Missbrauchsvorwürfe gegen Franz Hengsbach: Keine Zeit für Idole

Die Statue ist schon weg. Von 2011 an hatte auf dem Essener Domhof eine – künstlerisch umstrittene – Figur des ersten Essener Bischofs Franz Hengsbach (1910–1991) gestanden. Nach Enthüllungen um mögliche Missbrauchstaten des Kirchenmanns wurde sie 2023 abgebaut. Doch das war nur der erste Schritt des tiefen Falls eines einst gefeierten Kirchenmannes.
Als 1958 das Bistum Essen als "Ruhrbistum" für das Ruhrgebiet errichtet wurde, wurde der damalige Paderborner Weihbischof Hengsbach der erste Bischof. Sein Programm drückte schon sein Bischofsring aus: Anstatt eines Edelsteins war darin ein Stück Kohle eingefasst. In seiner Zeit als Essener Oberhirte (1958–1991) fuhr Hengsbach (seit 1988 Kardinal) mit den Kumpeln in den Kohlezechen unter Tage und vermittelte in Konflikten zwischen Arbeitern und Unternehmern. Das sorgte für ein Renommée auch über Kirchenkreise hinaus: Helmut Schmidt nannte ihn einst die "wichtigste Person des Ruhrgebietes".
Doch es gab auch die andere Seite des Franz Hengsbach: Weil sie Zweifel an der biologischen Realität der Jungfrauengeburt Marias geäußert hatte, entzog er der Essener Theologin Uta Ranke-Heinemann 1987 die Lehrerlaubnis, Forderungen nach einer Aufhebung des Zölibats nannte er 1988 eine "Krise des Glaubens". Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer plädierte schon 2017 für einen realistischeren Blick auf Hengsbach, der neben seinen Verdiensten auch eine Atmosphäre der Angst verbreitet habe.
Meldungen ab 2011
Dann kamen die Vorwürfe des Missbrauchs: 2011 hatte sich eine Frau beim Erzbistum Paderborn gemeldet und angegeben, 1954 als 16-Jährige von Hengsbach und seinem Bruder (der auch Priester war, beide standen zu der Zeit in Diensten des Erzbistums Paderborn) mehrfach missbraucht worden zu sein. Der damals noch lebende Bruder bestritt die Vorwürfe, das Erzbistum bewertete sie als unplausibel. Dabei ließ man in Paderborn allerdings bereits bestehende Vorwürfe gegen den Bruder unbeachtet – heute sieht das Erzbistum Paderborn die damalige Einschätzung als Fehler.
Im Jahr 2011 wurde der Fall an den Vatikan gemeldet, der ihn nicht weiterverfolgte. Das Erzbistum Paderborn leitete einen Antrag auf Anerkennung des Leides der Frau nicht an die entsprechende Stelle bei der Deutschen Bischofskonferenz weiter, informierte aber den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck – der nichts tat.
2022 dann meldete sich eine Person beim Bistum Essen und gab an, 1967 von Hengsbach (damals dann Essener Bischof) sexuell angegangen worden zu sein. Im Jahr darauf ließ Overbeck weiter nachforschen und die Aktenlage aus dem Jahr 2011 kam wieder zum Vorschein. Overbeck – der sich für sein Handeln im Jahr 2011 entschuldigte – brachte die Vorwürfe an die Öffentlichkeit.
Hengsbach wurde lange hoch angesehen und schien dadurch unangreifbar.
Daran knüpfte nun die Untersuchung des Münchner Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), das auch die Essener Missbrauchsstudie 2023 verantwortet hatte, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und der Berliner Institut Dissens an. Ihre Forschung hatte dadurch einen Rückschlag erlitten, dass der Hamburger Studienleiter Thomas Großbölting bei einem tragischen Unfall im Februar 2025 verstorben war. Insgesamt werteten die Teams 12 Fallakten, 34 Personal- und Geheimakten sowie Archivakten aus. Zudem gingen nach einem Aufruf im Jahr 2024 66 Meldungen ein. Daraus wurden 28 Interviews mit Betroffenen, Zeitzeugen und Bistumsverantwortlichen geführt.
Nun also ein Zwischenstand in der Causa Hengsbach und der Missbrauch: Insgesamt zwölf Vorwürfe der sexuellen Gewalt gegen Minderjährige haben die Forschenden gefunden. Welche davon als gut belegt gelten, da unterscheiden sich die beteiligten Institute. Alle gemeinsam werten jedoch drei Vorwürfe als gut belegt und plausibel, die sich auf Mädchen beziehen.
Chronologisch gesehen der erste dieser Vorwürfe ist jener aus den 1950er Jahren. "Den Aussagen einer Betroffenen zufolge soll Hengsbach sie Mitte der 1950er Jahre während eines Hauswirtschaftsjahres im Sauerland als damals Sechzehnjährige mehrfach aufgesucht, sie zu sexuellen Handlungen gezwungen und dabei verharmlosende Sprache benutzt haben", so die Forschenden. Es geht darum, dass er sie zur Masturbation an sich gezwungen haben soll. "Der Vorwurf zeichnet sich durch hohe Konsistenz und biografische Kohärenz aus."
Jugendliche wurden Opfer
Der zweite ist der vor einigen Jahren gemeldete aus den 1960er Jahren: "Eine damals etwa dreizehnjährige Jugendliche soll in den 1960er Jahren mehrmals von Hengsbach im Brustbereich unterhalb der Kleidung berührt worden sein." Einen ähnlichen Vorwurf gibt es nun auch aus den 1980er Jahren: "Eine damals dreizehnjährige Firmandin soll nach dem Gottesdienst in die Sakristei gebeten worden sein, wo Hengsbach sie im Brustbereich berührt und sexualisiert angesprochen haben soll. Die Muster der Instrumentalisierung des Firmgottesdienstes, Herstellung isolierter Situationen und Ausnutzung sakraler Autorität wiederholten sich über drei Jahrzehnte hinweg", heißt es.
