Gunda Werner: Theologie ist nicht "christologievergessen"

Hat sich die deutschsprachige Theologie "in ekklesiologischen Themen und der Ämterfrage" verstrickt? Das ist die Position von Kardinal Walter Kasper. Er wünscht sich, zur Mitte der christlichen Theologie und den christologischen Fragen zurückzukommen. Trifft der Vorwurf des Kardinals? Die Bochumer Dogmatikerin Gunda Werner wundert sich im katholisch.de-Interview über die Diagnosen des Kardinals: Die Lehre von Christus lässt sich für die Theologin nicht von der Lehre der Kirche trennen – und sie hat einige Kritik daran, wie in Rom die Erkenntnisse der akademischen Theologie aufgenommen werden.
Frage: Frau Professorin Werner, Kardinal Walter Kasper legt der deutschsprachigen Theologie ans Herz, mehr Christologie zu betreiben. Fühlen Sie sich da persönlich angesprochen?
Werner: Ich fühle mich schon deshalb nicht persönlich angesprochen, weil ich sein Anliegen nicht verstehe, und zwar aus verschiedenen Perspektiven. Ganz aktuell wurde ja durch das Jubiläum des Konzils von Nicäa im vergangenen Jahr ausgesprochen viel christologisch geforscht, es gab viele Veranstaltungen und Veröffentlichungen dazu, wie man die Christologie des Konzils von Nicäa, also die Wesenseinheit Jesu mit dem Vater, verstehen kann. Zudem wurde und wird viel geforscht zur Christologie – historisch, dogmatisch, komparativ, konfessionell wie ökumenisch. Neben klassischeren Themen gibt es auch neue Gebiete, die christologisch erschlossen werden, etwa mit Blick darauf, wie man Christologie und Schöpfung zusammendenken kann. Elizabeth Johnson mit ihrem Konzept von "Deep incarnation" ist ein Beispiel dafür: Dass Menschen durch ihre Stofflichkeit tief verbunden sind mit der ganzen Welt, und dass Christus das auch ist.
Frage: Eine US-amerikanische Theologin – Kasper hat von der deutschsprachigen Theologie gesprochen.
Werner: Das ist der nächste Punkt: Ist die Kategorie "deutschsprachige Theologie" überhaupt sinnvoll? Welche Forschung ist denn heute noch auf ein Sprachgebiet begrenzt? Wenn es hier einen Impuls geben könnte, dann in einen stärkeren Dialog zwischen den Theologien im englischen, deutschen und spanischen Sprachraum zu gehen als eine Provinzialisierung der Theologie zu wünschen.
Frage: Die Kritik stellt Christologie und Ekklesiologie gegeneinander. Ist das überhaupt ein Gegensatzpaar?
Werner: Schon von der dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium" her funktioniert das nicht: Das gesamte erste Kapitel der Kirchenkonstitution besteht aus einer christologischen Fundierung der Kirche. Die Heilsgeschichte wird darin in Christus fundiert, und Kirche als Ort dieser Heilsgeschichte, in der die Verbindung zwischen Gott und Mensch sichtbar werden soll. Im achten Kapitel dann wird Kirche als komplexes Gebilde gedacht, das aus einer sichtbaren und einer unsichtbaren Gestalt besteht. Dabei wird dies in eine unmittelbare Analogie zur christologischen Zwei-Naturen-Lehre, wie sie das Konzil von Chalcedon formuliert hat, gebracht. Wenn man das ernst nimmt, dann verbindet das Zweite Vatikanische Konzil die Ekklesiologie mit der Christologie, bis hin zur analogischen Rede der Struktur. Man kann also bereits in dieser dogmatischen Begründung von Kirche nicht einfach Christologie und Ekklesiologie trennen, sondern ist aufgefordert, von beiden Seiten zu klären, wie diese Analogie ausgedeutet werden kann. Wenn Kirche ein Sakrament der Gegenwart Gottes bei den Menschen sein soll, wie Lumen Gentium 1 formuliert, und das christologisch begründet wird, dann stehe ich als Dogmatikerin einigermaßen ratlos davor, wenn Christologie und Ekklesiologie als Gegensatzpaar aufgebaut werden.
Frage: Kardinal Kasper hat sich immer wieder kritisch über den Synodalen Weg geäußert, wo Ekklesiologie und Ämterfrage tatsächlich viele der zentralen Streitpunkte berührt haben. Geht es möglicherweise in der Kritik einer Christologie-Vergessenheit eigentlich eher um eine Kritik deutscher Reformbemühungen?
