Begegnungen in neuem Bistum

Wilmer: Sehe mich nicht als taktstockschwingender Bischof

Veröffentlicht am 18.06.2026 um 12:20 Uhr – Von Jürgen Flatken – Lesedauer: 

Münster ‐ Bevor Bischof Heiner Wilmer sein neues Amt in Münster übernimmt, versucht er auf einer fünftägigen Pilgertour das Land und die Menschen kennenzulernen. Wie er künftig im Bistum vorgehen will, erklärt er im Interview.

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Eine Woche vor seiner Amtseinführung als Bischof von Münster pilgert Heiner Wilmer durch die unterschiedlichen Regionen seines neuen Bistums. Er will das Land und besonders die Menschen besser kennenlernen und gleich zu Beginn einen Ton setzen. Was das mit seinem Selbstverständnis als Bischof zu tun hat, erklärt Wilmer im Interview.

Frage: Bischof Wilmer, noch bevor Sie am kommenden Sonntag als Bischof von Münster eingeführt werden, machen Sie eine fünftägige Pilgertour durch Ihr neues Bistum. Warum das?

Wilmer: Mit meiner Pilgertour möchte ich von vornherein einen Ton setzen, der ins Bistum hinein klingen soll. Und dieser möge sich zu einer symphonischen Melodie entwickeln, so dass sich, wie in einem Orchester, durch ein harmonisches, vielschichtiges Ineinandergreifen vieler Elemente eine wohlklingende Melodie ergibt.

Frage: Im Orchester steht vorne der Dirigent, der den Musikern ihren Takt vorgibt. Was sagt dieses Bild über Sie und Ihr Selbstverständnis als zukünftiger Bischof von Münster aus?

Wilmer: Ich sehe mich nicht als taktstockschwingender Bischof. Im Gegenteil. Wir werden von Anfang an gemeinsam glaubend im Bistum unterwegs sein. Nicht "top down", auch nicht nur "face to face", sondern "side by side". Denken Sie an das großartige Bild der Emmausjünger, die mit Jesus ja auch Seite an Seite unterwegs waren. Wir werden uns gemeinsam mit dem Geheimnis des Glaubens auseinandersetzen und uns fragen: Wie gehst du mit Glaubenszweifeln um? Was hält und was trägt dich? Und was lässt dich innerlich groß und schön sein? Letztendlich werden wir uns das Leben erzählen, wie der kolumbianische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gabriel Gárcia Márques, den ich sehr verehre, in seiner Autobiografie "Leben, um davon zu erzählen" geschrieben hat. Lebe, um davon zu erzählen. Was für eine starke Aussage. Und was für ein Auftrag auch an uns Christen: Leben, um über unsere Beziehung zu Gott und unseren Glauben zu erzählen.

Frage: Papst Leo XIV. hat vor kurzem den Glaubensweg mit einer Pilgerschaft verglichen und der Suche der Menschen nach Wahrheit, Liebe und einem tragfähigen Sinn im Leben. Würden Sie das unterschreiben?

Wilmer: Das Bild des Pilgerns steht auch für mich als Symbol für das ganze Leben. Wir sind als Gemeinschaft unterwegs und wie Paulus sagt: Unsere Heimat ist der Himmel. Pilgern heißt für mich tatsächlich, auf ein Ziel zuzugehen und dabei das Irdische mit dem Überirdischen zu verbinden. Und vielleicht auch Raum und Zeit zu schaffen, Raum und Zeit zu haben für das Geheimnis und das Mysterium des Lebens, für das Große und Schöne. Für das Staunen über etwas Großartiges, das ich niemals begreifen werde, dass wir im Letzten Gott nennen. Pilgerschaft steht für mich für die Suche und Sehnsucht nach Gott, definitiv.

Bischof Heiner Wilmer pilgert mit Gläubigen seiner neuen Diözese durch das Oldenburger Münsterland
Bild: ©Jürgen Flatken

Bischof Heiner Wilmer pilgert mit Gläubigen seiner neuen Diözese durch das Oldenburger Münsterland.

Frage: Die ersten Pilgertouren sind gelaufen. Was haben Sie erfahren, dass hilfreich ist für Ihren Dienst als Bischof von Münster?

Wilmer: Die vielen Begegnungen und Gespräche haben mir erneut vor Augen geführt, dass die Menschen eine tiefe Sehnsucht haben nach Spiritualität, nach Getragensein, nach Gemeinschaft. Und dass nach wie vor der Glaube groß ist und im Leben der Menschen eine Rolle spielt. Sie sehnen sich nach einem Leben, das schön und groß ist, dass eine Grundierung hat und das Mysterium des Glaubens kennt. Das Wissen darum flößt mir einen unglaublichen Respekt vor den Menschen ein sowie vor der Schönheit und Größe dieser Welt und dieser Schöpfung. Gleichzeitig sehe ich darin auch meine Aufgabe als Bischof: die Menschen auf ihrem Glaubens- und Lebensweg zu begleiten und sie nach Kräften dabei zu unterstützen. Dabei verstehe ich mich als ein Mitarbeiter im Bistum Münster, der einen Auftrag hat: ein gutes Leben für alle zu ermöglichen im Sinne Gottes. Damit alle eine Heimat finden in Geborgenheit und Zuversicht.

Frage: Für alle heißt…?

Wilmer: Dass ich nicht nur für die Katholikinnen und Katholiken Verantwortung trage, sondern für alle Menschen, die auf dem Gebiet des Bistums Münster leben. Es ist meine feste Überzeugung, dass wir als katholische Kirche offen sein müssen für alle Menschen und ihnen eine Heimat geben können. Gastfreundschaft bezieht sich auf alle Menschen, unabhängig von Konfession, Religion, sozialer Stellung, Geschlecht oder Volkszugehörigkeit.

Von Jürgen Flatken