Daneben gibt es nun auch Vorwürfe von Gewalt gegen Jungen, die die Forschenden unterschiedlich einschätzen: "In einem Kinderheim soll sich Hengsbach gegenüber einem Jungen in sexualisierter Weise grenzverletzend verhalten haben, indem er diesen auf den Schoß genommen und in einer anderen Situation dessen Kopf zwischen die Beine gedrückt haben soll", so die Forschenden des FZH. Das gleiche Muster in den späten 1960er Jahren: Wieder sollte ein Firmling nach dem Gottesdienst in der Sakristei auf Hengsbachs Schoß hin- und herrutschen. Diese fünf Vorwürfe zeichnen sich laut den Studienverantwortlichen "durch hohe inhaltliche Konsistenz, Detailgenauigkeit und biografische Kohärenz aus".
Insgesamt gibt es vier Vorwürfe von Jungen. Diese schätzen die Forschenden unterschiedlich ein, ob es sich dabei um sexuelle Gewalt handelt. Das gesamte Team fordert dabei, alle Fälle weiter zu verfolgen. Dagegen gab es auch Vorwürfe "schwerster sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt vor, die in der Darstellung der Melder*innen zum Teil satanisch-rituelle Bezüge aufweisen". Es wurden aber keine Hinweise darauf gefunden, "dass die rituelle Gewalt in der beschriebenen Form stattgefunden hat oder dass Franz Hengsbach selbst an der Ausübung solcher spezifischer Gewaltformen beteiligt war".
Zeichen jahrelanger Ehrung: Eine mittlerweile zurückgenommene Platzbenennung in Essen.
Dazu haben die Forschenden in Akten und Interviews Vorwürfe etwa zu "destruktivem Machtgebrauch" und "Grenzverletzungen und irritierender körperlicher Nähe" aufgetan. Letztere passen in das Muster, dass sich auch bei den Missbrauchsvorwürfen zeigt: "Verschiedene Interviewpartner berichten von irritierendem Körperkontakt und körperlicher Nähe, ohne diese Erfahrungen als sexuell konnotiert zu interpretieren." Eine Vorwurfsmeldung kam so kurzfristig, dass sie nicht mehr umfangreich analysiert werden konnte.
Ein großer weiterer Aspekt ist die Mitwisserschaft Hengsbachs zu Missbrauchstaten in seinem Bistum. "Mehrere Personen gaben an, sich Franz Hengsbach anvertraut und ihm von erlittener sexualisierter Gewalt in privaten oder pädagogischen Kontexten erzählt zu haben", stellen die Forschenden fest. Der Bischof reagierte wie viele kirchliche Amtsträger: "Hengsbach habe auf diese Berichte abwehrend und ablehnend reagiert. Konsequenzen für die Beschuldigten seien nicht erfolgt." Dieser Komplex ist bislang noch nicht gut belegt, er steht in der zweiten Phase des Projekts im Mittelpunkt.
Der Bericht wirft ein Schlaglicht nicht nur auf die Person Hengsbach als Individuum, sondern auf ein System Kirche. Nach vorne hin war Hengsbach der volksnahe, seit 1968 aber mehr und mehr auch gesellschaftliche konservative Kirchenmann mit Profil, der öffentlich an Moral und Sittlichkeit appellierte, hinter verschlossenen Türen aber ganz anders agierte. "Die Akkumulation von Ämtern und Ehrungen, fehlende Kontrolle bischöflicher Macht und der Nimbus der Unangreifbarkeit schufen Verhältnisse, die Grenzübertretungen ermöglichten und Aufklärung verhinderten", formulieren es die Forschenden. "Diese Strukturen waren nicht allein an Hengsbach als Person geknüpft, sondern – so eine These – kennzeichnen den katholischen Episkopat und Klerus im 20. Jahrhundert insgesamt."
Hengsbach kein Solitär
Hengsbach ist nicht der einzige hochrangige Kirchenvertreter, dem Missbrauch vorgeworfen wird: Der frühere Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen (1907–1988), der Paderborner Kardinal Johannes Joachim Degenhardt (1926–2002), gegen beide gibt es Missbrauchsvorwürfe, wiewohl die angesichts des zeitlichen Abstandes heute oft nur noch schwer belegbar sind. Auch etwa gegen den Münsteraner Oberhirten Reinhard Lettmann (1933–2013) gibt es einen Vorwurf wegen eines Übergriffs.
Auffällig ist: Es sind Männer der gleichen Generation, die – in ihrer Lebenszeit anscheinend zu Recht – davon ausgingen, sich alles erlauben zu können. Die kirchlichen und gesellschaftlichen Strukturen gaben ihnen alle Freiheiten dazu. Lange eilte ihr guter Ruf ihnen voraus und Vorwürfe verschwanden in Schubladen, die jahrelang nicht mehr geöffnet wurden. Erst seit einigen Jahren ist weniger sicher, dass diese Schubladen geschlossen bleiben. Dazu trägt auch ein öffentliches Bewusstsein bei, das sich gewandelt hat. Das Denkmal für Franz Hengsbach ist schon gefallen, der Straßenname verschwunden. Es dürfte nicht der Letzte gewesen sein.
Link zum Zwischenbericht
Der gesamte Zwischenbericht ist hier abrufbar.