Werner: So habe ich das auch verstanden. Aber auch dahinter steckt die Vorstellung, dass sich das so eindeutig trennen ließe: Hier Christus, da die Ämterfrage. Dabei muss man ja gerade über Christus und über Christologie sprechen, wenn diese Ämter in einer unmittelbaren Logik und einer unmittelbaren Sukzession auf Christus zurückgeführt werden. Man kann ja gar nicht anders als beides zusammen zu diskutieren. Eine völlig abstrakte Christologie zu erforschen ist schwierig, weil es in der Theologiegeschichte immer Wechselwirkungen zwischen kirchlicher Realität, der Entwicklung der Ämter und dem Verständnis von Christus gab. Und heute stellt sich zudem die Frage, was eine rein abstrakte Christologie mit dem konkreten Leben der Menschen und der Kirche zu tun hat.
Kardinal Walter Kasper ist emeritierter Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen. Er war in Münster und Tübingen Professor für Dogmatik, bevor er Bischof von Rottenburg-Stuttgart wurde. Seit 1999 ist er im Vatikan.
Frage: Es gibt ja die These, dass der Synodale Weg einfach nicht theologisch genug gearbeitet hätte. Wie sehen Sie das?
Werner: Ich selbst war am Synodalen Weg nicht beteiligt, aber ich habe alle Texte gelesen. Diese Texte sind durchweg theologisch gut fundiert und ausgewogen argumentiert. Und das ist ja keine Überraschung, wenn man sich das Vorgehen des Synodalen Wegs anschaut: Die Beschlüsse mussten immer aus zwei Perspektiven bestehen, aus einer eher amtlichen durch die Sperrminorität der Bischöfe und weiterer Vertreter:innen einer traditionsorientierteren Perspektive sowie aus einer progressiveren durch die reformorientierten Teile des Gremiums.
Frage: Hätte etwas mehr Bezug auf die theologische Tradition nicht vielleicht geholfen?
Werner: Wenn jetzt der Verweis kommt, sich stärker auf die Kirchenväter und das Mittelalter zu beziehen, dann frage ich mich, was damit eigentlich gemeint ist. Wahrscheinlich die üblichen Herren: Augustinus, Thomas von Aquin, Anselm von Canterbury. Neue theologische Quellen, Frauen womöglich, aus dieser Zeit zu erschließen, ist wahrscheinlich weniger gemeint. Vermutlich würde es nicht darum gehen, Hildegard von Bingen in ihrer Trinitätstheologie oder Sor Juana Ines de la Cruz in ihrer Debatte um die Heilsleistungen Christi zu rezipieren. Der Appell, in die Tradition zu schauen, wirft immer die Frage auf: Welche Tradition? Wer entscheidet, wer zitiert wird? Wer zur Tradition gehört? Selbst bei den Kirchenvätern und im Mittelalter gibt es noch andere Traditionen, die eine andere Christologie vertreten haben. Ich denke an Duns Scotus – auf ihn geht ein christologisches Denken zurück, das sich nicht als Mainstream der amtlichen Theologie durchgesetzt hat, das sich aber heute zu erschließen lohnt.
Frage: Inwiefern?
Werner: Duns Scotes ist gewissermaßen der 'Bösewicht' der Freiheit. Er hat die doppelte Kontingenz Gottes gedacht: Gott war frei dafür, sich für die Schöpfung und genau diese zu entscheiden, und hat diese Schöpfung in die Freiheit entlassen. Für Joseph Ratzinger ist damit quasi das Übel in die Geistesgeschichte gekommen, die in einer Linie des Verfalls über Luther und seine Freiheit des Christenmenschen, Kant und die Autonomie, die als Autarkie falsch verstanden wird, hin zur Postmodern und den Achtundsechzigern führt. Man könnte diesen Gedanken der Freiheit aber auch christologisch stark machen. Elizabeth Johnson macht das und erinnert an Duns Scotus, dass Christus nicht immer nur vom Kreuz her gedacht werden muss, die Menschwerdung also nicht immer vom Sündenfall her: Die Menschwerdung als Konsequenz des Wesens Gottes als Liebe. Ein derartiges Denken, das aus einem Rückgriff auf eine Theologie des Mittelalters entwickelt wird, hat dann natürlich auch Auswirkungen auf die Ekklesiologie und die Ämterfrage – aber vielleicht nicht die, die Kardinal Kasper im Sinn hatte.
Frage: Anscheinend wird die "deutschsprachige Theologie", die Kasper meint, in Rom nicht verstanden oder zumindest nicht wahrgenommen. Wie kann die "deutschsprachige Theologie" das ändern?
