim realen Vorbild in einigen Jahren den Abschluss der Bauarbeiten markieren.
Notre-Dame, Frauenkirche, Petersdom
2024 brachte Lego bereits die Pariser Kathedrale Notre-Dame auf den Markt – wenige Monate bevor das durch den verheerenden Brand von 2019 schwer beschädigte Gotteshaus nach seiner Restaurierung wieder vollständig für Besucher geöffnet wurde. Das Set umfasst 4.383 Teile und zeichnet – ebenso wie bei der Sagrada Família – nicht nur die Architektur des Bauwerks nach, sondern erzählt auch dessen Geschichte: Auch hier folgt die Bauanleitung den historischen Bauphasen von der Grundsteinlegung im 12. Jahrhundert bis zur Gestalt der Kathedrale vor dem verheerenden Feuer. Dach und Türme lassen sich abnehmen, um Einblicke in das Innere zu ermöglichen.
BlueBrixx wiederum bietet unter anderem Modelle des Kölner Doms (der offiziell allerdings nur als "Domkirche" vermarktet wird), der Dresdner Frauenkirche und des Petersdoms inklusive der Bernini-Kolonnaden an. Gerade die Frauenkirche in Dresden besitzt dabei eine besondere Geschichte. Ihr Wiederaufbau nach der Wiedervereinigung wurde weltweit als Symbol für Versöhnung und Neuanfang wahrgenommen. Wer heute ein entsprechendes Modell zusammensetzt, baut damit nicht nur eine Kirche nach, sondern auch ein Stück deutscher Erinnerungskultur.
Auch der Petersdom mit dem vorgelagerten Petersplatz ist als Modell aus Klemmbausteinen erhältlich.
Die Beliebtheit solcher Modelle wirft eine interessante Frage auf: Warum faszinieren Kirchen aus Klemmbausteinen so sehr? Ein Grund liegt sicherlich in ihrer opulenten Architektur. Kathedralen zählen zu den komplexesten Gebäuden der Menschheitsgeschichte. Ob gotische Gewölbe, reich verzierte Türme, Rosettenfenster oder die organischen Formen der Sagrada Família – die Bauleute der Modelle stehen wie bei den realen Vorbildern vor besonderen Herausforderungen. Gleichzeitig besitzen berühmte Gotteshäuser einen hohen Wiedererkennungswert. Selbst Menschen ohne religiöse Bindung verbinden mit Notre-Dame, dem Kölner Dom oder dem Petersdom bestimmte Bilder und Erinnerungen.
Hinzu kommt die symbolische Ebene. Kirchen sind mehr als nur architektonische Sehenswürdigkeiten. Sie erzählen von Glauben, Kultur und Geschichte. Wer eine Kathedrale aus mehreren tausend Steinen zusammensetzt, rekonstruiert gewissermaßen auch ein Stück europäischer Erinnerungskultur. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen sakrale Räume eher als Touristen denn als Gläubige besuchen, können solche Modelle einen neuen Zugang zu den Bauwerken eröffnen. Kirchen aus Klemmbausteinen stehen damit an einer bemerkenswerten Schnittstelle zwischen Spiritualität, Kulturgeschichte und Popkultur. Was einst als Kinderspielzeug begann, hat sich längst zu einem Medium entwickelt, mit dem sich historische Bauwerke neu entdecken lassen. Die Kathedralen Europas werden dabei zu Objekten eines Hobbys, das Geduld, Konzentration und Begeisterung für Architektur verlangt.
Kommerzialisierung des religiösen Erbes?
Gleichwohl zeigt der Boom der Kirchenmodelle auch eine gewisse Ambivalenz. Aus heiligen Orten werden Konsumgüter. Die Sagrada Família kostet als Lego-Modell fast so viel wie ein Kurzurlaub in Barcelona. Manche Kritiker sehen darin eine Kommerzialisierung des religiösen Erbes. Andere argumentieren dagegen, dass solche Modelle Interesse an Architektur und Geschichte wecken und Menschen auf Bauwerke aufmerksam machen, die sie sonst vielleicht nie näher betrachtet hätten.
Tatsächlich schließen sich beide Perspektiven nicht aus. Die Kathedralen Europas sind längst Teil einer globalen Kultur geworden, die religiöse, historische und ästhetische Dimensionen miteinander verbindet. Das gilt für die echte Sagrada Família ebenso wie für ihr Gegenstück aus Kunststoff.
