Himmelklar – Der katholische Podcast

Geistliche Leiterin: "Ich bin Feministin und Katholikin"

Veröffentlicht am 17.06.2026 um 00:30 Uhr – Von Hilde Regeniter – Lesedauer: 

Köln ‐ Seit Jahresbeginn ist die Theologin Lisa Quarch vom Bistum Limburg zum BDKJ gewechselt. Dort wirkt sie als erste Frau in der geistlichen Leitung. Im Interview spricht sie über ihren Weg sowie Feminismus und Kirche.

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Sie bezeichnet sich selbst als "Katholikin und Feministin". Den christlichen Glauben, sagt Lisa Quarch weiter, kann sie nur als emanzipatorisch verstehen, als einen, der alle Menschen freimachen kann und will. Seit Beginn des Jahres ist die Pastoralreferentin jetzt geistliche Leiterin beim Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) – als erste Frau überhaupt. Dass sie in ihrem vorherigen Job beim Bistum Limburg für digitale Glaubenskommunikation zuständig war, hilft ihr auch im neuen Amt. Lisa Quarch ist selbst viel in den sozialen Netzwerken unterwegs und erklärt im Interview, wie sie Feminismus und Kirche zusammendenkt.

Frage: Sie sagen, dass Sie sich das Christentum nur emanzipatorisch vorstellen können. Was heißt das denn?

Quarch: Wenn ich mir die ganze Geschichte Gottes mit der Menschheit anschaue, wenn ich anfange bei der Schöpfungsgeschichte und dann zur Geschichte vom Volk Gottes in Israel und seiner Befreiung komme; wenn ich an die ganze Geschichte des Volkes Gottes mit Gott und die Geschichten um Jesus bis hin zu seiner Auferstehung denke, sehe ich eine große Geschichte der Befreiung. Ich interpretiere das so: Gott möchte, dass wir immer freier werden, dass wir wir selbst sein und alle zu den Personen werden können, als die Gott uns gedacht hat. Das heißt für mich, frei zu sein, das ist für mich emanzipatorisch und auch feministisch.

Frage: Ich erlebe Sie als selbstbewusste, reflektierte junge Frau. Und Sie betonen Sie immer wieder, dass Sie sich als Feministin sehen. Wie passt das zur katholischen Kirche, also einer Institution, die bis heute die eigentlichen Entscheidungspositionen an Weiheämter knüpft und damit ausschließlich an Männer vergibt?

Quarch: Ich bin Feministin und Katholikin. Wenn ich mich so vorstelle, erlebe ich immer wieder, dass die Leute mit Irritation reagieren. Das kann ich gut verstehen, einfach weil tatsächlich eine Spannung da ist. Es ist etwas, was irritieren kann.  Für mich ist es aber überhaupt kein Widerspruch, denn meine spirituelle Heimat ist die katholische Kirche. Auch meine Theologie ist in der katholischen Kirche verwurzelt. Der Ort, an dem ich gerne glauben und leben möchte, ist die katholische Kirche.

Gleichzeitig bin ich Feministin und sehe auch innerhalb der katholischen Kirche viele andere Frauen und Männer, die ebenfalls feministisch sind. Sie haben ähnliche Vorstellungen und Erfahrungen von und mit Gott, verstehen sich auch als Feministen und Katholiken. Das bestätigt mich darin, an dieser Stelle keinen Widerspruch zu sehen. Wenn ich den Menschen das erkläre und sie sich auf meine Perspektive einlassen, verstehen sie das meist auch. 

Frage: Auf der anderen Seite kehren gerade auch junge Frauen der katholischen Kirche den Rücken, weil sie sich nicht gesehen, nicht berücksichtigt, nicht ernst genommen fühlen. Können Sie die verstehen?

Quarch: Natürlich kann ich sie verstehen. In meinen Augen ist es so: Wenn ein komplexes System wie die katholische Kirche sich verändern muss – und ich glaube, dass sie sich verändern sollte – braucht es auf der einen Seite Menschen, die gehen und dadurch Druck erzeugen. Es braucht auf der anderen Seite aber auch Menschen, die bleiben. Ich möchte ganz bewusst eine von denen sein, die bleiben. Ich kann aber auch jede Person verstehen, die sagt: Für mich ist es nicht der richtige Ort, weil es vielleicht Verletzungen gab oder gibt. Ich kann verstehen, wenn eine Person das Gefühl hat, dass dieses System, in dem es auch strukturelle Diskriminierung von Frauen oder von queeren Personen gibt, nicht der Ort ist, an dem sie glauben und leben kann und der sie freier macht. Dann kann es für diese Person die richtige Entscheidung sein, zu sagen: Ich möchte gerne an einem anderen Ort sein, an einem anderen Ort glauben oder vielleicht auch nicht glauben, so dass ich frei sein kann.