Werner: Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt unsere Aufgabe als akademische Theologie ist, dafür zu sorgen, in Rom besser verstanden zu werden. Es gibt eine massive Spannung zwischen der intellektuellen und akademischen Komplexität der Theologie und dem, was die amtliche Lehrverkündigung daraus macht – oder nicht macht. Auf der einen Seite gibt es eine akademische Theologie, die international vernetzt komplex arbeitet, sehr unterschiedliche Argumentationsmöglichkeiten und Denkformen verbindet und aus einer umfangreichen Quellenbasis argumentiert, die weit über das Mittelalter und die Kirchenväter hinausgehen, die gegenwärtige exegetische, historische, soziale und humanwissenschaftliche Erkenntnisse aufnimmt – und auf der anderen Seite römische Dokumente, die dem gegenüber intellektuell abfallen und sich im Wesentlichen selbst zitieren. Natürlich werden Kirchenväter und mittelalterliche und neuzeitliche Theologen zitiert, aber eben nur bestimmte – sicherlich eben nicht Hildegard von Bingen als Theologin oder Juana Inés de la Cruz, eine der größten Gelehrten der frühen Neuzeit. Es ist an den Verfassern römischer Dokumente – und hier muss man nicht gendern –, sich endlich auf das Niveau einer akademischen Theologie zu begeben, und nicht umgekehrt.
Juana Inés de la Cruz (1648–1695) ist eine mexikanische Hieronymitin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Gelehrten der frühen Neuzeit.
Frage: Wie nehmen Sie das aktuell wahr?
Werner: Wie sich das im Pontifikat von Papst Leo XIV. entwickeln wird, kann ich nicht abschätzen. Ein gutes Beispiel von Papst Franziskus ist seine Enzyklika "Laudato si". Da sieht man eine sehr sorgfältige Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zur Klimakrise und zu Nachhaltigkeit – aber sobald der theologische Teil beginnt, gibt es einen enormen Absturz in der akademischen Dichte. Das ist leider kein Einzelfall, ich erinnere mich an kein römisches Dokument, wo es anders gewesen wäre. Der theologische Erkenntnisfortschritt wird einfach nicht zur Kenntnis genommen. Vieles, was aus Rom verlautet, ist historisch, exegetisch, dogmatisch, philosophisch nicht haltbar. Rezeption findet nur in Abgrenzung statt – etwa in den Verlautbarungen zu dem, was der Vatikan "Gender-Ideologie" nennt. Da ist nicht einmal klar, auf welche Theorien sich die Dokumente dazu beziehen. Der theologische, geschweige denn der sozialwissenschaftliche Diskurs dazu wird überhaupt nicht wahrgenommen.
Frage: Woran arbeiten Sie selbst gerade – und hat das mit Christologie zu tun?
Werner: Ich schreibe gerade an einer Ekklesiologie. Also genau an dem, was Kardinal Kasper sich weniger wünscht. Die Frage, die mich umtreibt, ist aber durchaus christologisch: Nämlich die Frage danach, ob die Identität der katholischen Kirche darin besteht, dass sie von Anfang an durch Ausschlüsse strukturiert wurde und die hergebrachte Ekklesiologie nur über diese Ausschlüsse funktioniert. Das christologisch zu reflektieren bedeutet, sich die Berufungsstruktur anzuschauen, die auf die erst-persönliche Begegnung mit Jesus zurückgeht: Jesus ruft die ersten Jünger:innen zu sich, und diese persönliche Begegnung begründet später das Amtsverständnis, das als Kette der Berufungen ausgehend von der ursprünglichen Begegnung ausgeht. Diese doppelte Struktur der Legitimation – von Ämtern sowie von Berufung – zeichnet die katholische Kirche aus und ist zugleich problematisch. Da verbinden sich dann wieder Ekklesiologie und Christologie.
Frage: Wo sehen Sie in Ihrem Forschungsgebiet aktuell interessante christologische Fragestellungen?
Werner: Das schon erwähnte Konzept der "Deep incarnation" von Elizabeth Johnson würde sich sehr lohnen, stärker in der christologischen Forschung aufgenommen zu werden, weil es eine Möglichkeit aufzeigt, Theologie und Evolution auf einer christologischen Ebene zusammen zu denken. Ute Leimgruber hat gerade in ihrem neuen Buch Strukturen von Missbrauch offengelegt und dabei auch christologische Motive problematisiert, die in missbräuchlichen Kontexten eine Rolle spielen. Interessant sind auch queertheologische Christologien: Was bedeutet "queering Christ", gibt es "gender trouble" bei Christus – oder müssen wir ihn immer nur unter dem Interpretationsrahmen "Mann" denken? Linn Marie Tonstad in Yale forscht dazu. Bradford Hinze hat den Gedanken des Gehorsams Jesu neu reflektiert – für eine trinitätstheologisch fundierte Christologie und ihre Auswirkugnen auf die Ekklesiologie. Dies sind alles sehr inspirierende Arten, Theologie zu treiben, weil es den Blick auf klassische Christologien weitet und neue Perspektiven eröffnet.