„Ich bin Feministin und Katholikin. Wenn ich mich so vorstelle, erlebe ich immer wieder, dass die Leute mit Irritation reagieren. Das kann ich gut verstehen, einfach weil tatsächlich eine Spannung da ist.“

—  Zitat: Lisa Quarch

Frage: Sie sagen, die katholische Kirche ist Ihre spirituelle Heimat. Was genau verstehen Sie darunter?

Quarch: Mir sind zum Beispiel die sieben Sakramente sehr wichtig, auch weil sie das Leben strukturieren. Und ich gehe sehr gern zur Messe. In meinem Glauben und darüber hinaus sind mir Rituale wichtig, Rituale aus meiner Glaubenspraxis heraus, aus denen ich viel Kraft schöpfen kann. Ich kann mich darin zu Hause fühlen und Gott begegnen. Wichtig für meine Spiritualität und meine Theologie ist auch, dass es neben der Bibel noch andere Erkenntnisorte über Gott gibt. Dass es eben nicht nur die Bibel gibt und wir daraus alles, was wir an Glaubensthemen oder auch Erkenntnissen über Gott haben, ableiten. Sondern dass es neben der Bibel auch die Kirchengeschichte und das Lehramt, also die Auslegung der Bibel, gibt. Das ist mir in meinem Glauben sehr wichtig, weil ich immer wieder spüre, ich treffe Gott an ganz vielen unterschiedlichen Orten. Ich treffe Gott in der Bibel, was ein wichtiger Teil auch meines Glaubenslebens ist, aber eben auch in spirituellen Praktiken, die sich aus der Kirchengeschichte heraus ergeben. Ich habe an der Jesuitenhochschule Sankt Georgen studiert und bin eng mit der Spiritualität von Ignatius von Loyola und damit mit der Spiritualität der Jesuiten in Kontakt gekommen. Für mich sind zum Beispiel die Exerzitien total wichtig. Einmal im Jahr fahre ich in ein Kloster, am liebsten irgendwo im Wald und mache mein Handy aus. Dann habe ich gar keinen Input von außen, sondern kann einfach nur in der Stille Zeit mit Gott verbringen. Daraus ziehe ich das ganze Jahr über Energie.

Frage: Im vergangenen Herbst sind Sie in ein katholisches Spitzenamt gewählt worden. Am 1. Januar haben Sie die geistliche Leitung beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) übernommen. Das war etwas Besonderes, denn Sie sind als erste Frau in diese Position gewählt worden…

Quarch: Genau. Vorher war das Amt Priestern vorbehalten. Während der letzten Amtszeit meines Vorgängers ist aber die Satzung so geändert worden, dass auch Personen gewählt werden konnten, die nicht unbedingt Priester sind, also auch Frauen. Ich habe dann kandidiert und bin gewählt worden. So ist es dazu gekommen.

Frage: Bevor Sie sich überhaupt zur Wahl stellen konnten, musste die Deutsche Bischofskonferenz zustimmen. Dass sie das nicht automatisch tut, hat der Fall Viola Kohlberger gezeigt, die für ein hochrangiges Amt bei den Pfadfindern kandidieren wollte, aber kein grünes Licht von den Bischöfen bekommen hat. Wie hat es sich für Sie angefühlt, dass all diese deutlich älteren Männer über Ihre Person entscheiden sollten?

Quarch: Wir wissen ja bis heute nicht genau, warum Viola Kohlberger eigentlich keine Mehrheit gefunden hat. Das hat mich schon ein bisschen nervös gemacht, einfach weil es nicht transparent war. Denn wenn ich keine Mehrheit gefunden hätte, hätte ich gar nicht erfahren, warum eigentlich nicht. Es gab auch keinen Moment, wo ich mich vor der Bischofskonferenz hätte vorstellen, Fragen beantworten oder Zweifel beseitigen können. Da war ich schon nervös. Gleichzeitig habe ich mir nicht wirklich Sorgen gemacht. Denn ich hatte vorher Gespräche mit einigen Bischöfen, ein längeres zum Beispiel mit Jugendbischof Wübbe, der mich auch vorgestellt hat. Auch mit anderen Bischöfen hatte ich Kontakt gehabt. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass meine Person und die Art und Weise, wie ich Katholischsein und diesen Beruf repräsentiere, wahrscheinlich unstrittig sind. Natürlich habe ich aber auch gedacht: Wer mich googelt, stößt sofort auf den Begriff "Feministin", was sicher nicht jedem gefällt.  Also war da eine gewisse Unsicherheit. Trotzdem habe ich darauf vertraut, dass es gutgehen wird. Das ist es ja zum Glück auch.

Lisa Quarch, neue Geistliche Leitung des BDKJ-Bundesverbandes
Bild: ©BDKJ-Bundesstelle/Christian Toussaint

"Mir sind zum Beispiel die sieben Sakramente sehr wichtig, auch weil sie das Leben strukturieren", sagt Quarch.

Frage: Die Bischöfe haben nämlich zugestimmt. Hatten Sie denn einen Plan B?

Quarch: Mein Plan B wäre gewesen, in meinem Beruf zu bleiben. Ich habe sehr gerne als Pastoralreferentin im Bistum Limburg gearbeitet. Ich bin da nicht weggegangen, weil ich gerne dort wegwollte. Ich bin da weggegangen, weil ich das Gefühl hatte, ich möchte das beim BDKJ gerne ausprobieren, dem eine Chance geben und meine nächsten Jahre darein investieren. Wenn das aber nicht geklappt hätte, hätte ich sehr gerne weiter im Bistum Limburg gearbeitet, hätte gerne weiter digitale Glaubenskommunikation gemacht und auch gerne weiter in der Gemeinde gearbeitet, in der ich bis dahin war. Liebe Grüße nach Frankfurt an der Stelle!

Frage: Wie war das für Sie, als dann klar war, dass Sie tatsächlich die geistliche Leitung beim BDKJ werden?

Quarch: Klar war das erst nach meiner Wahl. Erst haben die Bischöfe zugestimmt, dann musste sich auch noch der Verband für mich entscheiden. Ich war vor der Wahl im BDKJ nervöser als vor der Wahl der Bischöfe. Als dann abgestimmt wurde und ich gesehen habe: Ich bin gewählt worden, ich bin sogar mit großer Mehrheit gewählt worden, war ich erleichtert und habe mich sehr gefreut. Ich empfinde es als große Ehre, dass der Verband mir das zugetraut hat, dass ich das jetzt als erste Frau und dann auch noch als junge Frau ohne viel Verbandserfahrung mache.

Frage: Was für Reaktionen haben Sie bekommen?

Quarch: Ich habe aus den Verbandstrukturen, aus den Jugendverbänden, aus den Diözesanverbänden des BDKJ nur positive Reaktionen bekommen. Aber natürlich gab es auch negative Reaktionen - fast alles Facebook-Kommentare, Instagram-Kommentare, auch einige Instagram-Nachrichten und E-Mails. Die kamen von Leuten, für die meine Wahl, so würde ich es mal formulieren, eine sehr große Herausforderung war, die das sehr kritisch gesehen haben.  Ich hatte aber damit gerechnet, gerade auch digital Kritik zu bekommen. Das ist für mich nichts Neues, weil ich ja schon lange Instagram und TikTok mache. Wer als junge Frau irgendwas mit Feminismus im Internet macht, ist leider gewohnt, aus auch aus bestimmten christlichen Kreisen heftig angegangen zu werden. Deswegen hat das nicht so viel mit mir gemacht. Aber es hätte viel mit mir gemacht, wenn ich gemerkt hätte, dass es in den Verbandsstrukturen auch einzelne Verbände gibt, die sagen, sie können sich das nicht vorstellen. Das wäre für mich etwas ganz Anderes gewesen. Das würde mich jetzt immer noch sehr beschäftigen, ich würde dann aktiv probieren, ins Gespräch zu gehen. Das war aber bei Betreffenden nicht der Fall.

Von Hilde Regeniter